„Sagt mehr als eine Antwort“: Worauf clevere Menschen in Gesprächen achten

Stand: 22.10.2026, 19:21 Uhr

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Viele Menschen haben es verlernt, im Gespräch auf ihr oder das Nervensystem des anderen zu achten. Eine Wirtschaftspsychologin erklärt, wie wichtig das ist.

Frankfurt – „Noch bevor du deinen ersten Satz beendet hast, hat mir dein Körper schon fast alles gesagt“, schreibt Xenia Matthies auf Linkedin. „Ich lese keine Gedanken. Ich lese Nervensystemzustände“, schreibt die Wirtschaftspsychologin und systemische Beraterin. Sie achtet im Gespräch darauf, wohin die Augen springen, wenn ihr Gesprächspartner eine Sekunde zögert. „Das sagt mir mehr als eine Antwort“, schreibt sie. Oder ob die Person schnell und flach oben im Brustkorb atmet. Für sie bedeutet das, dass der Körper ihres Gegenübers im Bereitschaftsmodus arbeitet.

Frauen trinken draußen Kaffee und reden

In Gesprächen das eigene Nervensystem und das der anderen Person zu beachten, kann clever sein. (Symbolbild) © Depositphotos/IMAGO

Auch wenn die Stimme leicht angehoben starten würde und dann abfalle, sei das verdächtig. „Es ist Regulation in Echtzeit. Du versuchst, Kontrolle zu halten, während dein Nervensystem hochfährt.“ Dies verrieten auch die Schultern, die bei den ersten zwei Sätzen oft angespannt seien, beim dritten Satz jedoch nachließen. Oder wenn das Sprechtempo langsamer werde. „Die meisten Menschen spüren in Gesprächen, wenn etwas mit ihrem oder dem Nervensystem ihres Gegenübers nicht stimmt – haben aber verlernt, darauf zu hören“, sagt Matthies der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Wer clever ist, versucht, dies wieder zu lernen. So schaffen wir einen besseren Umgang miteinander.“ Und zwar egal, ob neurodivergent oder nicht, sagt sie.

Wirtschaftspsychologin: „Menschen haben den Zugang zum eigenen Nervensystem verloren“

Matthies ist seit 15 Jahren in unterschiedlichen Branchen, Firmen und Positionen in der Wirtschaft tätig gewesen, hatte am Arbeitsplatz aber immer dieselben Probleme, denn sie ist diagnostizierte ADHSlerin. Sie habe AuDHD, berichtet sie, eine Mischung aus Autismus und ADHS. Die Diagnose gilt nicht als offizielle Krankheit, hat sich in Online-Communities jedoch als Begriff etabliert. Ihr AuDHD sei ein „ständiger Kampf zwischen Ruhe und Stimulation“, sagt sie im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau.

Helfen würde ihr vor allem, ihr Nervensystem zu regulieren. „Hier kommt alles zusammen: die Fähigkeit, Leistung abzurufen, mit Menschen in Verbindung zu treten, Beziehungen aufzubauen und natürlich auch die Fähigkeit zur Stressregulation.“ Erkenntnisse darüber seien im englischsprachigen Raum längst etabliert. Seit drei Jahren versucht Matthies, das Thema nach Deutschland zu bringen und ein reguliertes Nervensystem als Erfolgsfaktor in Unternehmen zu etablieren, um dort mental gesunde Arbeitswelten zu schaffen.

„Das autonome Nervensystem regelt Herzschlag, Blutdruck und Energie. Es hält uns schlichtweg am Leben“, sagt die Wirtschaftspsychologin. „Es muss ständig prüfen, wo Gefahr droht. Das ist ein evolutionärer Prozess“, sagt sie. Dabei unterscheide es in Millisekunden. „Hier gibt es oft nur Schwarz-Weiß“, sagt sie. Im Gespräch funktioniere es ähnlich: „Wir scannen unser Gegenüber ununterbrochen – ganz nach dem Motto: Ist das Freund oder Feind?“ Neurodivergente spürten das oft sofort. „Viele neurotypische Menschen haben den Zugang zum eigenen Nervensystem verloren“, sagt sie. Bei Neurodivergenten sei oft die Interpretation das Problem.

„Stressregulation ist rein körperlich“: Welchen Fehler viele in Gesprächen machen

Matthies setzt sich dafür ein, dass sowohl neurodivergente Personen als auch neurotypische Personen lernen, Abweichungen in ihrem eigenen und im Nervensystem anderer zu erkennen. Veränderungen im Blick, der Atmung, der Körperhaltung und der Stimme lieferten die notwendigen Informationen. Zum Beispiel könne der Satz „Es geht mir gut“ mit angespannter oder lockerer Stimme gesagt werden.

„Verbindung entsteht nur, wenn das Nervensystem reguliert ist“, sagt Matthies der FR. Erst im sicheren Zustand könnten Menschen in einen echten Austausch kommen. Werde das Gegenüber im Gespräch reaktiv, steige das Stresslevel. Je reaktiver es werde, desto ruhiger solle man selbst werden, rät sie. „Co-Regulation“ nennt sie das. Nervensysteme ließen sich nicht über Dialog regulieren. Diesen Fehler würden jedoch viele machen, weil sie negative Emotionen so schwer aushalten. Doch „Stressregulation ist rein körperlich“, sagt Matthies. Es gehe zuerst darum, einen Zustand herzustellen, in dem überhaupt wieder eine Lösung möglich ist.

„Wenn der Körper Stress wahrnimmt, mobilisiert er Energie und bereitet die Muskeln auf schnelles Handeln vor – zum Beispiel darauf, zu kämpfen oder wegzulaufen. In diesem Zustand können wir nicht logisch nachdenken.“ Evolutionär gesehen, ergebe das Sinn, denn wenn man vor einem Mammut stehe, helfe ein Gespräch nicht. Matthies rät dazu, Gesprächspersonen in solchen dysregulierten Zuständen Bewegung anzubieten, das Gespräch zu vertagen, zu fragen, ob alles in Ordnung ist, oder selbst eine kleine Pause einzufordern. (Quellen: eigene Recherche, Linkedin)