Stand: 24.10.2026, 18:43 Uhr
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Gigantischen Verlusten zum Trotz: Ein Geopolitik-Experte warnt davor, Russland für schwach zu halten. Er verweist auf Putins eisernen Griff – und russische Eigenheiten.
Riga – Den Sommer über traf die Ukraine Russland auch tief im Landesinneren hart – mit Schlägen auf Öl-Infrastruktur, auf Logistik- oder auch Rechenzentren. Und in der russischen Wirtschaft scheint es mittlerweile zu knirschen. Anlass zu Hoffnung für die Ukraine? Ein Experte aus dem Nachbarland Lettland dämpft im Gespräch mit dem Münchner Merkur vor Ippen.Media die zuletzt sprießenden Erwartungen: Māris Andžāns verweist beim Treffen in Riga auf Besonderheiten der russischen Politik und Gesellschaft. „Man kann Russland nicht nach westlichen Maßstäben bewerten“, warnt er Optimisten.

Die drei baltischen Staaten haben besondere Erfahrungen mit aus Moskau gelenkten Imperien: Jahrzehntelang waren Estland, Lettland und Litauen von der Sowjetunion besetzt. Und schon lange vor Deutschland nahmen die Balten Gefahren aus Russland wahr. Andžāns, der den Thinktank „Zentrum für Geopolitische Studien“ leitet, sieht auch heute keinen Anlass zur Entwarnung. Unter anderem wegen der Allmacht der Sicherheitsdienste in Russlands Innerem, einer ungleich höheren Leidensfähigkeit und einer eigenwilligen Außenpolitik. „Verglichen mit ‚normalen‘ Ländern ist Russland ein Zombie – es sollte eigentlich schon tot sein, aber es läuft weiter. Und es wird weiter laufen“.
Putins Reich widersteht bislang Sanktionen – und Unmut: „Russland findet immer neue Wege“
Das könnte überraschen. Bekannt sind Berichte über Treibstoffknappheit in Putins Reich. Zwischenzeitlich schürten auch aus Sorge vor ukrainischen Drohnen abgeschaltete mobile Datennetze Unmut und Ahnungen von Chaos. Potenzial für Unruhe ist vorhanden, wie die Slawistin Daria Khrushcheva unserer Redaktion sagte. Auch Andžāns beobachtet das. Benzinknappheit etwa – „im Westen wäre das ‚Game over‘ für jede Regierung“, meint der Experte. Im vom ehemaligen Geheimdienstler Putin regierten Russland kontrolliere der Inlandsgeheimdienst FSB aber „im Grunde alles“: „Und er neutralisiert Probleme schnell, wenn sie auftauchen.“
Ein Risiko für Putins Regime im Inneren sei indes nicht völlig auszuschließen: „Ein Prigoschin-Szenario, ein Warlord, der Richtung Moskau marschiert.“ Im Juni 2023 hatte Jewgeni Prigoschin, Chef der Söldnergruppe Wagner, die Stadt Rostow besetzt und seine Truppen in Richtung Hauptstadt in Bewegung gesetzt. Prigoschin lenkte indes ein – und kam zwei Monate später bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Nach Andžāns‘ Einschätzung hat der Kreml mittlerweile Konsequenzen gezogen, etwa indem er die privaten Militärorganisationen aufgelöst oder in die Armee eingegliedert hat.
Anders als es etwa der Militärökonom Marcus Keupp mit Blick auf eine Bankenkrise schilderte, sieht Andžāns auch die wesentlichen Säulen der russischen Kriegswirtschaft vorerst nicht zusammenbrechen: Sanktionen seien meist kein Mittel, um ein Regime zu Fall zu bringen, meint er – und verweist auf die Beispiele Nordkorea und Iran. „Viele dachten, dass die Sanktionen effektiver sein würden“, sagt der Politikwissenschaftler. „Aber Russland findet immer neue Wege, die Sanktionen zu umgehen, die Wirtschaft zu stabilisieren.“ Dabei helfe Putin gerade die Kooperation mit China, Iran oder Nordkorea.
Putins Motto laute „ein alter Freund ist besser als zwei neue“ – diese Haltung habe Erfolg. „Es kämpfen nordkoreanische Soldaten in Europa. Das zeigt den russischen Einfallsreichtum“, sagt Andžāns. Zugleich sei Russland mittlerweile zusammen mit der Ukraine die führende Drohnen-„Supermacht“. Auch dank Anschubhilfe aus dem Iran. Die russischen Geran-Drohnen seien aus iranischen „Shahed“ entstanden, betont er. „Man nannte sie fliegende Mopeds. Jetzt haben sie Turbojet-Motoren und bereiten der Ukraine große Schwierigkeiten.“
Gigantische Verluste für Putins Russland: „Die Schmerzgrenze ist höher – kollektiv und individuell“
Russland habe zwar gigantische menschliche Ressourcen verloren, „mehr als eine Million Gefallene und Verwundete, zudem vermutlich Hunderttausende, die vor der Mobilisierung geflohen sind“. Aber auch im Zweiten Weltkrieg habe die Lage für die Sowjetunion an einem gewissen Punkt düster ausgesehen. Und anders als ein demokratischer Regierungschef müsse Putin Entscheidungen nicht rechtfertigen und werde auch nicht für Leiden seiner Bevölkerung zur Verantwortung gezogen. „Man könnte sagen, die Schmerzgrenze ist in Russland viel höher, individuell und auch kollektiv“, warnt Andžāns.
Russland sei unter Putin zugleich alles andere als risikoscheu, betont Andžāns. „Nicht nur die Schmerzgrenze, auch die Risikoneigung ist viel, viel höher als im Westen“, sagt er. Eine zu optimistische Einschätzung sei auch deshalb gefährlich: „Russland ist nicht schwach. Aber selbst eine Schwäche könnte in Russlands Fall zur verzweifelten Eröffnung neuer Fronten führen. Und die Kriegsführung hat sich längst verändert.“ Russland „teste“ Europa laufend. Kaum ein Szenario sei ausgeschlossen – auch nicht die Besetzung beispielsweise einer Ostseeinsel. Der Aggressor könne sein Ziel frei wählen; ein Vorteil gegenüber den Verteidigern.

Andžāns warnt aber auch vor falschen Schlussfolgerungen. Die einzige Lösung sei, die Ukraine konsequent zu unterstützen. „Einerseits sollten wir selbstkritisch sein, weil wir nicht genug getan haben. Andererseits wäre die Ukraine bei allem Heldenmut ihrer Menschen ohne finanzielle und militärische Unterstützung Europas längst besiegt.“ Zugleich gelte es, sich selbst zu wappnen. Eine russische Invasion in Deutschland sei zwar schwer vorstellbar – aber Russland könne in der „Grauzone“ „viele scheußliche Dinge tun“. Weithin bekannt ist der versuchte Drohnenanschlag am Flughafen Leipzig/Halle. Im Baltikum operieren Russland und Belarus offenbar auch wieder mit gelenkter Migration. Gezielte Desinformation ist ein weiteres Problem.
Putins Drohungen mit Atomwaffen will der Experte zwar nicht komplett abtun – aber einordnen. Die russische Nukleardoktrin sei bekannt, ein kritischer Punkt sei aber weit entfernt, meint Andžāns. Selbst der unwahrscheinlichen Ernstfall sei „nicht das Ende der Welt, so bizarr es klingen mag", sagt er. Üblicherweise denke man an strategische Atomwaffen und gegenseitige Vernichtung. Russland verfüge aber über taktische Sprengköpfe, die unter anderem für den Einsatz in eigener Grenznähe auf dem Schlachtfeld gedacht seien. Andžāns verwies auch auf Russlands chemische Waffen, deren Existenz die Vergiftungen Alexej Nawalnys oder Sergej Skripals belegten. „Ausschließen kann man den Einsatz dieser Waffen nicht. Aber es sollte uns nicht davon abhalten, die Ukraine zu unterstützen“, betonte der Experte.
Derzeit glaube Putin offenbar wieder an den Sieg – der Worst Case aus baltischer Sicht. Das sei „unglücklicherweise im Bereich des Möglichen“, sagt Andžāns. Unter anderem, weil die Beziehungen zwischen Wolodymyr Selenskyj und Donald Trump wieder auf einem Tiefpunkt seien. Die USA hielten zuletzt einige Geheimdienstdaten zurück, es gab auch Einschränkungen beim Satellitensystem Starlink von Elon Musks SpaceX. „Wenn der schlimmste Fall eintritt, hat die Ukraine keine Frühwarnung vor ballistischen Raketen. Deshalb könnte es strategisch der schwerste Winter für die Ukraine werden, unabhängig davon, was an der Front passiert.“ Der Westen müsse weiter helfen. Und mehr zum eigenen Schutz tun – weil Putins Russland so bald nicht zusammenbricht. (Quellen: Gespräch mit Māris Andžāns, eigene Recherchen / aus Riga berichtet Florian Naumann)