„Demokratie. Machen!“: Rapper Rico Montero vermittelt politische Bildung

Auf der Bühne steht ein groß gewachsener Mann mit breiten Schultern, Tattoos und Golduhr. Seine blond gebleichten Kringellocken hat er mit Gel fixiert. Rapper Rico Montero ist nicht das, was man sich unter einem „Demokratiecoach“ vorstellt. Das sagt er auch selbst: „Viele Menschen muss ich erst mal von mir überzeugen.“

Überzeugend ist er an diesem Donnerstagmorgen trotzdem sofort: Die 15 Jahre alten Jugendlichen aus zwei Realschulen hören ihm aufmerksam zu. Noch wirken sie schüchtern, die Schultern hängen nach unten. Aber im Laufe des Tages wird die Veranstaltung „Demokratie. Machen!“ ihr Versprechen einlösen – und die knapp 100 Jugendlichen werden selbstbewusster aus der Villa 102 in Frankfurt-Bockenheim nach Hause gehen.

„Demokratie. Machen!“ ist ein Projekt von Monteros gemeinnütziger Organisation Heartbeat Edutainment. 124.000 Kinder und Jugendliche hat sie laut Website schon erreicht. Die Mission von Heartbeat Edutainment steckt im Namen: die Herzen der jungen Menschen zum Schlagen zu bringen – für die Demokratie.

„Ihr müsst ausrasten“, sagt Montero und geht dabei auf der Bühne auf und ab. Was er eigentlich meint: „Ihr müsst euch engagieren.“ Für seine Rolle als Demokratievermittler legt Montero den Rapsprech nicht ab, ganz im Gegenteil: Alles ist „übertrieben“, übertrieben cool, übertrieben anstrengend, übertrieben krass. Demokratie ist „übertrieben wichtig“.

Alles folgt dem Rhythmus des Raps

Optimistisch: Montero glaubt, dass sich die Dinge in Deutschland langfristig verbessern werden.
Optimistisch: Montero glaubt, dass sich die Dinge in Deutschland langfristig verbessern werden.Emil Eichinger

Montero beginnt den Tag mit Artikel 1 des Grundgesetzes: der Würde des Menschen. „Habt ihr davon schon gehört?“ Alle nicken. Er spricht klar und mit kraftvoller Stimme. Ein „Ähm“ fällt an diesem Tag kein einziges Mal. „Dass ihr hier so sitzen, euch austauschen, eure Meinung sagen könnt“, sagt er ins Publikum, „das liegt an der Demokratie in Deutschland.“ Bevor er den zweiten Teil des Satzes ausspricht, macht er eine kurze Pause und lässt die Worte wirken.

Montero setzt seine Sprache bewusst ein. Mal spricht er ruhiger, dann wieder mit Nachdruck. Alles folgt dabei dem Rhythmus des Raps. Das Mikrofon hält er dicht vor den Mund, mit weiten Armbewegungen unterstreicht er seine Sätze. Den Jugendlichen gefällt das. Mit Schule hat das hier nichts zu tun.

„Leute, bevor wir in unsere Workshops gehen, will ich euch noch meine zwei Stars vorstellen: Michael Helbig und Frank Dievernich.“ Montero bittet die Vorstandsvorsitzenden der KfW-Stiftung und der Stiftung Polytechnische Gesellschaft auf die Bühne. Ohne ihre Unterstützung wäre das Projekt nicht möglich. „Was ist denn für euch Demokratie?“, will Montero von den beiden wissen. In einem Punkt sind sie sich schnell einig: Demokratie ist Freiheit. Dievernich empfiehlt den Schülern, sich mit einer Idee an die Polytechnische Gesellschaft zu wenden – das könne auch einfach ein Baum sein, den man irgendwo pflanzen wolle. „Das ist ja abgefahren“, sagt Montero. Dann gehört die Bühne wieder ihm allein.

100 Jahre alter Prunk: die Villa 102 in Frankfurt Bockenheim
100 Jahre alter Prunk: die Villa 102 in Frankfurt BockenheimEmil Eichinger

Peace Love Unity Respect

Rico Montero ist in Langen aufgewachsen. Als er ein Teenager war, erkrankte seine alleinerziehende Mutter an Krebs – Montero und seine Brüder waren viel auf sich allein gestellt. Der Rapper sagt, dass er sich in dieser Zeit „ohnmächtig“ und „überhaupt nicht handlungsfähig“ gefühlt habe.

Der holzgetäfelte Raum hat sich bis auf fünf Schüler geleert. Aus dem oberen Stockwerk dringen Stimmen ins Foyer: Dort haben sich die Jugendlichen auf zwei Räume verteilt. Seit Januar 2019 dient die großbürgerliche, 700 Quadratmeter große Villa 102 als Kulturzentrum.

Vier Mädchen und ein Junge sitzen auf der Bühne, vor ihnen stehen zwei Mitarbeiterinnen von Heartbeat Edutainment. Sie tragen Jeansshorts und schwarze T-Shirts. Auch Montero trägt es: Vorne ist das Herzschlagsymbol zu sehen, auf der Rückseite steht in Blockbuchstaben „Peace Love Unity Respect“.

Eine der Frauen scrollt am Handy durch eine Spotify-Playlist, kurze Zeit später wummern monotone Beats aus großen Musikboxen. „Lasst uns bewegen“, sagt eine der beiden und beginnt, sich einmal um die eigene Achse zu drehen. Unsichere Blicke gehen zwischen den Schülern hin und her.

Direkt über den Tanzenden im ersten Stock sitzen rund 15 Schüler im Herrensalon im Kreis. Zwei junge Männer in Heartbeat-T-Shirts treten abwechselnd in den Kreis hinein und wieder heraus.

Kreativ werden: Die Workshops geben den Jugendlichen die Möglichkeit, sich auszudrücken.
Kreativ werden: Die Workshops geben den Jugendlichen die Möglichkeit, sich auszudrücken.Emil Eichinger

Montero erkannte sein Talent früh

„So, ihr Lieben, wir machen jetzt Songwriting. Was hat Demokratie mit Musik zu tun?“, fragt einer der beiden über ein Mikrofon. Ihre Körperhaltung erinnert an die von Montero: Sie „bouncen“ mehr durch den Raum, als dass sie gehen.

„Musik ist die universelle Sprache der Menschen. Was verbindet ihr mit Musik?“ Die Schüler murmeln vor sich hin, keiner meldet sich. „Ihr könnt nichts Falsches sagen, traut euch!“ In dem Moment kommt Montero durch die Tür. „Na, fühlt ihr euch alle wohl?“, fragt er. Alle nicken zaghaft. „Sonst gebt jederzeit Bescheid.“ Sobald Montero den Raum betritt, verändert sich die Stimmung. Manchmal stellt er sich neben einen der Schüler, legt den Kopf schief und lächelt ihn an. „Na, wie geht’s dir?“

Als Monteros Mutter erkrankte, kam einer seiner Brüder ins Internat. Dort entstand ein Projekt mit den Internatsschülern, das Montero begleitete und umsetzte. „Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass mir das liegt, mit Menschen zu arbeiten, sie für etwas zu begeistern.“

Bei manchen Fragen nimmt sich der Rapper fast eine Minute Zeit zum Nachdenken. Dann schließt er die Augen, verschränkt die Arme vor der Brust und senkt das Kinn.

Neben dem Herrensalon sitzen rund 20 Schüler sitzen an einem langen Tisch und zeichnen.

Ungewöhnlich: Jugendliche über Zeichnungen statt über ihrem Smartphone gebeugt zu sehen
Ungewöhnlich: Jugendliche über Zeichnungen statt über ihrem Smartphone gebeugt zu sehenEmil Eichinger

Heartbeat Edutainment hat rund 20 Mitarbeiter

Ein Junge hat sich tief über sein DIN-A3-Blatt gebeugt, darauf sind Deutschland-, Israel- und Palästinaflaggen zu sehen.

Montero sitzt neben einem Mädchen, das mit Bleistift skizziert, was später bunt leuchten wird: In der Mitte ihres Blatts schlängeln sich Flammen empor, darüber entsteht eine Waage. „Magst du Mangas?“, fragt der Rapper. Das Mädchen nickt. Sie holt ein Notizbuch aus ihrem Rucksack und zeigt ihm, was sie sonst so malt: bunte, drachenartige Wesen.

Eigentlich hatte Montero von seiner Musik leben wollen. „Der Hip-Hop hat mir über die Zeit hinweggeholfen, als meine Mutter krank war.“ Damals hat er zu rappen angefangen. Das Internatsprojekt ließ ihn umdenken. Nach etlichen Nebenjobs gründete er 2015 Heartbeat Edutainment. Das Ziel: Kinder und Jugendliche durch Bildungs- und Unterhaltungsangebote zu erreichen. „Wir haben mittlerweile um die zwanzig Mitarbeiter.“ Davon leben könne Montero nicht. Sein Geld verdiene er durch Einzelcoachings, die er mit Menschen in Führungspositionen mache. „Aber mein Herz steckt hier drin.“ In der Arbeit mit den Jugendlichen.

„Und die Hände, Hüfte schwingen, ja, genauso!“, feuert eine der Tanzleiterinnen die Schüler auf der Bühne an. Alle fünf lassen ihre Hüften kreisen. Die Hände halten sie hoch, die Zeigefinger nach oben, die Daumen waagerecht zur Seite gestreckt. Nur in den Gesichtern ist noch ein Rest Schüchternheit abzulesen.

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung vom Mai 2026 stehen 82 Prozent der Deutschen hinter demokratischen Werten. Unzufrieden seien viele jedoch mit der praktischen Umsetzung der Demokratie. Fragt man Rico Montero nach Reformvorhaben oder möglichen Sparkursen, sucht man vergeblich nach Empörung oder scharfer Kritik. „Ich bin total optimistisch. Die Jugendlichen sind empfänglich für das, was ich mit ihnen mache. Ich glaube, dass sich die Dinge in Deutschland langfristig verbessern werden.“ So politisch Monteros Arbeit als Demokratiecoach auch ist, so wenig parteipolitisch oder kämpferisch wirkt er im persönlichen Gespräch.

Bühne frei für die Schüler

Vielleicht liegt dieser Optimismus an der Welt, in der er sich bewegt und die an diesem Donnerstag sichtbar wird: junge Menschen, die respektvoll miteinander umgehen und offen darüber sprechen, dass sie sich für das Wählen noch nicht bereit fühlen. Es sind Jugendliche, die reflektieren. Genau darin liegt vielleicht die Hoffnung.

Los geht’s: Die Schüler machen sich auf zu ihren Wunschworkshops.
Los geht’s: Die Schüler machen sich auf zu ihren Wunschworkshops.Emil Eichinger

„Worauf es ankommt bei uns, ist Ehrlichkeit, wir wollen vorankommen, sind für den Change bereit“, rappen die Schüler im Herrensalon. Sie stehen eng zusammen und wippen mit ihren Oberkörpern auf und ab.

Im Kunstraum sind die Werke der Jungen und Mädchen fertig. Das Bild mit der Waage leuchtet in roten, blauen und gelben Farben. Da kommt Montero durch die Tür. „Leute, wir müssen jetzt runter, die Show geht los“, ruft er.

Die Schüler aus der Kunstgruppe präsentieren auf der Bühne ihre Werke. „Wooooo“, ruft das Publikum begeistert, als die Tanzgruppe als Nächstes auftritt. Gerappt wird gemeinsam. Montero bittet alle mitzusingen: „Kämpf für unsre Rechte wie ein Anwalt, sind niemals allein, haben Zusammenhalt.“

Zum Schluss sollen die Schüler anonym Fragen aufschreiben. „Warum sind alle Politiker alt?“, liest er vor, und alle lachen. Just entsteht eine Debatte darüber, wie alt man sein muss, um in die Politik zu gehen.

Optimismus dank Idealismus

Zufrieden: Die Tanzkursleiterinnen begutachten mit den Schülern ihr Ergebnis.
Zufrieden: Die Tanzkursleiterinnen begutachten mit den Schülern ihr Ergebnis.Emil Eichinger

„Warum gehen so viele junge Menschen nicht wählen?“, liest Montero vor. Er will wissen, wer die Frage gestellt hat. Eine Hand in der ersten Reihe schnellt in die Höhe. Montero hält dem Mädchen das Mikrofon hin. „Ich habe das Gefühl, dass junge Menschen in meinem Umfeld oft nicht wählen gehen, obwohl sie können. Ich frage mich, ob die sich auch nicht bereit fühlen.“ Sie erzählt, dass sie gegen ein Wahlrecht schon für Sechzehnjährige ist.

„Wie seht ihr das?“, fragt Montero. Sofort meldet sich ein Junge aus der Tanzgruppe. „Also, ich würde schon gerne wählen gehen. Überlegt mal, was das für einen Unterschied machen würde, wenn wir uns alle auch beteiligen dürften.“

Montero fragt nach dem Argument des Sich-bereit-Fühlens. Der Junge zuckt mit den Schultern. „Es gibt doch bestimmt genug ältere Leute, die auch keine Ahnung haben und trotzdem wählen gehen. Außerdem kann man sich informieren.“

Montero nickt anerkennend. „Eyyyyyy“, ruft er und dreht die Musik im Hintergrund lauter auf. „That’s the spirit!“

Am Ende sammelt Montero die Themen des Workshops: Herausforderungen, Zweifel, Entscheidungen, Mitmachen, Konsum. Ein Mädchen hat die Fast-Fashion-Industrie angesprochen. Er stellt selbst noch eine letzte Frage: „Worauf würdet ihr verzichten, damit es zukünftigen Generationen besser geht als uns?“

„Auf alles“, sagt ein Mädchen. Viele stimmen ihr zu. Vielleicht ist es genau dieser Idealismus, aus dem Rico Montero seinen Optimismus schöpft.