Stand: 02.09.2026, 20:20 Uhr
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Grundrente, Pflicht-Betriebsrente, kaum private Vorsorge: Warum das Rentensystem der Niederlande Deutschland einiges voraus hat. Trotzdem mahnt ein Experte zur Vorsicht.
Frankfurt – Während in Deutschland die Rentendebatte seit Monaten mit wechselnden Vorschlägen geführt wird, dient das niederländische Rentensystem in der Reformdebatte immer wieder als Vergleichsmodell. Der entscheidende Unterschied zum deutschen System: Die individuelle private Vorsorge spielt dort eine deutlich kleinere Rolle. Neben der staatlichen AOW verfügt ein sehr großer Teil der Beschäftigten über eine zusätzliche betriebliche Altersvorsorge. Rund 90 Prozent der Arbeitnehmenden haben eine entsprechende Pensionsregelung.

In der rentenpolitischen Debatte wird das niederländische System gelegentlich als „Cappuccino-Modell“ bezeichnet: Die staatliche AOW ist der Kaffee, die betriebliche Altersvorsorge die Milch und die private, freiwillige Vorsorge das Kakaopulver obendrauf – eine zusätzliche Verfeinerung, aber kein tragendes Element der Alterssicherung für die meisten Beschäftigten.
Erste Säule – die AOW
Die AOW bildet die staatliche Basisversorgung im niederländischen Rentensystem, wie die niederländische Regierung in einer Mitteilung erklärt. Anders als die deutsche gesetzliche Rente richtet sich ihre Höhe nicht nach dem früheren Einkommen und der Höhe der eingezahlten Beiträge. Entscheidend ist vielmehr, über wie viele Jahre jemand in den Niederlanden versichert war – in der Regel aufgrund von Wohnsitz oder Arbeit.
Für jedes Versicherungsjahr innerhalb der 50 Jahre vor Erreichen des AOW-Alters werden zwei Prozent der vollen AOW aufgebaut. Wer während des gesamten Zeitraums versichert war, erhält die volle Leistung. Für jedes fehlende Versicherungsjahr reduziert sich die AOW entsprechend um zwei Prozent.
Die Höhe der AOW folgt der Entwicklung des niederländischen Mindestlohns und wird zweimal jährlich angepasst. Seit Juli 2026 beträgt die volle AOW für Alleinstehende 1662,16 Euro brutto im Monat. Hinzu kommt ein separat ausgezahltes Urlaubsgeld. Ausgezahlt wird die AOW von der Sociale Verzekeringsbank (SVB).
Zweite Säule – die Betriebsrente
Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zum deutschen System. Für einen sehr großen Teil der niederländischen Beschäftigten ist die betriebliche Altersvorsorge verpflichtend; rund 90 Prozent der Arbeitnehmenden verfügen über eine zusätzliche Pensionsregelung. Arbeitgebende und Arbeitnehmende finanzieren diese Vorsorge gemeinsam. Die Beiträge werden von Pensionsfonds oder Versicherern angelegt und am Kapitalmarkt investiert.
Damit unterscheidet sich die niederländische zweite Säule grundlegend von der deutschen gesetzlichen Rentenversicherung, die überwiegend im Umlageverfahren finanziert wird: Dort werden die laufenden Beiträge im Wesentlichen zur Finanzierung der heutigen Renten verwendet, während die niederländische Betriebsrente kapitalgedeckt aufgebaut wird.
Allerdings befindet sich die niederländische zweite Säule derzeit selbst im Umbau. Die 2023 beschlossene Reform sieht einen stärker beitragsorientierten Aufbau vor. Die bestehenden Pensionsregelungen sollen spätestens bis zum 1. Januar 2028 in das neue System überführt werden.
Dritte Säule – die private Vorsorge
Die individuelle private Vorsorge ist die dritte Säule des niederländischen Rentensystems. Sie kann insbesondere für Selbstständige, Menschen mit Lücken in der betrieblichen Altersvorsorge oder Personen relevant sein, die zusätzlich für das Alter vorsorgen wollen. Für viele Beschäftigte ist sie jedoch weniger zentral, weil die AOW durch die weit verbreitete betriebliche Altersvorsorge ergänzt wird.
Rentenniveau in Deutschland: Warum gesetzliche Rente allein oft nicht reicht
In Deutschland ruht die Alterssicherung deutlich stärker auf der umlagefinanzierten gesetzlichen Rentenversicherung. Das sogenannte Sicherungsniveau vor Steuern – eine standardisierte Modellgröße für das Verhältnis einer Rente nach 45 Jahren Beitragszahlung mit Durchschnittsverdienst zum verfügbaren Durchschnittsentgelt – liegt derzeit bei 48 Prozent. Eine gesetzliche Haltelinie sichert dieses Niveau nach aktueller Rechtslage bis 2031 ab.
Betriebliche und private Altersvorsorge sind in Deutschland deutlich weniger flächendeckend organisiert als die niederländische zweite Säule. Sie sollen die gesetzliche Rente ergänzen und damit zur Sicherung des Lebensstandards im Alter beitragen.
IW-Experte warnt: Niederlande-Rente kein einfaches Vorbild für Deutschland
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warnt jedoch seit Jahren davor, das niederländische Modell unreflektiert als Vorbild für Deutschland zu übernehmen. Der IW-Rentenexperte Jochen Pimpertz wies bereits in einem früheren Vergleich darauf hin, dass der kaufkraftbereinigte Unterschied zwischen der deutschen Grundsicherung und der niederländischen Grundrente geringer sei, als es auf den ersten Blick scheine. Die eigentliche Lebensstandardsicherung oberhalb der staatlichen Basis erfolge in den Niederlanden wesentlich über kapitalgedeckte Systeme der betrieblichen und privaten Vorsorge. Die deutsche gesetzliche Rente trage dagegen selbst zur Sicherung des Lebensstandards bei.
Pimpertz verwies zudem darauf, dass ein vorgezogener Bezug der AOW nicht möglich ist. Auch die Niederlande haben ihre AOW-Altersgrenze in den vergangenen Jahren angehoben: Sie liegt 2026 und 2027 bei 67 Jahren und steigt 2028 auf 67 Jahre und drei Monate. In Deutschland steigt das Renteneintrittsalter jährlich.
Rentensystem Niederlande: Kein Vorbild, aber Denkanstoß für Deutschland
Das niederländische System zeigt weniger, dass eine großzügige staatliche Grundrente private Vorsorge überflüssig macht. Es zeigt vielmehr, wie eine staatliche Basisversorgung mit einer sehr breit angelegten betrieblichen Altersvorsorge kombiniert werden kann. Während die AOW eine Grundversorgung sicherstellt, übernimmt die kapitalgedeckte zweite Säule einen wesentlichen Teil der zusätzlichen Lebensstandardsicherung.
Für Deutschland, wo die gesetzliche Rentenversicherung eine deutlich größere Rolle spielt und die betriebliche Altersvorsorge weniger flächendeckend organisiert ist, bleibt der Blick in die Niederlande deshalb interessant. Ein einfaches Vorbild sind die Niederlande allerdings nicht: Die AOW ist umlagefinanziert, die zweite Säule befindet sich derzeit in einem grundlegenden Umbau, und auch das niederländische System verteilt die Risiken der Alterssicherung anders als das deutsche. Quellen: rijksoverheid.nl, deutsche-rentenversicherung.de, iwkoeln.de (bk)