Fröhlich-heiter plätschert Klaviermusik aus dem Telefon: „Sie sind auf Platz 38 der Warteschlange“, sagt eine elektronische Stimme. Das ist bei der Hotline nicht ungewöhnlich, über die man in dringlichen Fällen einen Psychotherapieplatz vermittelt bekommen soll. Nachdem Nora Meyer* (Name von der Redaktion geändert) das erste Mal drei Stunden gewartet hat, sagt man ihr, man könne nicht helfen, weil sie noch nicht umgemeldet sei.
Sie ist verzweifelt. Über ein Jahr hat sie nach einem Therapieplatz gesucht: erst in München, dann in Berlin und schließlich in Hamburg. Die letzten Monate fraß die Suche so viel Zeit wie ein Teilzeitjob. Über 15 Mails schrieb sie an Hamburger Therapeutinnen. Kaum jemand konnte sie auf die Warteliste setzen. Eine Therapeutin antwortete ihr, es würde bald sogar noch schwieriger werden. Eine andere schickte ihr direkt den Link zur Petition gegen die geplanten Kürzungen bei den Therapien.
Die Psychotherapie droht, zu einem Luxusgut zu werden
Diese Kürzungen wurden jetzt umgesetzt. Die Einsparungen im Gesundheitssystem, die die Bundesregierung am 10. Juli beschlossen hat, treffen die Psychotherapeut:innen besonders hart. Ihnen soll aufgrund der geplanten festen Budgets, statt der tatsächlichen Stunden abgerechnet werden. Wie viel genau, ist bisher nicht klar. Sicher ist: Es wird jetzt noch schwieriger, einen Therapieplatz zu finden, da die Anzahl der Patient:innen künftig von den Krankenkassen festgelegt werden soll.
Während die Honorarkürzungen um 4,5 Prozent, die im April angekündigt wurden, aufgrund einer Klage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) erst einmal ausgesetzt sind, tritt die Begrenzung der abrechenbaren Leistungen ab Januar 2027 in Kraft. Besonders die Therapeut:innen, die nur auf einem halben Kassensitz arbeiten, werden deshalb künftig sehr viel weniger Stunden anbieten können als bisher.
Viele Therapeut:innen fürchten, dass sie auf Selbstzahler umstellen müssen. Damit droht sich die Psychotherapie in ein Luxusgut zu verwandeln. Die Wut darüber ist groß. „Ich habe nicht zehn Jahre meines Lebens und mein gesamtes Erspartes in diese Ausbildung investiert, um am Ende eine Dienstleistung für eine privilegierte Minderheit zu werden“, sagt Alice Jordan, eine angehende Psychotherapeutin aus Frankfurt am Main.
15-Milliarden-Lücke: Warum Deutschland trotz hoher Ausgaben schlecht versorgt ist
Hintergrund der Kürzungen sind die stark gestiegenen Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen. Der Zusatzbeitrag hat sich seit 2022 mehr als verdoppelt. Und trotzdem drohte im Jahr 2027 eine Deckungslücke von 15 Milliarden Euro.
Im internationalen Vergleich gibt Deutschland viel für das Gesundheitssystem aus. Laut OECD-Vergleich steht Deutschland mit knapp 10.000 Dollar pro Person im Jahr auf dem vierten Platz der Weltrangliste. „Aber die erlebte Versorgung – die Wartezeiten, die Unterversorgung – steht in keinem Verhältnis zu dem, was wir investieren“, so Alexander Konnopka, Gesundheitsökonom an der Universität Leipzig, gegenüber dem Freitag.
Nora Meyer ist inzwischen in Hamburg gemeldet. Sie versucht es immer wieder über die Hotline. Nach drei Stunden erklärt man ihr, dass der Vermittlungscode, den man in dringenden Fällen für einen Facharzttermin benötigt, nicht mehr gültig sei. Als sie während des Gesprächs zu weinen begann, gab ihr der Mitarbeiter ausnahmsweise einen neuen Code. Von der vermittelten Therapeutin erhielt sie eine automatische Mail mit dem Hinweis auf einen sechswöchigen Urlaub zurück.
RKI: 2024 wurden über 40 Prozent der Erwachsenen mit einer Störung diagnostiziert
Obwohl im Koalitionsvertrag der aktuellen Regierung noch von einer Verbesserung die Rede war, soll nun bei der psychotherapeutischen Versorgung besonders gekürzt werden. Der Grund: Die Ausgaben hätten sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt, so das Gesundheitsministerium auf Nachfrage des Freitag. Die Psychotherapeut:innen sind seit Jahren die am stärksten wachsende Berufsgruppe innerhalb der Fachärzteschaft.
Seit 2012 waren die Psychotherapeut:innen von der Budgetregelung befreit. Diese gilt im Normalfall für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte. Das hat zur Folge, dass heute oft mehrere Therapeut:innen auf einem Kassensitz behandeln. Wird die Abrechnung über das Budget eingeführt, wird pro Kassensitz nur noch eine bestimmte Summe an Leistungen voll abrechenbar sein.
Alle weiteren Leistungen werden mit Abstrichen oder gar nicht mehr vergütet. Allein 2024 wurden in Deutschland laut Robert Koch-Institut über 40 Prozent der Erwachsenen mit einer psychischen Störung diagnostiziert. Diese Zahl ist seit 2012 stetig gewachsen. Enno Maaß, Bundesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV), geht eher von konstanten 28 Prozent aus, die an einer psychischen Störung leiden. Aber auch davon könnten derzeit nur einen Bruchteil behandelt werden.
57 Milliarden Euro verliert die deutsche Wirtschaft pro Jahr durch psychische Probleme
Vor allem die Pandemie hat die Versorgungslage noch verschlechtert. Laut einer Studie der Bundespsychotherapeutenkammer habe die durchschnittliche Wartezeit im Jahr 2022 auf einen Therapiebeginn bei vier bis sechs Monaten gelegen, vor allem bei der Versorgung von Kindern und Jugendlichen – etwa jeder vierte Heranwachsende berichtet seit der Pandemie über psychische Belastungen. Ebenfalls länger warten müssen Menschen in ländlichen Regionen. „Die Wartezeiten bleiben weiterhin ein großer Kritikpunkt, den wir sehr ernst nehmen“, heißt es aus dem Gesundheitsministerium.
Nora Meyer hat immer wieder ans Aufgeben gedacht. Und das, obwohl „der Druck hoch war“, wie sie dem Freitag erzählt. In einem Dringlichkeitsgespräch schlägt ihr die Therapeutin sogar eine Tagesklinik vor, so sehr schränkt sie ihre Phobie im Alltag und im Berufsleben ein.
Mit diesem Problem ist sie nicht allein. 57 Milliarden Euro würde die deutsche Volkswirtschaft jedes Jahr durch psychisch bedingte Arbeitsausfälle verlieren, sagt Theresa Entringer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, Tendenz stark steigend. Gesundheitsökonom Alexander Konnopka glaubt, dass die Zahl sogar noch zu niedrig angesetzt ist. Nicht eingerechnet seien etwa Bürgergeldempfänger:innen, die aus psychischen Gründen nicht arbeiten können.
Alexander Konnopka: „Krankenhäuser verdienen mit der Behandlung viel Geld“
Nimmt man diese Einbußen noch dazu, würden die Kosten psychischer Krankheiten schätzungsweise über 150 Milliarden pro Jahr betragen. Im Gegenzug zeigt eine Studie der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2016, dass auf jeden in die psychologische Versorgung investierten US-Dollar vier Dollar an Produktivität gewonnen werden.
Statt die Versorgung herunterzufahren, könnte man sie umstellen, sagt Konnopka. Der stationäre Anteil psychischer Behandlungen sei in Deutschland viel höher als in anderen Ländern. Dabei kostet ein Bett im Krankenhaus mehr als eine ambulante Behandlung. „Das ist aber schwer durchzusetzen“, so Konnopka. „Auch, weil die Krankenhäuser mit der psychiatrischen Behandlung viel Geld verdienen.“
Wenig Aufmerksamkeit bekommt die Frage, wieso so viele Menschen an psychischen Problemen leiden. Oder ist es heutzutage einfach gesellschaftlich akzeptierter geworden, sich Hilfe zu holen?
Enno Maaß, selbst behandelnder Psychotherapeut, pocht darauf, dass diese Entwicklungen auch mit den sozialen Bedingungen zu tun haben: „Es hat eine Verlagerung von körperlicher zu psychischer Belastung stattgefunden.“ Studien zufolge tragen geringe Selbstbestimmung am Arbeitsplatz und unsichere Arbeitsverhältnisse besonders dazu bei.
Arbeitsdruck als Ursache: Warum psychische Erkrankungen in Deutschland zunehmen
Aber nicht nur bei der Arbeit, sondern auch in Schulen und Universitäten könne man beobachten, dass Isolation und Leistungsdruck zunehmen, sagt Maaß. Gleichzeitig erforderten Arbeitsbedingungen heutzutage Fähigkeiten – wie Konzentration in einem Großraumbüro oder die Kommunikation mit vielen Menschen – die mit einer psychischen Erkrankung besonders schwerfallen würden.
Fast paradox ist es, dass gerade in der aktuellen Politik besonders der Wirtschaftsfaktor psychische Gesundheit derart zweitrangig behandelt wird.
Nora Meyer jedenfalls geht es heute besser. Sie hat schließlich eine Psychotherapeutin in Ausbildung gefunden, die ihr einen Platz anbieten konnte. „Die ist super“, sagt sie. Für sie sei es nach langer Suche ein echter Glücksgriff.