Christoph Schlingensief in Berlin: Immer noch wild?

Wenn gar nichts mehr hilft in den endlosen Debatten um die moralische Unabhängigkeit des Theaters, dann verweist man auf Schlingensief. Dann sagt man zum Beispiel: „Der hat noch mit Neonazis Hamlet inszeniert.“ Und dann ist Ruhe. Gegen Schlingensief traut sich im identitätspolitisch verschlafenen Milieu der Theaterblase auch heute noch niemand etwas zu sagen. Im Gegenteil: Jeder bezieht sich gerne auf ihn. Der Name ist irgendwie unantastbar, das hängt mit dem zusammen, was er gemacht hat (nämlich sehr viel) und mit dem Umstand, dass er an schwerer Krankheit gestorben ist (und das viel zu früh). Schlingensief ist eine Moralmodemarke, deren Wert nach seinem Tod erst so richtig gestiegen ist.

Der Mythos des Frühvollendeten nutzt ihm und seinem Werk, um dessen Aufarbeitung und Fortwirken sich seine Witwe Aino Laberenz unermüdlich kümmert. Zusammen mit dem Schweizer Kurator Raphael Gygax hat sie jetzt unter dem Titel „Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine“ eine Schlingensief-Ausstellung konzipiert, die am Berliner Martin- Gropius-Bau zu sehen ist.

Anstelle einer umfassenden Retrospektive gibt sie schlaglichtartig Einblick in das unübersichtliche Werk dieses gesellschaftsspielsüchtigen Kunstaktivisten, der im Grunde auf allen ästhetischen, politischen, medialen und sozialen Feldern seiner Zeit nach Möglichkeiten der Reibungserzeugung gesucht hat. Wenn man sonst nichts von ihm weiß, dann weiß man doch das: Schlingensief war irrsinnig aktiv. Aktivistisch sogar. Was seinen Aktivismus ausmacht und kennzeichnet, das erfährt man in der Berliner Ausstellung ganz gut.

Medienwissenschaft mit anderen Mitteln

Er, der Sohn eines Apothekers aus Oberhausen, 1960 geboren, Messdiener, Machertyp, Medienbaby, hört 1976 im örtlichen Lions Club zum ersten Mal Joseph Beuys über Kapitalismus reden. Auf ihn und seine weite Kunstauffassung wird Schlingensief sich fortan immer beziehen. Von ihm und seinem breiten Aktivsein wird er sich zeit seines Lebens inspiriert und geprägt zeigen. In gewisser Weise überführt er das Beuys’sche Programm von Mythos und Moderne in eine neue Zeit, verlagert es auf das Feld der Kommunikation. Schlingensief ist nicht mehr in erster Linie an Performance, sondern an Sendung interessiert. Er, der nach Angaben seiner Witwe zu den ersten tausend Menschen in der Bundesrepublik mit einem Handy gehört haben soll, beschäftigte sich leidenschaftlich mit der bewusstseinsbildenden Kraft der Medien. Schon in seinen frühen Arbeiten als Filmemacher trieben ihn mehr die Fragen der Perspektive und Wirkung um als irgendwelche Anforderungen an Handlung oder Erzählbögen. Das, was man später hilfsweise „experimentell“ nennen würde, war in Wahrheit Medienwissenschaft mit anderen Mitteln.

Wahkplakat für „Chance 2000 – Partei der letzten Chance“ aus dem Jahr 1998
Wahkplakat für „Chance 2000 – Partei der letzten Chance“ aus dem Jahr 1998MAK/Nachlass Christoph Schlingensief

Schlingensief interessierte sich nicht nur für Medien, er produzierte, imitierte und persiflierte sie auch. 2002 ging er für sein Projekt „Freakstars 3000“ beispielsweise eine Kooperation mit dem Fernsehsender „Viva Plus“ ein und realisierte mit behinderten Darstellerinnen und Darstellern eine sechsteilige Fernsehshow, die sich an der Wirkungsästhetik von Castingshows und politischen Talkrunden orientierte und damit gleichzeitig ihre brutale Verwertungslogik und Normierungsmacht vor Augen führte. Schlingensiefs Werkbiographie umfasst neben Filmen, Ausstellungen und Aktionen auch Fernsehformate, Hörspiele und Videoarbeiten. Im Grunde war die entscheidende Frage für ihn als Kunstaktivist immer: „Wie bewältige ich das Material meiner Zeit?“ Nicht die Aufführung stand für ihn im Zentrum, nicht das Happening an sich, sondern die Vor- und Nachberichterstattung, alles, was an Reflexion drum herum entstand. Deshalb war er stets auch als „Radikalmoderator“ und „Live-Regisseur“ tätig, war er im Grunde immer auf Sendung.

Und deshalb gehören auch die vielen Interviews, die er gerne gegeben hat, zu seinem Werk. Laberenz hat 2020 eine umfassende Anthologie aller möglichen Gespräche mit Schlingensief herausgegeben, die markante Zeitdiagnostik und zynische Selbstbeschreibungen aneinanderreiht. Diese Gespräche sollte man lesen, bevor man in die Berliner Ausstellung geht. Denn sonst könnte man bei dem Besuch auf die Idee kommen, hier gehe es nur um die nostalgische Erinnerung an eine Zeit, als Kunst noch provozieren konnte. Als traditionelle Opernbesucher mit verwesenden Hasen und Verstümmelungsphantasien schockiert wurden und selbst die Frau des damaligen Volksbühnen-Chefs Castorf sich während einer Theateraktion von Schlingensief übergeben musste.

Was würde Schlingensief heute in Sachsen-Anhalt machen?

„Es ist das grundlegende Übel der Gesellschaft, dass sie auf Provokation angewiesen ist, um sicherzugehen, dass sie noch in Bewegung ist. Provokation ist für mich ein langweiliges Medium“, sagt Schlingensief aber 2001 in Zürich in einem Interview aus Anlass seiner umstrittenen „Hamlet“-Aufführung. Schlingensief holte dafür vermeintlich ausstiegswillige Neonazis aus Deutschland ans Schauspielhaus Zürich und ließ sie in der berühmten Mausefallen-Szene grölend auftreten. Aber auch über ihre Angst berichten, als Aussteiger von den alten Verbündeten verfolgt zu werden. In einem Raum der Ausstellung kann man einen Zusammenschnitt verschiedener Aufführungen sehen und mit der Frage weitergehen: Würde Schlingensief heute in Sachsen-Anhalt ein „Theater der Angst“ eröffnen?

„Church of Fear“, Installation von Schlingensief aus dem Jahr 2003
„Church of Fear“, Installation von Schlingensief aus dem Jahr 2003Gropius Bau/Luca Girardini

„Church of Fear“, so hieß eine Installation von ihm aus dem Jahr 2003, die vor dem Hintergrund des 11. September die Instrumentalisierung von Angst semantisierte. Am Tag der US-amerikanischen Invasion des Iraks gründete Schlingensief eine parodistische Glaubensgemeinschaft, deren einziges Dogma der „Glaube an die Angst“ war. In Predigten, ritualhaften Aktionen (Besucher konnten sich auf einen Pfahl setzen und von ihren Albträumen berichten) und Interventionen im öffentlichen Raum forderte er sein Publikum dazu heraus, sich mit den eigenen Ängsten und ihren politischen Vereinnahmungen zu beschäftigen. Die Kapelle von damals ist jetzt in Berlin zu sehen.

Angst vor Aids

Genauso wie „Kaprow City“, ein großes Installationsgewebe, das ursprünglich das Bühnenbild der letzten Schlingensief-Inszenierung über den Tod von Lady Diana an der Berliner Volksbühne 2006 bildete, aber jetzt im Lichthof des Gropius-Baus als raumgreifendes installatives Kunstwerk ausgestellt ist. In verschiedenen, von transparenten Folien verhangenen Kinokammern werden Aufnahmen aus Theaterinszenierungen, buñuelhafte Fragmente aus früheren Projekten, private Super-8-Filme aus der Kindheit gezeigt – an der zugeschmierten Außenwand steht die „Angst Aids“ neben Verweisen auf Dieter Roth. Das ist nicht der laute Schlingensief, dem man hier zuerst begegnet, nicht der Megaphon-Megalomane, als den man ihn vor allem in Erinnerung hat. Das ist eher der stille ehemalige Münchner WG-Bewohner, der mit dem Musiker und Schriftsteller Thomas Meinecke Neue-Deutsche-Welle-Musik hörte und selbst in einer Band namens „Vier Kaiserlein“ spielte.

Szene aus „Kaprow City“ im Lichthof des Gropius-Baus im Rahmen der Ausstellung „Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine“
Szene aus „Kaprow City“ im Lichthof des Gropius-Baus im Rahmen der Ausstellung „Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine“Gropius Bau/Luca Girardini

Aber keine Sorge: den anderen, den lauten, wirkungsbewussten Schlingensief, den erlebt man in der Ausstellung schon auch: etwa als Initator der Spaßpartei „Chance 2000“, die mit Hilfe von Elfriede Jelinek (die ihm ein Parteiprogramm schrieb) sechs Millionen Arbeitslose mobilisieren wollte, um durch ein Massenbad den Pegel des Wolfgangsees ansteigen zu lassen und dadurch Helmut Kohls Feriendomizil zu gefährden. Der Wahlkampf-Overall mit den gefakten Unterstützer-Logos hängt hier als auratischer Gegenstand an der Wand. Man lernt Schlingensief als neokolonialistischen Aktivisten avant la lettre kennen, der in Namibia oder Manaus Drehmaterial für seine Inszenierungen von Richard-Wagner-Opern sammelte und dort sein berühmtes Operndorf baute. Aber auch als Polit-Parodisten mit westfälischem Zungenschlag, der so schnell sprach, als würde er die Tiktok-Geschwindigkeit unserer Tage schon vorwegnehmen wollen.

Christoph Schlingensief, der vor sechzehn Jahren mit gerade einmal fünfzig Jahren an Lungenkrebs starb, ist nicht in erster Linie wegen seiner chaotischen Vielseitigkeit interessant. Die berühmten Grenzen, die er zwischen Theater, Film, Oper und politischer Aktionskunst eingerissen haben soll – haben die je so bestanden? Nein, Schlingensief interessiert uns deshalb heute noch und wieder mehr, weil er mit seinen Projekten nicht nach heilenden „safe spaces“ gesucht, sondern sich im Gegenteil sehr um Schmerzen für das eigene Milieu bemüht hat. Sein künstlerischer Aktivismus, auf den sich heute gerne Epigonen wie Milo Rau oder das Zentrum für politische Schönheit beziehen, stellte sich jedenfalls stets selbst zur Disposition und war im Zweifel für den Zweifel.

Es ist ein Verdienst dieser Berliner Ausstellung, die explizit keine umfassende Retrospektive sein will, dass man etwas vom närrischen Widerspruchsgeist dieses Mannes erfährt – eines Widerspruchsgeistes, den er nicht nur gegen sich selbst richtete, sondern der ihn immer wieder auch nach Reibungen mit den ganz Anderen suchen ließ. Im „Hamlet“-Raum zeigt eine Aufnahme, wie sich der engagierte Schlingensief in der Züricher Altstadt von aufgebrachten Passanten beschimpfen lässt. Für einen kurzen Moment hat man die Assoziation eines linken Charlie Kirk. Und fragt sich sofort: Was würde Schlingensief wohl mit dieser Figur angefangen haben?

Christoph Schlingensief. Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine. Gropius Bau, Berlin; bis 17. Januar 2027. Katalog folgt.