Umfrage: Schulze & Kanzler-Sprecher schießen gegen Demoskopen – was ist dran?

KI-Stimme. Info

Spricht da nur die Enttäuschung – oder ist wirklich etwas dran? Erst rechnete Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) mit den Umfrage-Instituten ab, wenige Tage später zog der Sprecher von Bundeskanzler Friedrich Merz nach.

Newsletter Illustration

Laut Schulze habe kein Institut das Ergebnis der Landtagswahl in dieser Form vorausgesagt. Das Geld für Umfragen könne man sich „eigentlich sparen“. Die CDU hatte bei der Landtagswahl 17,2 Prozent geholt – in den Umfragen lag sie vorher rund sechs Prozentpunkte darüber. Die Wahlbeteiligung lag beim Rekordwert von 77,8 Prozent.

Umfrage-Institute geraten nach Sachsen-Anhalt-Wahl und Merz-Bewertung in Kritik

Kurz darauf kam Rückendeckung aus Berlin – wenn auch aus anderem Anlass. In einer Forsa-Umfrage waren nur noch zehn Prozent mit Kanzler Friedrich Merz zufrieden, ein historisches Tief. Merz-Sprecher Stefan Kornelius schmetterte den Wert als „Momentaufnahme“ ab und legte nach: „Keines dieser Institute, die in dieser Frequenz Umfragen auf den Tisch legen, hat die Finanzressourcen, um solche Umfragen durchzuführen.“

Fortsetzung Fraktionsklausur der CDU Sachsen-Anhalt

Enttäuscht über 17,2 Prozent für die CDU: Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze stellte den Nutzen von Wahlumfragen infrage.© Matthias Bein/dpa | Matthias Bein

Nach öffentlicher Kritik: Forsa, YouGov, dimap und Insa wehren sich gegen Zweifel

Die halten dagegen: Forsa-Gründer Manfred Güllner hält die Kritik „an der Arbeit seriöser Institute“ für „unberechtigt“, wie er dem Portal „The Pioneer“ sagte. Umfragen seien keine Erfindung der Forscher, sondern gäben wieder, was die Befragten ihnen anvertrauten. Ganz ohne Einschränkung lässt er es aber nicht: Es gebe auch „schwarze Schafe in der Branche“.

Konkreter wird es bei der Zahl, an der sich Schulzes Ärger entzündet. Infratest dimap sah elf Tage vor der Wahl die AfD bei 42 Prozent, die CDU bei 22. Diese Erhebung sei „ausdrücklich nicht als Prognose des Wahlausgangs zu verstehen“, teilt das Institut auf Anfrage mit. Im Wahlkampf könne sich noch viel ändern, gerade bei steigender Beteiligung.

Sachsen-Anhalt: Landtagswahlen sind besonders schwer vorherzusagen

Das Institut Insa, das in Sachsen-Anhalt selbst gemessen hat, sagt zur Schulze-Aussage: „Wenn einem das Ergebnis nicht gefällt, sucht man immer irgendwelche Ausflüchte.“ Das Institut rechnet vor: 43 Prozent maß es für die AfD und 42 Prozent für CDU, Linke, SPD und Grüne zusammen – die vier kamen am Ende sogar auf 44 Prozent. „Das ist eigentlich alles sehr nah beieinander.“ Verschoben habe sich nur die Verteilung: Weil SPD und Grüne an der Fünf-Prozent-Hürde kratzten, hätten CDU- und Linke-Anhänger taktischer gewählt.

Die methodischen Herausforderungen seien laut YouGov auf Landesebene größer als auf Bundesebene: „Parteibindungen spielen eine andere Rolle und die Wahlbeteiligung ist in der Regel geringer – Faktoren, die schwieriger auszutarieren sind in der Stichprobenziehung und Gewichtung“, sagt YouGov-Sprecher Frieder Schmid.

Auf Bundesebene sehe man dagegen „nicht, dass wir ein Problem mit der Messung der Wahlabsicht haben. Die Umfragen sind da bei den letzten Wahlen doch vergleichsweise sehr genau an den tatsächlichen Wahlergebnissen dran gewesen. Die letzte Sonntagsfrage vor der Bundestagswahl lag durchschnittlich nur 0,7 Prozentpunkte vom tatsächlichen Ergebnis entfernt.“

Wahlumfragen zu teuer? – warum sie wichtig sind

Aber warum braucht es Umfragen überhaupt? Die Parteien lassen ohnehin messen, sagt Insa. Dann wüsste allerdings nur die Politik, wie die Stimmung im Land ist – nicht die Bevölkerung. YouGov ergänzt: „Wenn Sie keine empirischen Daten haben, ist es relativ einfach, Dinge zu behaupten. Und zu behaupten, dass ein substanzieller Teil der Bevölkerung dahinterstehen würde.“