Anzeige
HEIDELBERG/DÜSSELDORF. Schule ist für Jugendliche der mit Abstand größte Stressfaktor im Alltag: Ein Drittel der 14- bis 17-Jährigen fühlt sich dadurch stark beeinträchtigt. Besonders auffällig ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern – 42 Prozent der Mädchen, aber nur 25 Prozent der Jungen berichten von einer starken Belastung durch Schulstress. Die neuen Daten der Sinus-Jugendstudie zeigen allerdings, dass sich diese Differenz keineswegs auf die Schule beschränkt. Mädchen berichten bei sämtlichen untersuchten Belastungsfaktoren häufiger von starken Beeinträchtigungen – und sind zugleich mit ihrem Leben seltener zufrieden als Jungen. Was steckt hinter dieser Belastungslücke?

Schulstress steht mit deutlichem Abstand an der Spitze der Belastungen, die Jugendliche in Deutschland in ihrem persönlichen Leben wahrnehmen. 33 Prozent der Befragten geben auf einer Skala von eins bis zehn Werte zwischen acht und zehn an – fühlen sich also stark beeinträchtigt. Weitere 46 Prozent bewegen sich im mittleren Bereich. Lediglich 22 Prozent erklären, Schulstress beeinträchtige sie nicht oder kaum. Befragt wurden für die Sinus-Jugendstudie im Auftrag der Barmer bundesweit 2.000 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren.
Kein anderer untersuchter Faktor kommt auch nur annähernd auf dieses Belastungsniveau. Stress in der Familie beeinträchtigt 16 Prozent der Jugendlichen stark, Einsamkeit zwölf Prozent. Jeweils elf Prozent berichten von starken Beeinträchtigungen durch psychische Erkrankungen beziehungsweise Stress im Freundeskreis. Es folgen Süchte nach Substanzen, Medien oder Verhaltensweisen mit neun Prozent, Mobbing mit acht Prozent, chronische körperliche Krankheiten mit sieben Prozent und Stress in der Partnerschaft mit sechs Prozent.
Gerade beim Schulstress fällt jedoch eine Differenz ins Auge: Während 42 Prozent der Mädchen von einer starken Beeinträchtigung berichten, sind es unter den Jungen 25 Prozent. Umgekehrt geben 28 Prozent der Jungen an, sich durch Schulstress gar nicht oder kaum beeinträchtigt zu fühlen. Bei den Mädchen sind es lediglich 15 Prozent.
Die Studienautoren warnen allerdings selbst vor vorschnellen Erklärungen. Ob Schule weniger passend für Mädchen gestaltet sei, Jungen tatsächlich stressresistenter seien, Mädchen Belastungen sensibler wahrnähmen oder Jungen sie lediglich seltener zugäben, seien „hypothetische Fragen“, die mit den vorliegenden Daten nicht beantwortet werden könnten.
„Jungen fliegen da eher schon mal unter dem Radar und ihre Leistungen stehen dann nicht so im Fokus“
Dass sich der Geschlechterunterschied nicht auf die Schule beschränkt, zeigt ein anderer Befund: Mädchen berichten bei allen neun untersuchten Belastungsfaktoren häufiger als Jungen von starken Beeinträchtigungen. Beim Stress in der Familie beträgt das Verhältnis 20 zu zwölf Prozent, bei Einsamkeit 15 zu neun Prozent. Besonders groß ist die Differenz bei psychischen Erkrankungen: 17 Prozent der Mädchen, aber nur sechs Prozent der Jungen geben an, dadurch stark beeinträchtigt zu sein. Beim Stress im Freundeskreis beträgt das Verhältnis 16 zu sechs Prozent.
Auch bei Süchten liegen Mädchen mit elf gegenüber sieben Prozent vorn, beim Mobbing mit neun gegenüber sieben Prozent, bei chronischen körperlichen Erkrankungen mit acht gegenüber fünf Prozent und beim Partnerschaftsstress mit acht gegenüber vier Prozent. Die Studie hält entsprechend fest, Mädchen fühlten sich „in allen abgefragten Bereichen beeinträchtigter als Jungen“.
In Nordrhein-Westfalen hat der Befund eine Diskussion darüber ausgelöst, wie die Geschlechterunterschiede zu erklären sind. Der Landesverband Schulpsychologie NRW verweist gegenüber der Rheinischen Post zunächst auf einen möglicherweise stärkeren sozialen Anpassungsdruck bei Mädchen. „Sie haben häufig ein höheres soziales Anschlussmotiv, wollen beliebt sein“, erklärt eine Sprecherin. Zudem hätten Mädchen eine stärker ausgeprägte Neigung, sich sozial erwünscht zu verhalten. „Dadurch geraten sie im Kontext Schule stärker unter Druck, da dort eine Vielzahl von sozialen Erwartungen lauert.“ Dazu gehörten etwa die Erwartungen von Eltern und Lehrkräften, gute Noten zu erzielen.
Hinzu komme, dass Mädchen im Jugendalter häufig erfolgreicher in der Schule seien – was den Erwartungsdruck zusätzlich erhöhen könne. „Jungen fliegen da eher schon mal unter dem Radar und ihre Leistungen stehen dann nicht so im Fokus“, erklärt der Landesverband laut Bericht.
„Es scheinen keine schulspezifischen, sondern übergreifende Faktoren zu sein, die dieses erhöhte Belastungserleben von Mädchen beeinflussen“
Die Schulpsychologen warnen allerdings davor, den auffälligen Unterschied allein mit schulischen Bedingungen zu erklären. Schließlich berichten Mädchen auch bei familiärem Stress, Einsamkeit, psychischen Erkrankungen und Problemen im Freundeskreis deutlich häufiger von starken Beeinträchtigungen. „Es scheinen also keine schulspezifischen, sondern übergreifende Faktoren zu sein, die dieses erhöhte Belastungserleben von Mädchen beeinflussen“, erklärt der Landesverband.
Zugleich könnte ein Teil der Differenz darauf beruhen, dass Jungen Belastungen anders wahrnehmen oder zumindest anders darüber Auskunft geben. Auch darauf weist der Landesverband Schulpsychologie NRW gegenüber der „Rheinischen Post“ hin: „Stress und Ängste passen nicht in das Rollenbild von männlichen Jugendlichen.“ Deshalb sei denkbar, dass Jungen entsprechende Belastungen in Befragungen seltener eingestehen.
Wie weit die Geschlechterunterschiede reichen, zeigt sich auch jenseits der unmittelbar abgefragten Belastungsfaktoren. In der gesonderten Untersuchung zu Zukunftsoptimismus und Lebenszufriedenheit sind 85 Prozent der Jungen mit ihrem Leben zufrieden, aber nur 78 Prozent der Mädchen. Dieser Abstand besteht nicht erst seit der aktuellen Erhebung: 2024 lag das Verhältnis bei 84 zu 75 Prozent, 2023 bei 85 zu 79 Prozent, 2022 bei 81 zu 74 Prozent und 2021 bei 84 zu 74 Prozent.
Bemerkenswert ist zugleich, dass Mädchen ihre persönliche Zukunft keineswegs pessimistischer beurteilen. Jeweils 80 Prozent der weiblichen und männlichen Befragten blicken sehr oder eher optimistisch auf die eigene Zukunft. Die geringere Lebenszufriedenheit der Mädchen geht also nicht mit einem entsprechend geringeren Vertrauen in die eigene Zukunft einher.
Anders sieht es aus, sobald der Blick über das eigene Leben hinausgeht. Die Zukunft Deutschlands beurteilen 40 Prozent der Mädchen optimistisch, unter den Jungen sind es 49 Prozent. Bei der Zukunft der Welt sind es 33 gegenüber 38 Prozent. Insgesamt sind nur noch 44 Prozent der Jugendlichen optimistisch, was Deutschlands Zukunft betrifft; hinsichtlich der Welt sind es sogar nur 36 Prozent. Die persönliche Zukunft beurteilen dagegen 80 Prozent positiv.
Auch bei vielen Zukunftssorgen sind Mädchen stärker belastet. Große Sorgen wegen Kriegen äußern 66 Prozent der Mädchen gegenüber 60 Prozent der Jungen. Beim Klimawandel beträgt das Verhältnis 49 zu 39 Prozent, bei Umweltverschmutzung 47 zu 39 Prozent. Über die untersuchten Themen hinweg berichten Mädchen überwiegend häufiger von großen Sorgen als Jungen. Eine auffällige Ausnahme bildet die Migration: Hier liegen die Jungen mit 34 gegenüber 28 Prozent vorn. News4teachers
Angststörungen (wie soziale Phobien) auf dem Vormarsch: Teenie-Mädchen leiden besonders
Anzeige
