„Sehen immer die Drohne, die den Panzer explodieren lässt“: Experte zerlegt drei Mythen zum Krieg der Zukunft
Stand: 09.08.2026, 06:21 Uhr
Kommentare
Frank Sauer befasst sich an der Uni der Bundeswehr mit „Vorausschau“. Im Merkur-Gespräch gibt er Einblicke in den Krieg der Zukunft – dabei geht es nicht nur um Drohnen.
München – Die vielleicht größte Erkenntnis im Ukraine-Krieg: Ein Überfall eines Staats auf einen anderen ist weiter ein reales Szenario. Auch in Europa, auch im 21. Jahrhundert. Das hat Russlands Invasion ins Nachbarland nachhaltig belegt. Doch die Lehren aus dem Geschehen auf den Schlachtfeldern sind noch vielfältiger – nicht zuletzt neuer Drohnentechnik wegen. Das bestätigt ein Experte für verteidigungspolitische Entwicklungen der Zukunft. „Wie militärische Gewalt ausgeübt wird, das hat sich schon sehr, sehr stark verändert“, sagt Dr. Frank Sauer im Gespräch mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media. Der Wissenschaftler der Bundeswehr-Uni in München warnt aber auch vor Fehlschlüssen.

Infanteristen sind Soldaten, die sich zu Fuß fortbewegen. Brächte man je einen von ihnen aus dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, dem Vietnam- und dem Irakkrieg bei einem Bier zusammen, würden sie feststellen, dass „obwohl 90 Jahre zwischen ihnen liegen, sie grob demselben Handwerk nachgegangen sind: Kämpfen auf Sicht“, meint Sauer. In der Ukraine bekämpfe nun Infanterie – „wenn man sie überhaupt noch so nennen will“ – Ziele auf 20, 30 Kilometer Entfernung. Trotzdem: Der Verteidigungsexperte, zuständig für „Vorausschau und Strategie“, erwartet künftig eine „Mischung aus Altem und Neuem, wie wir sie bisher noch nicht gesehen“ haben. Drei Kernthesen zum (Drohnen-)Krieg der Zukunft:
Drei Drohnen-Mythen: Experte erklärt die Lehren aus dem Ukraine-Krieg
„In Zukunft zählen nur noch Drohnen“? „Das ist nicht so, das ist in der Ukraine nicht so und es wird auch in Zukunft nicht so sein“, stellt Sauer klar. Ein Grund: Es laufe stetig die Entwicklung von Mechanismen, um sich Drohnen „vom Leib zu halten“. Eine bereits bekannte Variante sei passiver Schutz – etwa in Form stark „eingeigelter“ Panzer. „Aber perspektivisch wird es natürlich dahin gehen, dass man Abwehrsysteme hat“, erklärt Sauer.
Das könnten Kanonen sein, die schnell Schüsse abgeben. Aber auch Laserwaffen oder „ziemlich pfiffige“ Lösungen wie Fäden, die sich um die Rotoren anfliegender Drohnen wickeln und die Flugobjekte zum Absturz bringen. Hinzu komme natürlich elektronische Kriegsführung, um Drohnen zu stören – jedenfalls jene, die ohne Kabel ferngesteuert werden oder autonom Ziele suchen. Längst sei ein technologisches Katz-und-Maus-Rennen im Gange. „Dann entwickeln sich Systeme weiter, so ist es immer gewesen.“ Und das gilt eben nicht nur für Drohnen.
„Der Kampfpanzer ist tot“? Diese These kursiert auch heute wieder. Sauer weist sie allerdings als „Unsinn“ zurück. „Der Panzer ist nie wirklich tot, er verändert sich, er passt sich an“, sagt der Experte im Interview mit unserer Redaktion. Der Panzer werde weiter existieren. „Vielleicht nicht genau in dieser Form, die wir heute kennen, aber diese Funktionen, die wird man weiter auf dem Gefechtsfeld brauchen.“ Kampfpanzer, Schützenpanzer und auch Artillerie würden eine Bedeutung behalten. Sauer verweist auch auf einen verbliebenen Nutzen westlicher Exemplare der Ukraine, wie den US-Bradley oder die Leopard aus deutscher Produktion.
Insgesamt spielten die auf den Gefechtsfeldern keine Rolle. Aber: „Die Ukrainer mögen immer noch massiv diese westlich gelieferten Systeme.“ Denn die Panzerbesatzung habe gute Chancen, einen Angriff zu überleben – und geborgen zu werden. Die Ukraine wisse: „Wenn sie sie mal nutzen, die Bradley oder auch die Leoparden, dann halten die richtig was aus.“ Sauer beschrieb auch taktische Überlegungen, Panzer vor Drohnenangriffen zu schützen und so letztlich das Geschehen in Bewegung zu halten: mit „Systemen, die mitfahren“. Etwa gepanzerten Fahrzeugen, die mit Schnellfeuerkanonen „sehr viel Wolfram in die Luft werfen und die ganzen Drohnen zerfetzen“.
In der Ukraine zerstören einzelne Drohnen millionenteure Kampfpanzer? Eine Drohne nimmt einen übers Feld fahrenden Panzer ins Visier, stürzt sich herab – und zerstört das einstige Urbild des Kriegsschreckens unmittelbar: Videos dieses Inhalts gehören längst zu den prägenden Bildern im Ukraine-Krieg. Doch sie transportieren laut Sauer eine falsche Vorstellung. „Wir sehen immer die eine Drohne, die diesen Multi-Millionen-Euro-Panzer zum Explodieren bringt. Dass da vorher 59 andere daran zerschellt sind, gehört auch zur Wahrheit dazu“, betont er.
Ein weiterer Punkt ist dem Experten wichtig. „Vielleicht muss man auch mal sagen: ‚Drohne‘ ist ein schwieriger Begriff, denn alles Mögliche ist eine ‚Drohne‘ und alle möglichen Größenordnungen und Zwecke von unbemannten Systemen werden mit dem Begriff ‚Drohne‘ belegt.“ Beim passiven Schutz von Panzern gehe es oft um die Abwehr von Angriffen durch „First-Person-View“-, kurz FPV-Drohnen: Mithilfe entsprechender Brillen ferngesteuerte, eher kleine Drohnen. Für die Bundeswehr, auch ihre neue Panzerbrigade in Litauen, wichtig sei aber zum Beispiel auch „Loitering Munition“, Drohnen mit starren Flügeln.
Aber was tun? In der Ukraine gilt in Sachen Drohnen seit Jahren: Was heute funktioniert, ist in ein paar Wochen veraltet. Potenziell ein Problem, wenn man sich wie Deutschland und andere europäische Staaten mit Milliarden-Investitionen für die Zukunft wappnen will. Aus Sauers Sicht liegt die Antwort in einem Wort: „Lernfähigkeit“.
„Es geht vielleicht gar nicht mal darum, besonders viel Geld auszugeben oder besonders viele neue Rüstungsindustrien oder -unternehmen zu haben“, sagt er. Gesellschaft, Streitkräfte und Verteidigungsindustrie müssten möglichst schnell und gut lernen. „Möglichst besser als ein etwaiger Gegner. Die Ukraine existiert primär deswegen noch, weil sie innovativer war und schneller gelernt hat.“ Sauer sieht die Ukraine im Kampf gegen Russlands Angriff mittlerweile sogar in einigen Belangen in der Vorhand. (Quellen: Frank Sauer, eigene Recherchen)