„Silver Tsunami“: Droht dem deutschen Immobilienmarkt eine Boomer-Schwemme?
Stand: 17.08.2026, 13:40 Uhr
Kommentare
Dem deutschen Immobilienmarkt könnte ein großer Einschnitt bevorstehen. Kommen wegen der Boomer bald deutlich mehr Wohnungen auf den Markt? Das wären die Folgen.
Frankfurt – Ein großer Teil des deutschen Wohneigentums ist im Besitz der Babyboomer. Gemeint sind damit die Geburtenjahrgänge zwischen 1946 und 1964. Laut einer Untersuchung des Berliner Immobilienberaters Jacasa besitzt dieser Jahrgang rund 32 Prozent aller Eigentumswohnungen, Häuser und Doppelhaushälften im Land. Doch was passiert, wenn dieser millionenfache Wohnbesitz wieder auf den Markt kommt?

Manche Experten sprechen dabei vom sogenannten Silver-Tsunami, angelehnt an die „Silberlocken“, also ergraute, ältere, meist männliche Personen. Unter Berufung auf Zensus-Daten erklärt Jacasa, dass von rund 14 Millionen Wohnungen und Häusern etwa 4,8 Millionen im Besitz von Babyboomern sind. Sollten die auf den Markt drängen, könnte es zu einem Überangebot kommen – und damit die Immobilienpreise kräftig durcheinanderwirbeln.
Silver-Tsunami? Experten rechnen mit heftigen Folgen für den Immobilienmarkt
Die Wende auf dem Immobilienmarkt könne in den nächsten zehn bis 20 Jahren kommen. Gerade in ländlichen Regionen dürften die Konsequenzen laut Jacasa besonders spürbar werden. In Städten könne das Überangebot dagegen überwiegend geschluckt werden.
In der Analyse verweist Jacasa auch auf die Regionen, in denen mit einem vergleichsweise großen Überangebot in den kommenden Jahrzehnten gerechnet werden könne. Demnach sind vor allem Regionen in Ostdeutschland betroffen. In der brandenburgischen Uckermark etwa befänden sich 48 Prozent des Wohneigentums im Besitz von Babyboomern. Aber auch im Ennepe-Ruhr-Kreis in NRW fällt der Wert mit 45 Prozent hoch aus. Ebenfalls als Hotspot bezeichnet werden der Landkreis Meißen in Sachsen (44 Prozent), der Kreis Recklinghausen (43 Prozent) und Saalfeld-Rudolstadt in Thüringen (43 Prozent).
Sollten diese Immobilien auf den Markt gelangen, würden in vielen ländlichen Regionen und im Osten Deutschlands schlicht die Käufer fehlen, so Jacasa. Das führe zu einem drastisch steigenden Leerstand – und treibe die Preise in den betroffenen Regionen nach unten.
Boomer-Schwemme: „Überhaupt kein Interesse auszuziehen“
Aus der Wissenschaft werden jedoch erhebliche Zweifel am Silver-Tsunami laut. Im Gespräch mit dem SWR erklärte Annette Spellerberg, Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau, die meisten Personen aus der Boomer-Generation hätten „überhaupt kein Interesse auszuziehen“.
„Der Anteil der Babyboomer, der faktisch umzieht, ist ausgesprochen gering. Und aus dem Eigentum noch mal geringer als aus Mietwohnungen. Diese Wohnungen werden in der nächsten Zeit eigentlich nicht frei. Und die Häuser schon gar nicht“, so Spellerberg. Entsprechend sei nicht mit einem massiven Anstieg der Angebote bei Wohnimmobilien zu rechnen.
Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) schreibt dagegen in einer Analyse, dass es durchaus zu Preisverlusten in bestimmten Regionen in Deutschland kommen könne. Das liegt laut BVR an schrumpfenden Bevölkerungszahlen und einer zunehmenden Überalterung bestimmter Regionen. In den meisten Teilen des Landes sei jedoch mit weiter steigenden Preisen für Wohnraum zu rechnen. Vor allem in Städten und Ballungsräumen.
Silver-Tsunami? Auf dem Land entstehen attraktive Angebote für Familien
Für Mieterinnen und Mieter sowie junge Familien, die sich ein Haus kaufen wollen, sieht die Jacasa-Analyse mit einem steigenden Angebot an Wohnungen und Häusern einen deutlichen Vorteil. Unter der Voraussetzung, in einem der betroffenen Gebiete zu wohnen, könnten durch das Überangebot die Mieten stabilisiert werden.
Für Personen, die aktuell auf der Suche nach einem Haus sind, entstehe vor allem in ländlichen Regionen die Chance, vergleichsweise günstig ein Haus zu kaufen. Besonders junge Familien könnten davon laut Jacasa profitieren. Verkäufern rät das Immobilienberatungsunternehmen dagegen, schnell zu verkaufen. Denn mit steigendem Angebot sinken womöglich die Preise. (Quellen: Jacasa, SWR, BVR) (nhi)