Publiziert7. August 2026, 18:57
Optionen offenhalten«Schauen wir spontan»: Werden wir immer unverbindlicher?
Möglichst unverbindlich bleiben und ja nicht fix zusagen: So organisieren viele aus der Gen Z heute ihre Treffen. Werden wir tatsächlich immer spontaner und unverbindlicher?

Darum gehts
- Viele junge Erwachsene der Gen Z halten Verabredungen bewusst offen und sagen kurzfristig ab.
- Laut einer Civey-Umfrage geben rund 70 Prozent der 18- bis 29-Jährigen an, Verabredungen gelegentlich kurzfristig abzusagen.
- Knigge-Expertinnen kritisieren die Entwicklung: Wer erst einen Tag vorher absagt, verhalte sich unhöflich.
«Klingt gut – schauen wir noch.» Für viele junge Erwachsene gehört diese Antwort mittlerweile zum Alltag. Treffen werden spontan abgesagt, Verabredungen bewusst offengehalten oder erst kurz vorher definitiv zugesagt – es könnte sich bis dahin ja noch etwas ergeben.
In einer Strassenumfrage haben uns junge Erwachsene erzählt, warum sie sich bei Verabredungen möglichst viele Optionen offenhalten möchten. Doch weshalb ist das so? Und was steckt hinter diesem Bedürfnis nach Spontanität und Flexibilität?
«Mal schauen, ich komme auf dich zu»
Anisa (23) und ihre Kollegin Luisa (23) sitzen gerade zu zweit am See – ein Treffen, das sie ganz spontan vereinbart haben. Im Voraus planen? Das machen die beiden nur selten. «Oft heisst es einfach: Nächste Woche? Ja, schauen wir noch», erzählen sie. Das gelte allerdings vor allem für enge Freundschaften. «In grösseren Freundesgruppen macht man eher ein fixes Datum ab, damit möglichst alle kommen können.» Treffen sie sich hingegen nur zu zweit, könne es gut sein, dass jemand kurzfristig absagt und man stattdessen einen anderen Termin sucht.
Ausreden benutzen die beiden vor allem bei Dates. Luisa sagt: «Wenn ich doch keine Lust habe hinzugehen, sage ich meistens, ich müsse lernen. Das ist meine Go-to-Ausrede.» Auch Antworten wie «Mal schauen, ich komme auf dich zu» seien nicht ungewöhnlich, wenn Freunde nach einem Treffen fragen.

Dass spontane Planänderungen längst keine Ausnahme mehr sind, zeigt auch eine repräsentative Civey-Umfrage im Auftrag von Watson. Rund 70 Prozent der 18- bis 29-Jährigen gaben an, Verabredungen gelegentlich kurzfristig abzusagen.
Je weniger eng befreundet, desto spontaner
Für Amy (25), Marina (25) und Anouk (26) kommt es ebenfalls auf die Intensität der Freundschaft an: «Je weniger eng ich mit jemandem befreundet bin, desto spontaner wird es», sagt Marina. Alle drei geben zu, schon einmal ein Treffen bewusst offengehalten zu haben – für den Fall, dass sich spontan noch etwas anderes ergibt. «Wenn ich aber einmal zusage, dann ist es fix. Dann sage ich nicht wieder ab», betont Anouk.
Die drei schätzen die Flexibilität. «Es gibt heute so viele Möglichkeiten, da möchte man sich möglichst lange offenhalten, wozu man Ja oder Nein sagt», erklärt Marina. Gleichzeitig sei es einfacher geworden, kurzfristig abzusagen. «Man muss der Person nicht mehr persönlich absagen, sondern kann einfach eine Nachricht schicken», sagt Amy.

Diese Unverbindlichkeit könne allerdings auch anstrengend sein. «Ich habe schon Freunde – nicht aus meinem engsten Kreis –, bei denen ich weiss: Sie haben zwar zugesagt, kommen aber wahrscheinlich trotzdem nicht.»
«Das ist unhöflich»: Das sagen Knigge-Expertinnen zur Unverbindlichkeit
Knigge-Expertin Linda Hunziker findet gegenüber 20 Minuten klare Worte: «Wer eine Einladung erhält, sollte grundsätzlich zu- oder absagen.» Dies sollte möglichst früh geschehen, damit die einladende Person entsprechend planen kann. «Wenn man bereits weiss, dass man nicht teilnehmen kann, sollte man das klar kommunizieren und nicht vage formulieren.»

Auch Knigge-Expertin Susanne Abplanalp ist der Meinung: «Wenn man erst einen Tag vor der Verabredung absagt, ist das unhöflich.» Optionen könne man sich zwar offenhalten, dies werde aber durchschaut und sei nicht sympathisch, fügt sie hinzu.
Verbindlichkeit nimmt ab
Beide Knigge-Expertinnen beobachten, dass die Verbindlichkeit im Umgang miteinander zunehmend abnimmt. Hunziker stellt dies insbesondere im Gespräch mit Restaurants fest: «Es werden Doppel-Reservationen gemacht, um dann die bessere Option zu wählen. Viele Menschen möchten flexibel bleiben und sich möglichst viele Möglichkeiten offenhalten.»

Auch Abplanalp sieht diese Entwicklung kritisch: «Verbindlichkeit wird nicht mehr ernst genommen, und das ist ein Problem für all diejenigen, die gerne planen würden». Sie rät deshalb, nicht jeder Verlockung nachzugeben und nicht ständig etwas vermeintlich Besseres anzunehmen.
Hunziker nennt einen möglichen Grund für diese Entwicklung: «Wenn man ein Treffen absagen möchte, kann man heutzutage leider einfach eine Nachricht schreiben und muss dem enttäuschten Gesicht der anderen Person nicht mehr direkt gegenüberstehen, was es erleichtert, unverbindlich zu bleiben.»
Spontane Absagen und Ausreden
Auf einer Bank am See sitzen Amar (28) und sein Bruder Ermin (24). Was Verbindlichkeit angeht, könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Wenn Amar ein Treffen vereinbart, trägt er es direkt in seinen Kalender ein. Für ihn ist eine Zusage verbindlich. Sein Bruder Ermin sieht das anders: «Manchmal habe ich einfach weniger Lust auf Leute. Dann sage ich: Ja, schauen wir noch. Machen wir spontan etwas.»

Ermin erzählt: «Wenn ich zusage, ist klar: Es findet definitiv statt und ich muss da jetzt wirklich hingehen.» Genau diese Verbindlichkeit sei ihm manchmal zu viel. Falls er doch absagt, hat er manchmal auch eine Ausrede parat: «Ich bin mit meinem Bruder unterwegs.» Amar lacht: «Diese Ausrede habe ich noch nie benutzt.» Er sage nur ab, wenn ihm die Arbeit dazwischenkomme.
Gibt auch mühsame Freunde
Auch Anina (22) und ihre Kollegin Lea (19) beobachten, dass vieles spontaner geworden ist. Ihr Treffen an diesem Tag hätten sie erst am Vorabend vereinbart.

«Man schreibt schnell eine Nachricht – und schon ist etwas abgemacht», sagt Lea. Gleichzeitig könne die Spontanität auch mühsam werden. «Ich habe Kollegen, bei denen ich zwei Tage vorher schon gerne wüsste, ob das Treffen stattfindet oder nicht», erzählt Anina. Einig sind sich die beiden dennoch: «Oft machen wir zwar den Tag ab – die genaue Uhrzeit ergibt sich dann aber ganz spontan.»
Wie gehst du damit um, wenn Verabredungen kurzfristig abgesagt werden?
Das ärgert mich, ich plane meine Zeit gerne im Voraus.
Ich bin selbst flexibel und finde immer eine Alternative.
Ich frage nach dem Grund, aber es ist meistens in Ordnung.
Ich sage dann auch mal ab, wenn es mir nicht passt.
Ich habe mich daran gewöhnt, das gehört heute dazu.
Ich treffe mich nur noch mit Leuten, die verbindlich sind.

Selina Keller (sek) arbeitet seit 2025 bei 20 Minuten und ist Redaktorin im Ressort Community