Reichinnek in Sachsen-Anhalt
"Tretet denen mal richtig in den Hintern"
25.07.2026 - 16:57 UhrLesedauer: 9 Min.
In Sachsen-Anhalt könnte die AfD die absolute Mehrheit bekommen, die Linke will sich mit aller Kraft dagegenstemmen. Doch der Partei droht eine Zerreißprobe.
Es sind etwa 40 Minuten vergangen, dann redet sich Heidi Reichinnek auf der Bühne in Rage. Sie spricht über die AfD und über deren Pläne für Sachsen-Anhalt. "Ich sag' euch was", ruft die Linken-Politikerin den Menschen vor der Bühne auf dem Dessauer Marktplatz zu. "Ich habe in der Jugendhilfe gearbeitet, meine Mama war Chemiefacharbeiterin, meine Oma war Reinigungskraft. Drei starke Generationen von ostdeutschen Frauen, die sich von keinem was sagen lassen." Um das Wort "keinem" noch zu unterstreichen, reißt sie ihren Arm vor sich durch die Luft, ihr Zeigefinger zeigt nach vorn.
Während das Publikum noch applaudiert und johlt, redet Reichinnek weiter. "Ich soll mir von irgendeiner Männerpartei, so einer Westelitenpartei sagen lassen, welche Rolle ich in dieser Gesellschaft habe? Also ganz sicher nicht." Das Thema bewegt sie, was man daran merkt, dass sie noch schneller spricht und noch schnellere Handbewegungen macht als ohnehin schon. "Gerade hier im Osten, verdammt noch mal, liebe Frauen, tretet denen mal richtig in den Hintern, das kann doch wirklich nicht sein, dass wir uns von denen auf der Nase herumtanzen lassen."
Es sind minutenlange Monologe wie diese, die Reichinnek zum Social-Media-Star gemacht haben: schnell, hart im Ton, wütend, aber eben auch auffordernd. So sind ihre Reden im Bundestag, und so sind sie auch in diesen Tagen hier in Sachsen-Anhalt, in der Heimat Reichinneks, wo sie an diesem Mittwoch den Wahlkampf von Spitzenkandidatin Eva von Angern unterstützt.
Die wahre Herausforderung beginnt nach der Wahl
In etwas mehr als sechs Wochen wird gewählt und es sieht für alle außer der AfD derzeit nicht gut aus. Die AfD führt die Umfragen mit weitem Abstand an, die regierende CDU liegt bei nur 23 Prozent und die Linke bei 13 Prozent. SPD, Grüne und BSW könnten an der Fünfprozenthürde scheitern. Was hier droht, wäre in Deutschland bislang einmalig: Kommen nur drei Parteien in den Landtag, könnte die AfD die absolute Mehrheit erlangen und das Land allein regieren.
Doch auch wenn das nicht passiert, stehen die Verantwortlichen in Sachsen-Anhalt vor großen Herausforderungen: Linke und CDU müssten dann wahrscheinlich zusammenarbeiten, um eine Mehrheit an der AfD vorbei zu bilden. Das wäre nicht nur für die CDU ein Kraftakt, auch die Linke könnte das vor eine Zerreißprobe stellen. Doch bevor daran zu denken ist, will die Linke nun erst einmal um jede Stimme kämpfen – sowohl um die der jungen, aktivistischen Wähler als auch um die der älteren, gesetzteren. Geht das auf?
Die Sorgen um den Wahlausgang scheinen an diesem Tag aber fern. Reichinnek hat hier vor Ort schon beinahe Popstar-Status. Einige sind von weither angereist, ein Mann und sein Sohn wohnen eigentlich in Ungarn, machen gerade in Sachsen-Anhalt Urlaub und wollten Reichinnek unbedingt treffen. Sie beide stehen in der Schlange, die sich nach dem Bühnenprogramm geformt hat. Viele, vor allem junge Besucher, wollen noch ein Foto mit Reichinnek machen. Das Team der Politikerin bewältigt den Ansturm routiniert. In wenigen Minuten haben sie eine Fotowand mit Parteiaufschrift aufgebaut, dazu Absperrungen, wie man sie eigentlich vom roten Teppich kennt. Während ein Mitarbeiter mit den Handys der Fans die Fotos knipst, hält ein anderer die Taschen.
Eine weitere Mitarbeiterin stellt sicher, dass es in der Schlange ordentlich zugeht, holt Kinder und Menschen mit Behinderung nach vorn. Ein Ordner legt sich währenddessen mit einem AfD-nahen Streamer an, der die Fotowand mitsamt der Menschen filmen will. Der Streamer versucht es mit einem Deal: Er werde die Wand nicht mehr filmen, wenn Reichinnek ihm ein Interview gebe, so ist es später im Stream nachzusehen. Sie geht darauf nicht ein.
SPD und Grüne vor der Bedeutungslosigkeit
Klare Kante gegen die AfD, das ist einer der wichtigsten Grundsätze der Partei. Und damit punktet sie hier bei jenen, bei denen die Rechtspopulisten Unbehagen auslösen, die Angst vor einer mächtigen AfD haben. Wie etwa Felix F. und Mira W., die in der Schlange für ein Foto stehen. F. kommt aus der Nähe von Dessau, sagt von sich selbst, er sei früher Merkel-Fan gewesen. Mittlerweile wähle er die Linke, auch wenn er deren ablehnende Haltung zur Bundeswehr nicht teile. W. hingegen ist aus Westdeutschland zugezogen und berichtet, sie erhalte schon besorgte Anrufe von ihrer Familie, ob sie denn nach einem Wahlerfolg zurückziehen werde. Sie sagt, für sie wäre es aber eher ein Ansporn, sich mehr zu engagieren.
Die Linke als Bollwerk gegen rechts: Die Positionierung geht auch deswegen so gut auf, weil die anderen Parteien aus dem Mitte-links-Spektrum kaum noch vorkommen. Die SPD und die Grünen drohen in Sachsen-Anhalt in der völligen Bedeutungslosigkeit zu versinken und scheinen auch im aktuellen Wahlkampf kaum präsent. Die Linke hingegen hat sich in den vergangenen Monaten in den Umfragen nach oben gearbeitet, nachdem sie vor rund eineinhalb Jahren – nach der Abspaltung der Gruppe um Sahra Wagenknecht – selbst nur noch bei vier Prozent lag.
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Die Linke habe in den vergangenen Jahren wichtige Zeit verloren, die die AfD nutzen konnte, sagt Reichinnek t-online. Nun gilt es, aufzuholen. Denn dass die AfD die absolute Mehrheit erringen könnte, ist für sie längst nicht gesetzt. In der Stärke der AfD sieht sie auch ein Versagen der anderen Parteien. Der Staat habe sich zurückgezogen, die Freiräume habe die AfD genutzt. "Wie viele Jugendklubs mussten schließen, wie viele Busse fahren nicht mehr, wie viele Dorfkneipen haben zugemacht?", fragt sie und führt weiter aus. Sie spricht über die Wende, die Hartz-Reformen von Gerhard Schröder, dem die Menschen im Osten zuvor vertraut hätten. Nicht jeder, der die AfD wähle, sei rechtsextrem, sagt Reichinnek. Sie verstehe, dass die Menschen wütend seien. "Aber diese Wut muss sich anders kanalisieren und da sehe ich unsere Aufgabe."
AfD als "Westelitenprojekt?"
Doch macht sie es sich nicht ein wenig zu einfach, wenn sie die AfD als "Westelitenprojekt" bezeichnet, wie sie es auf der Bühne in Dessau tut? AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, der nun kurz vor einem einmaligen Wahlerfolg für die Partei steht, ist wie Reichinnek aus Sachsen-Anhalt. Die Linken-Politikerin reagiert auf eine solche Nachfrage mit einer Gegenfrage: "Was ist denn passiert nach der Wendezeit?" Sie führt aus: "Die Rechtsextremen aus dem Westen sind ja explizit hier nach Ostdeutschland gekommen, weil sie genau wussten, hier ist ein Momentum, das sie nutzen können", sagt Reichinnek und fügt hinzu: "Das ging direkt los mit der Wende und setzte sich später fort – siehe Björn Höcke." Die AfD inszeniere sich als Protestpartei, habe aber nichts im Angebot für den Osten, meint Reichinnek. "Die versuchen hier, auf dem Rücken der Ostdeutschen stark zu werden."
Drei Stunden nach dem Auftritt in Dessau stehen die Wahlkämpferinnen wieder auf der Bühne, dieses Mal in Lutherstadt Wittenberg. Es ist später Nachmittag, Würstchen werden gegrillt und Biere ausgeschenkt. Der Andrang ist jetzt größer, bis zu 500 Menschen haben sich nach Parteiangaben im Stadthaus eingefunden, darunter auch viele Familien. Wie auch in Dessau stellt sich Spitzenkandidatin Eva von Angern einem Quiz der Direktkandidaten, die ihr Wissen über die jeweiligen Wahlkreise abfragen.
Thomas Lippmann, Direktkandidat im Wahlkreis Wittenberg, erzählt von Partei-Urgestein Gregor Gysi, der bei einem Besuch Finanzthesen angeschlagen hat. "Meine Frage ist, wo hat er sie angeschlagen?" Von Angern fragt: "Darf ich einen Telefonjoker nutzen?", wartet die Antwort dann doch nicht ab und wählt. Es ist kurz ruhig. "Ich stell' dich mal auf laut, Gregor", sagte sie schließlich und hält das Handy ins Mikrofon.
Auf einmal ertönt die Stimme von Gregor Gysi
Dass dann tatsächlich die Stimme des Linken-Urgesteins Gysi erklingt, freut die Menschen auf den Bänken, es gibt lauten Beifall. Gysi, aber auch die anderen zwei sogenannten Silberlocken, Dietmar Bartsch und Bodo Ramelow, sind besonders bei der Wählerschaft in Ostdeutschland beliebt. Mit jüngeren Mitgliedern hingegen hatte es zuletzt Ärger gegeben, nachdem Gysi in einem Podcast gesagt hatte, dass die vielen neuen Parteimitglieder mit Migrationshintergrund zum Teil "Sichten auf Israel" mitgebracht hätten, die falsch seien. Ein Zusammenschluss migrantischer Linker warf Gysi daraufhin Rassismus vor. Vor Ort spielt das hier aber keine Rolle, genauso wenig wie der Nahost-Konflikt, über den die Partei sich auf dem Parteitag im Juni noch so erbittert gestritten hatte.
Fragt man die Menschen hier im Stadthaus von Wittenberg, nennen sie die klassischen Brot-und-Butter-Themen. Da ist der Rentner, der mit einer kleinen Rentenzahlung auskommen muss, während die Preise steigen. Der Sozialarbeiter, der sich um den Fortbestand des Jugendzentrums Sorgen macht. Die Mutter, die es gut findet, dass die Linke mehr für Kinder und Jugendliche tun will. Das Publikum ist gemischt, es finden sich genauso junge, alternativ aussehende Menschen wie ältere, die einen eher bürgerlichen Anschein machen. Das ist auch das Bild, das die Linken auf der Bühne abgeben: Da ist Reichinnek, tätowiert, mit knalligem Lippenstift, und da ist Eva von Angern, die Spitzenkandidatin, 49 Jahre, ehemalige Rechtsanwältin, in einem schlichten blauen Hosenanzug. Dass sie auf der Bühne dennoch harmonieren, hat auch damit zu tun, dass sie für die gleichen Themen brennen: Kinder- und Frauenrechte.
Die Linke macht in Sachsen-Anhalt einen Wahlkampf, der sich deutlich von dem in Berlin unterscheidet. In der Hauptstadt wird am 20. September gewählt, dort tritt die Linke laut auf, wirbt auf knallroten Plakaten für Enteignung. In Sachsen-Anhalt hingegen sind die Plakate modern-schlicht, in einem gedeckten Rot, mit übergroßem Porträt der Spitzenkandidatin und dem Spruch: "Heimat ist für alle da." Auch das Bühnenprogramm, mit dem von Angern durch das Land tourt, ist betont nett, freundlich, offen.
"Ihr habt die Chance, das Schlimmste zu verhindern"
Von Angern setzt ganz bewusst darauf, sie will sich als Gegenthese zur männlich geprägten AfD präsentieren. Auf der Bühne spricht sie etwa darüber, dass die AfD Behindertenparkplätze abschaffen will. "Nur damit sie zwei Minuten früher an ihre Brötchen kommt?", fragt sie ungläubig. Was sei denn das für eine Gesellschaft, in der man den Behinderten die Parkplätze neide? Es geht ihr gezielt darum, den Begriff Heimat positiv, von links wieder zu besetzen. "Das ist unser Ansatzpunkt: Wir lassen uns den Begriff Heimat nicht von rechtsextremen Parteien wegnehmen, die das seit Jahrzehnten versuchen", sagt von Angern t-online. Die Menschen seien dankbar, dass sie mit einer positiven Ausstrahlung kommen, Hoffnung machen und sie zusammenbringen. "Sie nehmen es sehr gern an, dass wir sagen: Auch ihr habt eine Verantwortung, auch ihr habt die Chance, mitzugestalten und das Schlimmste hier für Sachsen-Anhalt zu verhindern."
Das Schlimmste zu verhindern, damit meint von Angern eine AfD in der Regierung. Dafür braucht es allerdings mehr als den Wählerwillen. Nach der Wahl ist die Linke wahrscheinlich gefragt, sich irgendwie mit der CDU zu einigen. Vorbilder gibt es schon, etwa in Sachsen und Thüringen, wo die Linke eine CDU-geführte Regierung toleriert. Dennoch: Beliebt ist die Idee innerhalb der Partei bei vielen nicht, auf dem Parteitag im Juni wurden die ostdeutschen Landesverbände unter anderem deswegen bereits als rechter Flügel der Partei bezeichnet. Einige wollten gar per Beschluss verhindern, dass die Linke mit der CDU zusammenarbeiten darf. Dazu kam es nicht, doch es zeigt, wie umstritten das Thema innerhalb der Partei ist.
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Die Partei hat sich für Nachfragen bereits eine Antwort bereitgelegt, die bei jedem mehr oder weniger gleich klingt: Natürlich sei man bereit, mit jeder demokratischen Partei zusammenzuarbeiten, aber man werde keine AfD light dulden. Aber am Ende müsse die CDU, die ja einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit den Linken hat, sich darüber klar werden, was sie wolle, heißt es immer wieder.
"Manchmal kommt es darauf an, als Letzte am Tisch zu sitzen"
Von Angern drückt sich etwas anders aus. "Ich gehe nicht davon aus, dass die AfD eine absolute Mehrheit bekommen wird, aber es wird eine sehr schwierige Regierungsbildung geben", sagt sie im Gespräch mit t-online. Darauf bereitet sie sich vor. "Manchmal kommt es darauf an, als Letzte am Tisch zu sitzen, um unsere Interessen durchzusetzen, und das traue ich mir zu", sagt sie.
Von Angern war es, die sich auf dem Parteitag als Erste vor die Kameras stellte, um den kurz vor der Wahl zum Parteichef stehenden Luigi Pantisano zu kritisieren, der die Politik der CDU mit jener der AfD verglichen hatte. Sie wisse nicht, wie sie das ihren Wählern erklären solle, die sich darauf verlasse, dass die Linke mit der CDU eine Lösung finde, um die AfD von der Macht fernzuhalten, kritisierte sie damals. "Ich habe mich nicht ohne Grund vor die Kameras gestellt, als Luigi Pantisano der Fehler unterlaufen ist, auch wenn ich bedaure, dass ich das machen musste", sagt sie heute.
Von Angern, die in Sachsen-Anhalt die Geschicke in die Hand nehmen will, Reichinnek, die die Menschen zu den Veranstaltungen bringt: Es ist das Konzept, das den Linken zum Erfolg verhelfen soll. Vor Ort merkt man vor allem die Freude der vor allem jungen Reichinnek-Fans. Auch in Wittenberg wird wieder eine Fotostellwand aufgebaut, wieder gibt es eine lange Schlange. Zwei Freundinnen stehen, nachdem sie das Foto gemacht haben, noch daneben, schauen sich die Bilder mit Reichinnek an. Kurz bevor sie losgehen, sagt eine der beiden noch schnell: "Was für 'ne coole Socke, ey."
