Seit einer Woche warten Alexandra Brock (34) und Lukas Müller (33) aus Mülheim auf ihr Gepäck in Kanada. Als sie vergangenen Sonntag in Calgary landen, wissen sie schon: Das Gepäck ist beim Zwischenstopp am Flughafen Charles de Gaulle in Paris stehen geblieben. Und dort steht es immer noch.
Mit Airtag dem Koffer auf der Spur
Die beiden Reisenden waren so schlau und hatten einen sogenannten Airtag in ein Gepäckstück gelegt. Das ist ein kleiner Ortungstracker, etwa so groß wie eine Münze, der mit einer App auf dem Handy verknüpft ist. Während der Reise können sie jederzeit sehen, wo ihr Gepäck zuletzt geortet wurde.
Zusagen der Airline nicht eingehalten
Nach der Landung meldet das Mülheimer Paar unverzüglich den Verlust der Reisetaschen beim Lost-and-Found-Schalter der ausführenden Airline. "Ich hatte nur einen dünnen Pulli dabei, nicht mal eine Jacke", erzählt Alexandra, die wir über einen Videocall in Kanada erreichen. "Wir haben hier nachts minus zehn Grad". Auch Kontaktlinsen, Sonnenbrille und Wanderschuhe seien im Koffer in Paris.
Gebucht hatte das Paar die Flüge bei der Fluggesellschaft Condor. Der erste Flug ging mit Condor von Frankfurt nach Paris, nach dem Zwischenstopp von vier Stunden ging der zweite Flug von Paris nach Calgary, durchgeführt von der Partner-Fluggesellschaft WestJet.
Nach einer Nacht im Hotel holten Alexandra und Lukas ihr gemietetes Wohnmobil ab und fuhren erneut zum Flughafen, in der Hoffnung, das Gepäck sei nachgekommen.
Jeden Tag um 14 Uhr landet in Calgary eine Maschine aus Paris. Doch die Koffer kamen nicht, das konnten sie auch über den Airtag sehen. Also wendeten sie sich erneut an eine Mitarbeiterin von WestJet am Schalter, die machte ihnen auch schriftlich per Mail die Zusage, das Gepäck treffe am darauffolgenden Abend bis spätestens Mitternacht in Calgary ein. Doch das sei nicht passiert.
Außer ihrer Reisekleidung decken sich die beiden nur mit dem Nötigsten ein. Unterwäsche, Handtuch, Socken. Denn sie haben die Hoffnung, dass das Gepäck doch noch ankommt.
Erste Fernreise mit Hindernissen
Für die beiden ist es die erste Fernreise. Alles war akribisch geplant. Ausflüge in die Wildnis, Nationalparks, Rafting und Wanderungen. Das Abseilen an Wasserfällen mussten sie bereits absagen, weil sie nicht die passende Kleidung hatten. "Wir haben kein zweites Paar Schuhe, die Wanderschuhe sind im Koffer in Paris". Jeden Tag waschen sie ihre Kleidung. Und alles im Wohnmobil trocken zu kriegen, sei eine Herausforderung. "Alles sehr rudimentär", sagt Lukas, "aber wir machen das Beste draus".
Unterstützung von Angehörigen aus Mülheim
Auch Uwe und Claudia Brock, die Eltern von Alexandra, versuchen seit einer Woche, den beiden von Mülheim aus zu helfen. Alle Anfragen liefen bislang ins Leere. Die Telefonnummer des Kundenservices sei dauernd besetzt, immer wieder würden sie an die Homepage verwiesen. Ihnen fehle der direkte Kontakt zu einem Menschen. "Wir bekommen nur automatische Antworten", sagt Claudia Brock frustriert. "Es gibt nur Telefon-KIs, alles geht ins Nirvana".
Dabei wäre es doch so einfach, meint Alexandras Vater Uwe Brock. "Ein Mensch muss doch nur den Koffer in den Flieger setzen".
Schadenersatz geltend machen
Nach Angaben der Verbraucherzentrale NRW sollten betroffene Reisende sofort am Flughafen handeln. Zuständig ist die Fluggesellschaft, die den letzten Flug durchgeführt hat, in diesem Fall WestJet, und nicht die Airline, bei der das Ticket gebucht wurde.
Wenn man den Kofferverlust gemeldet hat, sollte man unbedingt den Schadensbericht (PIR-Formular) ausfüllen und eine Kopie inklusive Vorgangsnummer mitnehmen. Auch alle Belege wie Bordkarte, Gepäckaufkleber, E-Mails, Chat-Nachrichten, Zusagen, wann das Gepäck geliefert werden sollte, sollte man unbedingt sicherstellen, auch Rechnungen und Quittungen für Ersatzkäufe.
Das Mülheimer Paar rechnet nicht mehr mit Koffern
Alexandra und Lukas werden fast drei Wochen in Kanada bleiben, nach der Reise müssen sie sich um Schadensersatz kümmern. Alles ärgerlich. Ein Großteil des teuren Urlaubs ist bislang für sinnlose Telefonate und Mails drauf gegangen. Häufig haben sie auch gar kein Netz, wenn sie mit ihrem Wohnmobil in den Bergen unterwegs sind.
Mit ihrem Gepäck rechnen sie kaum noch. Doch die wunderschöne Landschaft Kanadas entschädigt ein wenig. "Wir haben gestern zwei Schwarzbären gesehen, jetzt lassen wir uns auf Kanada ein", erzählt Alexandra. Am Dienstag wollen sie von Calgary nach Vancouver fliegen. Wenn bis dahin das Gepäck nicht da ist, melden sie der Fluggesellschaft, es nach Deutschland zurückzuschicken. Hoffentlich kommt es wenigstens dort an. Irgendwann.