„Merz ist das Gesicht der Zumutung“: Sachsen-Anhalt-Wahl legt das Dilemma des Kanzlers schonungslos offen

Sachsen-Anhalt hat gewählt – und Merz steckt in einem Dilemma, das keine Wahl lösen kann

Stand: 06.09.2026, 19:55 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Sachsen-Anhalt hat gewählt – und das Ergebnis stellt Friedrich Merz vor ein Dilemma, das weit über eine Landtagswahl hinausgeht. Eine Analyse.

Magdeburg – Sachsen-Anhalt hat gewählt. Und das Ergebnis der Landtagswahl wird in den kommenden Tagen, wenn nicht sogar Wochen, als Echo im Berliner Konrad-Adenauer-Haus widerhallen. Mit großer Sorge haben zuletzt zahlreiche Menschen auf die Wahl in Sachsen-Anhalt geblickt: Ein Wahlsieg der AfD war bereits im Vorfeld als Bewährungsprobe für die Demokratie gewertet worden. Umfragen hatten die Partei um Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, die in dem Land als „gesichert rechtsextrem“ gilt, in den vergangenen Wochen konstant über 40 Prozent gesehen.

Das Ergebnis der Sachsen-Anhalt-Wahl offenbart ein Dilemma von Friedrich Merz (CDU). Die nächsten Wochen könnten zur Herausforderung werden. (Archivbild)

Das Ergebnis der Sachsen-Anhalt-Wahl offenbart ein Dilemma von Friedrich Merz (CDU). Die nächsten Wochen könnten zur Herausforderung werden. (Archivbild) © Moritz Frankenberg/dpa

Sachsen-Anhalt könnte für Friedrich Merz zu einem politischen Wendepunkt werden. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, wie der Kanzler aus der Sachsen-Anhalt-Wahl hervorgeht. Denn sein Problem ist grundsätzlicher: Die CDU findet bislang keinen Weg, die AfD zurückzudrängen, ohne ihr hinterherzulaufen. Zugleich wird Merz selbst zunehmend zum Gesicht dieser politischen Zumutungen. Zwei weitere Landtagswahlen könnten dieses Dilemma schon bald verschärfen.

Auswirkungen der Sachsen-Anhalt-Wahl: Merz unter Druck?

Wie nervös der Kanzler vor dieser Abstimmung war, zeigte sich an seiner ungewöhnlichen Ankündigung: Bereits Tage vor der Abstimmung kündigte Merz an, noch am Wahlabend selbst den Ausgang kommentieren zu wollen. Nach Einschätzung von Table.Briefings ist dieses Vorgehen ungewöhnlich. Laut der Rheinischen Post deutet ein schneller Auftritt eines Kanzlers nach einer verlorenen Wahl darauf hin, dass ihm das Wasser politisch bis zum Hals stehen würde.

In den vergangenen Wochen hatten sich verschiedenste Analysten an dem CDU-Chef abgearbeitet. Ulrike Herrmann, Wirtschaftsredakteurin bei der taz, zeigte sich wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt überzeugt, dass Merz nach den September-Wahlen politisch „Geschichte sein wird“. Sie machte zugleich den Kanzler für den jüngsten Aufstieg der AfD verantwortlich. Dass die Ära von Merz nach den Wahlen ein Ende finden könnte, sei intern bereits beschlossen, so Herrmann.

Bereits vor dem Urnengang mutmaßte Politico, dass das Ergebnis der Sachsen-Anhalt-Wahl eine Kette von Ereignissen auslösen könnte, die zum Sturz des Kanzlers führen würde. Demnach würde hinter der vorgehaltenen CDU‑Hand der Kanzlerwechsel diskutiert. „Angesichts der Unzufriedenheit, der Umfragewerte und der Tatsache, dass nächstes Jahr weitere Wahlen anstehen, wird der Druck für einen grundlegenden Wandel natürlich steigen“, sagte Julian Schache, ein CDU-Politiker aus Magdeburg, laut dem Medium. „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass einige auf den Rücktritt von Friedrich Merz drängen werden. Ob das die Lösung ist, bleibt abzuwarten.“

Kanzlersturz nach Wahl in Sachsen-Anhalt: CDU hat keine Alternativen zu Merz

Doch die Erzählung könnte nach der Sachsen-Anhalt-Wahl auch eine andere sein: Die CDU reagiert in Krisenzeiten oft mit geschlossenen Reihen. Laut Rheinischer Post wird zwar hinter vorgehaltener Hand über Kanzler Merz debattiert, allerdings nicht über den Kanzlersturz. Vielmehr geht es darum, den CDU-Chef zu stützen. Dass es aktuell keine Alternative zu Merz gibt, schreibt auch Table.Briefings: Für Hendrik Wüst wäre es kein glücklicher Zeitpunkt, um nach Berlin zu gehen. Darüber hinaus wird auf die Tatsache verwiesen, dass die CDU nach dem Ergebnis der Sachsen-Anhalt-Wahl vor wichtigeren, demokratischen Aufgaben stehen könnte.

Die Wahl in Sachsen-Anhalt hat aber zugleich eine viel grundlegendere Baustelle des Kanzlers offengelegt. Während AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund auf seiner Simson durch das Land tourte, taten sich die Christdemokraten schwer, gemeinsam mit ihrem Parteichef Wahlkampf zu betreiben. Merz hatte zu Beginn seiner Kanzlerschaft angekündigt, die Zustimmung zur AfD halbieren zu wollen. Der bisherige Verlauf deutet allerdings darauf hin, dass dieses Ziel in weiter Ferne liegt.

Merz im strategischen Dilemma – nicht erst durch Ergebnis der Sachsen-Anhalt-Wahl

Das Problem reicht dabei über das Verhältnis zwischen CDU und AfD hinaus. Die Union grenzt sich von der Partei ab, doch bislang lässt sich daraus kein entsprechender politischer Gewinn erkennen. Die AfD bleibt stark, während die CDU ihren eigenen Kurs nur schwer vermitteln kann. Für Merz entsteht damit ein strategisches Dilemma: Eine klare Abgrenzung zur AfD ist politisch geboten, führt aber nicht automatisch dazu, dass deren Wähler zur Union zurückkehren. Zugleich würde jeder Versuch, stärker auf Positionen der AfD zu reagieren oder sich ihnen anzunähern, genau jene Abgrenzung untergraben, auf die die CDU bislang setzt.

Hinzu kommt ein persönliches Problem des Kanzlers. Merz ist längst nicht mehr nur derjenige, der die Politik seiner Regierung erklärt. Er ist für viele Bürger selbst zum Gesicht ihrer Zumutungen geworden. Unverblümte Aussagen über die deutsche Arbeitsmoral, Krankheitstage oder das Gesundheitswesen haben in den vergangenen Monaten immer wieder Debatten ausgelöst. Die politische Wirkung solcher Äußerungen lässt sich dabei nicht allein an einzelnen Umfragewerten ablesen. Sie prägen vielmehr das Bild eines Kanzlers, der für eine Politik steht, deren Folgen er der Bevölkerung erklären und teilweise auch abverlangen muss.

„Die CDU sitzt auf drei Lebenslügen, die inzwischen geplatzt sind. Die eine ist: Wir brauchen keine Industriepolitik. Die andere ist: Wir müssen den Klimawandel … na ja, so lala. Drittens: Wir brauchen keine Schulden zu machen. Und Merz ist im Grunde das Gesicht der Zumutung mit diesen ganzen Lebenslügen“, sagte die Zeit-Journalistin Mariam Lau vor wenigen Tagen.

Merz wegen AfD vor Herausforderung: Sachsen-Anhalt-Wahl nur der Auftakt

Es geht für Merz längst nicht mehr nur um schlechte Beliebtheitswerte. Seine persönliche Wahrnehmung und die strategische Misere seiner Partei verstärken sich gegenseitig. Je stärker die Union mit schwierigen politischen Entscheidungen konfrontiert ist, desto stärker steht der Kanzler im Zentrum. Und je stärker Merz selbst zum Symbol für diese Entscheidungen wird, desto schwieriger wird es für die Union, mit ihm einen politischen Neuanfang zu inszenieren.

Auch beim Umgang mit der AfD steckt die CDU in diesem Widerspruch fest. „Es gibt in Teilen der Union immer noch die Illusion, man könne die AfD spalten – den bürgerlichen vom rechtsextremen Teil trennen“, sagte Soziologe Oliver Nachtwey der Frankfurter Rundschau. Eine solche Strategie würde die grundlegende Frage aber nicht beantworten: Wie gewinnt die Union jene Wähler zurück, die zur AfD abgewandert sind, ohne deren politische Logik zu übernehmen?

Merz steht damit vor einem Problem, das sich nicht durch eine einzelne verlorene oder gewonnene Landtagswahl erledigen lässt. Er müsste gleichzeitig die AfD zurückdrängen, die eigene Partei profilieren und ein anderes Bild seiner Kanzlerschaft vermitteln. Jede dieser Aufgaben ist für sich bereits schwierig. Zusammen ergeben sie ein politisches Dilemma.

Nach Sachsen-Anhalt-Wahl: Nächste Bewährungsproben in Berlin und Schwerin

Dass daraus kurzfristig ein Kanzlersturz folgt, ist keineswegs ausgemacht. Politikwissenschaftler Carsten Koschmieder von der Freien Universität Berlin sagte der Deutschen Welle bereits vor der Wahl, er habe nicht den Eindruck, dass Merz zurücktreten werde. Er sei vielmehr jemand, der „sehr gern Bundeskanzler ist und lange darauf hingearbeitet hat“. Auch innerhalb der Union fehlt derzeit eine naheliegende Alternative, die einen Führungswechsel ohne zusätzliche Risiken ermöglichen würde.

Für Merz ist damit allerdings wenig gewonnen. Denn unabhängig davon, ob er nach der Sachsen-Anhalt-Wahl fester oder schwächer im Amt sitzt, bleibt das grundlegende Problem bestehen: Die Union muss einen Weg finden, der AfD politisch etwas entgegenzusetzen, ohne ihr hinterherzulaufen.

Der Union läuft die Zeit davon. Schon in diesem Monat folgen zwei weitere Landtagswahlen und Sachsen-Anhalt ist damit kein Schlusspunkt, sondern nur der Auftakt einer quälenden Testreihe für Friedrich Merz. Jedes weitere schwache Ergebnis könnte die Frage nach seinem politischen Kurs verschärfen. Ein gutes Abschneiden wiederum würde zwar kurzfristig Entlastung bringen. Doch die strategische Frage der Union wäre damit aber noch längst nicht beantwortet. (Quellen: Zeit, taz, ZDF, Deutsche Welle, eigene Berichterstattung, Politico, Rheinische Post, Table.Briefings) (fbu)