Publiziert20. August 2026, 13:52
Ein Jahr vor Wahlen«Referendum als Waffe»: Aufwärtstrend für die SP zeichnet sich ab
Die SP erzielte in den letzten Jahren Erfolge an der Urne und legte in einigen Kantonen zu. Dennoch muss einiges zusammenpassen, damit sie die Wahlen im nächsten Jahr gewinnt, wie die Politologin Corina Schena sagt.

Darum gehts
- Ein Jahr vor den Wahlen 2027 zieht die SP laut Politologin Corina Schena eine überwiegend positive Zwischenbilanz.
- Als grössten Erfolg der Legislatur gilt das Ja zur 13. AHV-Rente; mit Referenden stoppte die SP mehrere bürgerliche Vorlagen.
- Ein leichter Aufwärtstrend sei möglich, wenn die SP den Wahlkampf weg von der Migration hin zu Kaufkraft und Gesundheitskosten lenkt.
Wie gut sind die Schweizer Parteien ein Jahr vor den Wahlen im Herbst 2027 in Form? In Teil fünf der Serie beleuchtet 20 Minuten mit Politologin Corina Schena die Sozialdemokraten.
Der Formstand der Parteien ein Jahr vor den Wahlen
Bereits erschienen in der Serie
2023 erzielte die SP einen Wähleranteil von 18,3 Prozent und verfügt aktuell über 48 Sitze in der Vereinigten Bundesversammlung.
Die Bilanz: «Positiver als erwartet – Referendum als Waffe»
Die SP könne in der aktuellen Legislatur eine «überwiegend positive Zwischenbilanz» ziehen, findet Corina Schena. Bei den kantonalen Wahlen legte sie im Durchschnitt leicht zu – um rund 0,4 Prozentpunkte. Die grössten Gewinne erzielte sie in Schaffhausen (+6,2 Prozentpunkte), Neuenburg (+5,5) und im Wallis (+3,2).
Die Politologin

Politikwissenschaftlerin Corina Schena arbeitet als Projektleiterin beim Forschungsinstitut gfs.bern und hat zuvor Politikwissenschaft an den Universitäten Luzern und Bern studiert, mit einem Master in «Schweizer Politik und Vergleichende Politik». Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem Abstimmungen, Wahlen und Gesundheitspolitik.
Rückschläge gab es dagegen in der Zentralschweiz: Sowohl in Obwalden (–4,5), Uri (–3,1), Schwyz (–1,8). Auch in Graubünden (–2,6) musste die linke Partei Federn lassen. «Diese Ergebnisse müssen auch im Zusammenspiel mit den Grünen betrachtet werden. Beide Parteien sprechen eine ähnliche Wählerschaft an», so die Expertin. Lege die eine zu, verliere häufig die andere.
Positiver als erwartet falle die Abstimmungsbilanz aus. «Der grösste Erfolg war 2024 das Ja zur 13. AHV-Rente, der erste Sieg einer linken Sozialinitiative auf nationaler Ebene», sagt die Politologin. Die eigentliche Waffe der SP sei aber das Referendum. «Als Parlamentsminderheit stoppte sie an der Urne wiederholt bürgerliche Vorlagen wie die BVG-Reform, den Autobahnausbau und zwei Mietrechts-Lockerungen.» Weniger erfolgreich sei sie mit eigenen Initiativen: Prämien-Entlastung, Klimafonds und Erbschaftssteuer scheiterten klar.
Die Themen Wohn- und Gesundheitskosten spielen der SP in die Hände
Die SP wolle den Wahlkampf auf ihr eigenes Terrain – Kaufkraft und soziale Verteilung – ziehen, sagt Schena. Die hohen Gesundheitskosten und steigenden Wohnkosten würden der SP in die Hände spielen. Mit einer neuen Prämien-Initiative, die Gutverdienende stärker beteiligen soll, halte sie den Kostendruck im Gesundheitswesen auf der politischen Agenda.
SP-Co-Chefin Meyer: «Müssen den Mitte-rechts-Durchmarsch stoppen»
Frau Meyer, was empfinden Sie seit den Wahlen 2023 als die grössten Erfolge der Partei? Und welche Chancen haben Sie verpasst?

Gemeinsam mit der Bevölkerung haben wir entscheidende Fortschritte erreicht: Das Ja zur 13. AHV-Rente schützt die Kaufkraft von Tausenden von Rentnerinnen und Rentnern. Gleichzeitig haben wir Verschlechterungen verhindert: Die missratene Pensionskassenreform und die Angriffe aufs Mietrecht scheiterten an der Urne. Im Parlament konnten wir mit dem Kita-Gesetz – dem Gegenvorschlag zu unserer Initiative – zudem einen wichtigen Schritt hin zu bezahlbarer Kinderbetreuung durchsetzen.
Welche Themen sind für Sie im nächsten Jahr zentral – auch im Hinblick auf die Wahlen?
Trotz der hohen Fallzahlen müssen wir im Parlament weiterhin um jeden Franken im Kampf gegen Gewalt an Frauen ringen. Deshalb bereiten wir in einer breiten Allianz eine Initiative gegen Gewalt an Frauen vor. Zudem wehren wir uns gegen den Angriff von Mitte-rechts auf die Mindestlöhne und setzen uns dafür ein, dass die Mieten nicht weiter steigen und die Prämienlast endlich gesenkt wird. Die aktuelle Hitzewelle zeigt zudem deutlich: Im Kampf gegen die Klimakrise dürfen wir keine Zeit verlieren. Jetzt braucht es Investitionen in erneuerbare Energien und garantiert keine neuen AKW.
Was wird Ihre Geheimwaffe im Wahlkampf?
Unsere wichtigste Stärke sind die Menschen, die sich gemeinsam mit uns für eine soziale Schweiz einsetzen. Sie unterstützen uns mit Kleinspenden, engagieren sich als Mitglieder in lokalen Sektionen und suchen gemeinsam mit uns das Gespräch mit der Bevölkerung.
Wie viel Wähleranteil streben Sie 2027 als Ziel an?
Für mehr Gleichstellung, effektiven Klimaschutz und mehr Entlastung bei den Prämien und Mieten braucht es eine starke linke Bewegung. Diese Legislatur zeigt deutlich, was passiert, wenn Mitte-rechts einfach so durchmarschieren kann: Mindestlöhne werden ausgehebelt, das AKW-Neubauverbot gekippt und es wird auf Kosten der Bevölkerung massiv abgebaut. Diesen Kurs müssen wir gemeinsam stoppen.
Weitere Schwerpunkte seien der Mieterschutz und die Gleichstellung – etwa mit einer Initiative gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Bei der Themensetzung und der Kampagnenkraft liege die SP derzeit vor den Grünen, obwohl beide um eine ähnliche Wählerschaft kämpfen.

Einen Schwachpunkt ortet die Politologin in der Europapolitik. «Beim EU-Paket ist die Partei nach innen weniger geschlossen, als sie nach aussen wirkt. Vor allem die Gewerkschaften äussern Vorbehalte beim Lohnschutz und bei den Strompreisen», so Schena.
Die Personalien: Co-Chefs geben mit Linkskurs ein «moderneres Profil»
Die Co-Leitung an der Parteispitze um Cédric Wermuth und Mattea Meyer ergänze sich gut, so Schena: «Sie setzt vor allem in der Deutschschweiz erfolgreich Themen und gibt der Partei mit einem klaren Linkskurs ein moderneres Profil.»

Kürzlich verliess der Zürcher Ständerat Daniel Jositsch die Partei im Streit. Mit Beat Jans und Elisabeth Baume-Schneider verfüge die SP über zwei relativ neue, aber bereits etablierte Mitglieder des Bundesrats, sagt Schena. Ein Wechsel zeichne sich nicht ab.
Die Prognose: «Leichter Aufwärtstrend möglich»
Die Ausgangslage sei solide, die SP ein starker Wahlkampfmotor mit viel Kampagnenkraft, frischem Online-Auftritt und erfolgreichem Fundraising, so die Expertin. Schaffe sie es, die eigenen Themen zu setzen, sei ein leichter Aufwärtstrend möglich, ist sie überzeugt.
Welche politischen Themen sind dir im Hinblick auf die nächsten Wahlen am wichtigsten?
Die Kaufkraft und steigende Lebenshaltungskosten.
Die hohen Gesundheitskosten und Prämien.
Der Klimawandel und Umweltschutz.
Die Migration und Integration.
Die Wirtschaft und Arbeitsplätze.
Etwas anderes, das hier nicht genannt ist.
Ich interessiere mich nicht für Politik.
Entscheidend seien zwei Fragen: «Gelingt es der SP, den Wahlkampf weg von der Migration und hin zu Kaufkraft, Mieten und Gesundheitskosten zu lenken? Und kann sie beim Europa-Dossier geschlossen auftreten?»

Christof Vuille (vuc) leitet seit 2023 das Ressort Politik und ist Mitglied der Redaktionsleitung. Er berichtet für 20 Minuten nah am Puls der Bundespolitik.