Warum Salingers Roman "Der Fänger im Roggen" bis heute fastiniert

Gemeinsam mit „Huckleberry Finn“ und „The Great Gatsby“ bildet „The Catcher in the Rye“ das große Trio der amerikanischen Literatur. Womöglich ist J. D. Salingers Roman sogar das einzige Buch von Weltrang, zu dem nicht auch eine Verfilmung, ein Theaterstück, ein Prequel oder ein Sequel existiert. Das hat nicht einmal die Bibel geschafft. Und das nicht etwa, weil niemand es versucht hätte. Alle haben sich darum bemüht, Billy Wilder und Elia Kazan, Marlon Brando, Jack Nicholson, Leonardo DiCaprio und Steven Spielberg. Und alle erhielten eine Abfuhr, zu Lebzeiten von Salinger, nach seinem Tod 2010 von dessen Nachlassverwalter.

Umschlag der Erstausgabe von J. D. Salingers „The Catcher in the Rye“, 1952
Umschlag der Erstausgabe von J. D. Salingers „The Catcher in the Rye“, 1952Archiv

Vielleicht macht gerade das Holden Caulfields Wirkmacht aus, dass er auf keiner Leinwand und keiner Bühne existiert, sondern ausschließlich in der Vorstellung der gut 65 Millionen Leser, die „Der Fänger im Roggen“ seit seinem Erscheinen 1951 gekauft haben. Um Salinger und seinen Roman besser zu verstehen, muss man zurückgehen bis in den Zweiten Weltkrieg. In Steffen Kopetzkys Roman „Propaganda“ konnte man vor ein paar Jahren nachlesen, was viele nicht wussten: Dass der 1919 geborene Jerome David Salinger als junger Soldat an der grausamen Schlacht im Hürtgenwald teilgenommen hatte. Später war er bei der Befreiung von Konzentrationslagern dabei, verhörte Nazis und erlitt einen Nervenzusammenbruch.

An Hemingway, den er als Soldat kennengelernt hatte, schrieb er, wie unmöglich es sei, dem Krieg jemals zu entkommen. Doch erst sehr viel später, als Salinger sich längst aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte und Biographen mit Klagen drohte, erkannte man, dass Salinger in seinem einzigen Roman sein Kriegstrauma verarbeitete, getarnt als Coming-of-Age-Geschichte eines labilen Teenagers.

Wie Depression und Trauma funktionieren

Schon der Titel führt in die Irre, denn einen Fänger gibt es nicht. Das Missverständnis entsteht durch eine Verwechslung. Holden versteht ein Gedicht von Robert Burns falsch, auf das er seine gesamte Vorstellungswelt aufbaut, bis seine kleine Schwester Phoebe ihn korrigiert. Generationen von Teenagern haben sich in diesem mit sich ringenden Jugendlichen immer neu entdeckt. Dabei liegt die Radikalität der Geschichte weniger in der Handlung selbst als in ihrer Erzählhaltung. Die unverblümte Jugendsprache dieses Erzählers war neu im Roman, ohne Glättung und Literarisierung, dafür mit  Abbrüchen und Tiraden an Schimpfwörtern.

Auch deshalb war „Der Fänger im Roggen“ noch bis in die Achtzigerjahre nicht nur eines der meistgelesenen, sondern auch der meistzensierten Bücher amerikanischer Schulen und Bibliotheken. Es wird nicht explizit benannt, doch der Roman zeigt vor allem, wie Depression und Trauma funktionieren. Holdens Bruder Allie war an Leukämie gestorben. Mitten im reichen und lauten New York des Jahres 1950 steht da dieser Junge, einsam und trauernd, der verzweifelt jemanden sucht, dem er etwas bedeutet. Auch das, die Vereinsamung in der Masse, ist als Sujet bis heute bekannt.

Die dunkle Randnotiz zur Wirkungsgeschichte, dass „Der Fänger im Roggen“ mehrfach mit Tatorten in Verbindung gebracht wurde, lässt sich vielleicht in diesem Kontext sehen. Nicht nur der Mörder von John Lennon hielt den Roman in der Hand, als er verhaftet wurde. Auch Ronald Reagans Attentäter besaß ein Exemplar. Dabei ruft Holden niemals zur Gewalt auf. Er schreit nur, dass alles falsch ist.

Der rebellische, untröstliche Teenager Holden lässt sich zurückführen bis zu Goethes „Werther“, der sich als empfindsamer Typus ähnlich tief ins kollektive Bewusstsein eingeschrieben hat. Beide sind emotional instabil und suchen nach echten Bindungen. Goethe ging nach Erscheinen dieses ersten Bestsellers der Literaturgeschichte nach Weimar und schrieb Weltliteratur. Salinger zog in ein Dorf in New Hampshire und verstummte literarisch. Zwar schrieb auch er weiterhin täglich, aber nur für sich.

In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.