Stand: 30.08.2026, 13:42 Uhr
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Muss Bremen auf die Couch? Nun, so weit soll es nicht kommen. Sigmund Freud aber, der Begründer der Psychoanalyse, ist in Bremen gewesen. Was ihn im August 1909 an die Weser führte und was er hier so gemacht hat, das zeichnet jetzt ein aus Quellen wie Briefen und aus aktuellen Forschungsergebnissen gespeistes Buch nach: „Sigmund Freud und Bremen“, so der unauffällig wirkende Titel des 128-Seiten-Bands, der im Bremer Schünemann-Verlag erschienen ist und 18 Euro kostet.
Bremen – Neben den Bremer Autoren Jörg-Dieter Kogel und Johann-Günther König komplettiert Prof. Dr. Christfried Tögel, Lausanne, renommierter Freud-Biograf und Herausgeber der Sigmund-Freud-Gesamtausgabe, das Autorentrio. Und drei Männer waren es auch, die anno 1909 mehr als nur einen Hauch der Moderne in die Gassen der sich selbst gerade verändernden Hafen- und Kaufmannsstadt trugen: Freud reiste in Begleitung der Kollegen Sándor Ferenczi und Carl Gustav Jung.
Sie waren nach Bremen gekommen, weil sie nach Bremerhaven wollten – und vor allem: von Bremerhaven mit dem Dampfer „George Washington“ in die Vereinigten Staaten. Nach New York. Längst gilt Freuds einzige Amerikareise als markanter Wendepunkt, als historischer Durchbruch der Psychoanalyse auf internationaler Ebene. Derlei Dimensionen aber konnte noch niemand erahnen, als die drei Herren gleichsam am Vorabend der historischen Reise durch Bremen flanierten. Das Buch rekonstruiert den Besuch, fügt historische Einordnungen hinzu und erzählt nicht nur am Rande, welche Rolle Bremen als Heimat von Karl Abraham für die Psychoanalyse spielte. Der 1925 in Berlin gestorbene Psychiater aus Bremen gilt als einer der Wegbereiter der Psychoanalyse in Deutschland.
Bleikeller-Besuch und Weser-Spaziergang
Doch zurück zu unserem einflussreichen Wissenschaftler-Trio. Freud und Ferenczi übernachten in Hillmanns Hotel, das Theodor Fontane in seinem Roman „Cécile“ auftauchen ließ; Jung wählte vermutlich das am Herdentorsteinweg gleich nebenan liegende Hôtel de l’Europe. Was aber unternimmt man so, bevor man nach Amerika in See sticht? Eine Mischung aus Sightseeing und Genuss. Freud, Ferenczi und Jung besichtigen die Stadt, gehen an der Weser spazieren und besuchen den Bleikeller. Dann bekommen sie Hunger. Vom Ratskeller schickt man sie in das in jenen Tagen wohl beste Restaurant der Stadt, ins Essighaus an der Langenstraße. „Ein Rheinwein, Weserlachs, garniertes Filet wird bestellt“, schreibt Freud später in einem Reisejournal. „Ob ich nun zu rasch getrunken oder durch die schlaflose Nacht erschüttert war, beim Lachs bekomme ich einen argen Schwitz- und Schwächezustand und muß die weiteren Gänge überschlagen.“
Weit über Bremen hinaus war das Essighaus als Adresse für gutes Essen bekannt; 1901 gründeten zwölf Kaufleute hier bei einem Curry-Essen den Ostasiatischen Verein Bremen. Die Geschichte des Essighauses reicht in das Jahr 1618 zurück. Da ließ die Kaufmannsfamilie Esich das Gebäude an einem Ort errichten, an dem das merkantile Herz Bremens schlug – und der zugleich in der Nähe des Hafens an der Schlachte lag. Um 1830 zog eine Essigfabrik ein. Später schlug die Stunde des Bremer Architekten Albert Dunkel (1856 bis 1905), der das Essighaus unbedingt erhalten wollte. Ab 1897 wurde es nach seinen Plänen umgebaut. Das Weinhandelshaus Reidemeister & Ulrichs kaufte das Gebäude. Nun wurde auch das elegant ausgestattete Lokal eingerichtet.
24 intensive Stunden
Im Zweiten Weltkrieg brannte das Essighaus nach einem Luftangriff im Dezember 1943 aus. Die Mauern stürzten bei einem Luftangriff im Oktober 1944 ein. 1956, das sogenannte Wirtschaftswunder war in Schwung, wurde das Essighaus neu aufgebaut. Dabei hatte man die historischen Utluchten – Fassadenvorsprünge mit Fenstern – mit aus dem Trümmerschutt geborgenen Teilen rekonstruiert. Inzwischen wurde es noch einmal neu gebaut. Das Neue Essighaus an der Langenstraße zählt zu den zentralen Bauwerken des „Balge-Quartiers“, mit dem der Investor Dr. Christian Jacobs Innenstadt und Weser verbinden will. Die historischen Utluchten wurden auch in das Neue Essighaus integriert.
Der passende Ort also, um das Freud-Buch vorzustellen. Bei der Buchpräsentation im „Balge-Quartier“ ordnete Tögel Freuds Bremen-Besuch im Kontext der Amerikareise so ein: „Freud war 42 Tage unterwegs, 24 Stunden davon hat er in Bremen verbracht. Allerdings gehörten diese 24 Stunden zu den intensivsten der ganzen Reise.“