"Während ihr spaltet, vereinen wir", schrieb Gianni Infantino am Montag in einem langen Social-Media-Beitrag an seine Kritiker. Einen Tag später hatte er die Fußballwelt tatsächlich geeint - allerdings gegen seine neuesten Pläne.
Nachdem zunächst die britischen Zeitungen The Times und Financial Times darüber berichtet hatten, bestätigte die FIFA am Dienstag die Gründung einer neuen Tochtergesellschaft namens FIFA Forward Enterprise (FFE). Sie soll es ermöglichen, einen Minderheitsanteil am WM-Geschäft für mehrere Milliarden Dollar an private Investoren zu verkaufen.
Zu den möglichen Investoren gehört demnach Thrive Eternal, die Investmentgesellschaft von Joshua Kushner. Er ist der jüngere Bruder von Jared Kushner, dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump.
Der Deutsche Fußball-Bund kritisierte das Vorhaben scharf.
"Es ist ein fatales Zeichen, die Fußball-WM für Investoren zu öffnen", sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf. "Der Fußball lebt von der Akzeptanz der Gesellschaft, wir dürfen ihn nicht zum Spielball von Investoren machen."
Neuendorf kritisierte zudem, dass selbst Mitglieder des FIFA-Councils erst aus der Zeitung von den Plänen erfahren hätten. Das Vorgehen sei "nicht zustimmungsfähig". Auch einen möglichen Boykott durch europäische Verbände schloss er nicht aus.
"Aus meiner Sicht ist das durchaus eine Option", sagte Neuendorf im ZDF. "Ich würde mich so einem Gedanken nicht verschließen."
Warum ist der FIFA-Plan so umstritten?
Neben möglichen Interessenkonflikten aufgrund Infantinos Nähe zu Trump gibt es erhebliche Bedenken hinsichtlich Transparenz, Kontrolle und der Frage, ob die FIFA einen solchen Schritt ohne umfassende Beteiligung ihrer Mitglieder beschließen darf.
"Die Weltmeisterschaft ist eines der wenigen wirklich globalen Sportereignisse. Damit geht eine Verantwortung einher, die über reine Gewinnmaximierung hinausgeht", sagte Bret Myers, Professor für Sportmanagement an der Villanova University in Pennsylvania, der DW.
Der US-Bezug ist dabei von Bedeutung. Das geplante Modell erinnert an nordamerikanische Sportligen, in denen private Eigentümer und Investoren seit Langem eine zentrale Rolle spielen. Auch die Formel 1 wurde grundlegend kommerzialisiert, nachdem sie 2017 von Liberty Media übernommen worden war.
Greg Maffei, ein früherer Liberty-Chef, soll die FIFA bei dem neuen Modell beraten haben.
"Nordamerikanische Sportligen arbeiten traditionell in einem stärker kommerziell geprägten Umfeld", sagte Myers. "Im europäischen Fußball werden Vereine und Wettbewerbe dagegen viel stärker als kulturelle Institutionen und nicht nur als wirtschaftliche Vermögenswerte verstanden."

Die grundsätzliche Sorge ist, dass der geplante Minderheitsverkauf nur der erste Schritt hin zu einer teilweise privatisierten Weltmeisterschaft sein könnte.
"Eine Minderheitsbeteiligung ist etwas anderes als die Abgabe der Kontrolle", sagte Myers. Dennoch stelle das Vorhaben einen erheblichen Wandel bei der Finanzierung und kommerziellen Steuerung der WM dar.
Warum braucht die FIFA überhaupt Investoren?
Die FIFA ist als Non-Profit-Organisation organisiert und verfügt über Rücklagen von schätzungsweise acht Milliarden Dollar. Gleichzeitig stiegen bei der vergangenen Weltmeisterschaft die Ticketpreise in eine bisher im Fußball nicht gekannte Dimension.
Kritiker fragen deshalb, warum der Verband zusätzliche Milliarden von Investoren benötigt. Schließlich besteht seine eigentliche Aufgabe darin, den Fußball weltweit zu entwickeln und nicht darin, möglichst hohe Gewinne zu erzielen.
Es besteht zudem der Verdacht, dass die neuen Einnahmen Infantinos Machtposition stärken könnten. Die kontinentalen Verbände waren an den Planungen offenbar kaum beteiligt.
Die FIFA verspricht, die Erlöse wieder in den Fußball zu investieren. Alle 211 Mitgliedsverbände sollen 2027 jeweils 20 Millionen Dollar erhalten. Bis 2035 soll der Betrag auf 24 Millionen steigen.
Die Verbände müssen sich jedoch bis zum 19. September entscheiden, ob sie das Modell unterstützen. Andernfalls könnten die Zahlungen reduziert oder gestrichen werden.
"Der Präsident kontrolliert diesen riesigen Geldtopf und nutzt ihn, um diejenigen zu belohnen, die ihn unterstützen, und diejenigen zu bestrafen, die es nicht tun", sagte Miguel Maduro, ehemaliger Vorsitzender des FIFA-Governance-, Audit- und Compliance-Komitees, der DW.
Die FIFA könne mit dem Geld viel Gutes bewirken, sagte Maduro. Es fehle jedoch an Kontrolle und Rechenschaftspflicht. Die Erfahrungen der Vergangenheit machten ihn misstrauisch, wie die Gelder letztlich verwendet würden.
Wie reagiert die Fußballwelt?
Die Reaktionen sind nahezu durchweg negativ. Nationale Verbände, Fanorganisationen und Fußballfunktionäre kritisieren sowohl den Inhalt des Plans als auch die mangelnde Abstimmung.
Besonders bemerkenswert war die Reaktion des Asiatischen Fußballverbands AFC. Er erklärte, nicht konsultiert worden zu sein und zeigte sich enttäuscht über das Vorgehen der FIFA.
Das ist politisch relevant, weil Asien und Afrika bislang als wichtigste Machtbasis Infantinos galten. Zusammen stellen sie 101 der 211 nationalen Mitgliedsverbände, die jeweils eine Stimme bei der FIFA-Präsidentenwahl haben.

Auch die nord- und mittelamerikanische Konföderation CONCACAF kritisierte die Art, wie der Plan veröffentlicht wurde.
Kann die UEFA den Plan stoppen?
Die UEFA gilt derzeit als stärkster möglicher Gegenspieler der FIFA. Sie erklärte, der Fußball sei "nicht Eigentum der FIFA und daher auch nicht von ihr zu verkaufen".
Nach Medienberichten wollen die europäischen Verbände kurzfristig in einer außerordentlichen Krisensitzung über ihre nächsten Schritte beraten. Maduro unterstützt die Kritik der UEFA, warnt aber davor, das Problem allein auf Infantino zu reduzieren.
"Ich glaube nicht, dass die Probleme bei der UEFA dieselbe Dimension haben wie bei der FIFA", sagte er. "Aber auch dort gibt es ernsthafte Probleme bei der Verbandsführung."
Nur Infantino zu ersetzen, ohne die Strukturen zu verändern, reiche nicht aus. Damit würden lediglich einige "faule Äpfel" entfernt, nicht aber die Wurzel des Problems bekämpft.

Welche Folgen könnte der Streit haben?
Die Kritik aus Asien, Europa und Nordamerika könnte den Widerstand gegen Infantino erhöhen. Denkbar wäre, dass sich die Kontinentalverbände auf einen Gegenkandidaten für die nächste FIFA-Präsidentenwahl einigen.
Auch Boykottdrohungen rund um die kommende Frauen-WM stehen im Raum. Maduro bezweifelt allerdings, dass die Verbände ihren öffentlichen Worten tatsächlich Taten folgen lassen.
"Oft distanzieren sie sich unter dem Druck der Öffentlichkeit von FIFA-Plänen", sagte er. Später würden die Drohungen jedoch stillschweigend fallengelassen.
Sollte das neue Geschäftsmodell umgesetzt werden, sieht Maduro darin einen Türöffner für immer weitere Kommerzialisierungen. Die FIFA könnte versuchen, Weltmeisterschaften häufiger auszutragen und die bereits vergrößerte Klub-WM weiter auszubauen.
Langfristig könnte sie so stärker in Konkurrenz zur UEFA und deren lukrativer Champions League treten.
"Sie werden versuchen, daraus den wichtigsten internationalen Vereinswettbewerb zu machen, anstelle der Champions League", sagte Maduro. "Das liegt in ihrem kommerziellen Interesse."
Dieser Artikel wurde aus dem englischen Original World Cup sell off: Has FIFA finally gone too far?adaptiert.