Rente mit 63: Offener Brief gegen Merz – jetzt droht dem Rentenpaket der Bundesrat-Stopp

Stand: 05.08.2026, 07:35 Uhr

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Sieben Ministerpräsidenten, darunter fünf ostdeutsche Länder, blockieren die Abschaffung der abschlagsfreien Frührente. Ökonomen warnen: Ohne diesen Baustein kippt das ganze Rentenpaket.

Berlin – Sechs Wochen Einigkeit, dann der Bruch: Kaum hatte Bundeskanzler Friedrich Merz verkündet, das Rentenpaket komme nur als Ganzes, meutern ausgerechnet CDU-Ministerpräsidenten gegen dessen Kernstück. Es geht um Milliarden, Wählerstimmen im Osten und die Frage, ob Deutschland seine Rente wirklich demografiefest machen will oder nur so tut.

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Im Zentrum steht die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren, umgangssprachlich Rente mit 63, obwohl sie faktisch längst bei 64,5 Jahren liegt. Nur die Geburtsjahrgänge vor 1953 konnten tatsächlich noch mit 63 abschlagsfrei gehen, für alle jüngeren Jahrgänge steigt die Altersgrenze schrittweise an, bis sie ab dem Jahrgang 1964 im Jahr 2029 faktisch zu einer Rente mit 65 wird.

Friedrich Merz bekommt Gegenwind bezüglich der Rentenreform.

Friedrich Merz bekommt Gegenwind bezüglich der Rentenreform. © picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Zu verwechseln ist sie nicht mit der Frührente nach 35 Beitragsjahren, die schon heute ab 63 mit dauerhaften Abschlägen möglich ist und ebenfalls reformiert werden soll, künftig erst ab 64 Jahren. Die Rentenkommission empfiehlt die Abschaffung der 45-Jahre-Regelung als eines von 33 Elementen eines Gesamtpakets, wie t-online.de berichtet.

Der Osten rechnet anders als Berlin

Michael Kretschmer, Sven Schulze und Mario Voigt haben sich in einem offenen Brief gegen die Streichung gestellt. Wer 45 Jahre eingezahlt habe, habe genug eingezahlt, diesen Grundsatz gebe man nicht auf, heißt es darin laut t-online.de. Kretschmer wurde in der Öffentlichkeit noch deutlicher.

Ein Rentenpaket, das die Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren enthalte, werde sein Land im Bundesrat nicht mittragen, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Einer, der sich öffentlich gegen Merz geäußert hat: Michael Kretschmer.

Einer, der sich öffentlich gegen Merz geäußert hat: Michael Kretschmer. © picture alliance/dpa | Robert Michael

Kurz darauf schloss sich Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig dieser Ankündigung an, obwohl sie einer anderen Partei angehört als die drei ostdeutschen Unionskollegen. Das wird von Beobachtern als Zeichen dafür gelesen, wie parteiübergreifend der Widerstand inzwischen verläuft.

Inzwischen stemmen sich sieben der 16 Ministerpräsidenten gegen die Reform, darunter alle fünf ostdeutschen Länder plus Saarland und Bremen. Ein möglicher Grund: In Ostdeutschland erreichten 2025 mit 32,8 Prozent deutlich mehr Menschen die nötigen Beitragsjahre als im Westen mit 28 Prozent.

Für eine Blockade im Bundesrat fehlen den Ländern derzeit rechnerisch zehn Stimmen. Politisch könnte der Widerstand aber ausreichen, um das Gesamtkunstwerk, wie Arbeitsministerin Bärbel Bas es nannte, ins Wanken zu bringen. Bas selbst hatte noch im Sommer betont, es gebe kein Rosinenpicken, ein Satz, der angesichts der aktuellen Frontenbildung wie eine Vorahnung wirkt.

Ökonomen sehen die Reform am Kipppunkt

DIW-Präsident Marcel Fratzscher hält an der Abschaffung fest: Ohne dieses Element sei die Rentenreform tot, sagte er laut t-online.de. Er rechnet mit rund 125.000 zusätzlichen Beschäftigten pro Rentnerjahrgang und langfristigen Einsparungen von knapp zehn Milliarden Euro.

Die Rentenkommission selbst kalkuliert vorsichtiger und nennt eine Entlastung von rund 6,5 Mrd. Euro pro Rentenzugangsjahrgang, sollten alle Versicherten ihren Rentenbeginn um ein Jahr verschieben. Beide Zahlen beruhen auf Annahmen, weil kaum jemand exakt vorhersagen kann, wie sich Beschäftigte künftig verhalten.

Ein Teil dürfte den Renteneintritt verschieben, weil die Abschläge zu hoch ausfallen, ein anderer Teil wird trotz sinkender Rente an seinem Ausstiegsplan festhalten. Kommissionsmitglied Jörg Rocholl widerspricht den Ostministerpräsidenten offen: Ihr Veto sei völlig falsch, wer es ernst meine, müsse für die Abschaffung sein, nicht dagegen, so Rocholl laut t-online.de.

Sein Argument: Ohne die Einsparung fehlten jährlich zehn Milliarden Euro für den Aufbau der Kapitalrente, von der gerade Ostdeutsche wegen niedrigerer Rentenansprüche überdurchschnittlich profitieren würden. Laut Plänen der Rentenkommission soll diese neue Kapitalsäule das Rentenniveau ab 2040 über die heutigen 48 Prozent heben.

Auch der CDU-Abgeordnete Pascal Reddig, selbst Mitglied der Rentenkommission, warnte: Wer einzelne Bausteine herausziehe, müsse wissen, dass er das ganze Haus zum Einsturz bringe. Auch Arbeitgeberverbandschef Steffen Kampeter zeigt sich fassungslos über den Widerstand, wie t-online.de dokumentiert. Wirtschaftsweise Veronika Grimm warnt zudem: Jede zusätzliche Ausnahme belaste die junge Generation stärker und schwäche die Wirksamkeit der gesamten Reform.

Die Kommission verspricht eine Schutzrente statt Gießkanne

Die Rentenkommission selbst begründet die Streichung damit, dass die heutige Regelung vor allem Besserverdienenden, Gesünderen und Männern zugutekomme, während Geringverdienende und Frauen sie kaum nutzen könnten. Die Abschlagsfreiheit führe faktisch zu höheren Renten zulasten der Versichertengemeinschaft, heißt es im Bericht. Dabei hatte die SPD die Regelung ursprünglich eingeführt, um Menschen in körperlich anstrengenden Berufen zu entlasten.

Eine Studie des DIW auf Basis von Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung deutet jedoch darauf hin, dass sie deutlich häufiger von Versicherten aus Berufen mit vergleichsweise geringer Belastung genutzt wird, die Regelung also ihr ursprüngliches Ziel verfehlt.

Pressekonferenz zu den Ergebnissen des Koalitionsausschusses

Sieben Ministerpräsidenten, darunter fünf ostdeutsche Länder, blockieren die Abschaffung der abschlagsfreien Frührente. © IMAGO/Achille Abboud

Als Ersatz soll eine Schutzrente kommen: abschlagsfrei für alle, die ihren Beruf nachweislich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben können. Übergangsfristen, wie sie das Bundesverfassungsgericht in früheren Entscheidungen für rentenrechtliche Änderungen bereits gefordert hat, gelten als unumgänglich.

Ob CDU-Fraktionschef Thorsten Frei und Bund-Länder-Koordinator Philipp Amthor einen Kompromiss organisieren, entscheidet, ob das Rentenpaket noch in diesem Jahr durch den Bundesrat kommt.

Business Punk Check

Politiker reden gern von Gesamtkunstwerken, meinen aber Wahlkreise. Die ostdeutschen Ministerpräsidenten kämpfen nicht für Gerechtigkeit, sie kämpfen um Landtagswahlen, bei denen jede gestrichene Vergünstigung Stimmen kostet. Das ist legitim, aber sollte kaum jemand als Sozialpolitik verkaufen. Für Unternehmen zählt die Zahl: 125.000 zusätzliche Arbeitskräfte pro Jahrgang, in Zeiten von Fachkräftemangel kein Nebenaspekt, sondern der eigentliche Business Case der Reform.

Bleibt die Rente mit 63, fehlt nicht nur Geld für die Kapitalrente, sondern auch Personal in Betrieben, die längst über Lieferketten und Standortkosten hinaus über Arbeitskräfte nachdenken. Entscheider im Mittelstand sollten die Debatte nicht als Randnotiz abtun.

Jede Verzögerung bei der Reform verschiebt auch die Einführung der Kapitalrente und damit mittelfristige Planungssicherheit für Lohnnebenkosten. Wer glaubt, das sei nur Berliner Theater, unterschätzt, wie direkt Rentenpolitik auf Personalkosten und Fachkräfteverfügbarkeit durchschlägt.