Stand: 08.09.2026, 08:18 Uhr
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Finanzminister Klingbeil stellt einen Haushalt mit historischen Schulden vor. Besonders eine Zahl zeigt, wie teuer dieser Kurs werden könnte.
Berlin – Deutschland nimmt so viele Schulden auf wie nie zuvor. Finanzminister Lars Klingbeil wird am Dienstag im Bundestag seinen Haushaltsentwurf für 2027 vorstellen – und die Zahlen sind historisch. Inklusive der schuldenfinanzierten Sondervermögen für Infrastruktur, Klimaneutralität und die Bundeswehr summieren sich die neuen Kredite auf rund 203,7 Milliarden Euro. Das ist mehr als je zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik.

Der Kernhaushalt allein sieht Ausgaben von 555,4 Milliarden Euro vor. Die Nettokreditaufnahme im Bundeshaushalt liegt bei 118,7 Milliarden Euro – nach 98 Milliarden Euro im laufenden Jahr. Hinzu kommen neue Kredite aus den Sondervermögen: 54,9 Milliarden Euro für Infrastruktur und Klimaneutralität sowie 30 Milliarden Euro für die Bundeswehr. Damit beginnt im Bundestag eine der heikelsten Haushaltsdebatten seit Jahren.
Zinslast verdoppelt sich bis 2030
Der Preis für diese Schulden ist hoch. Allein für Zinszahlungen veranschlagt der Bund im kommenden Jahr rund 41,9 Milliarden Euro. Bis 2030 soll diese Summe auf voraussichtlich 80,7 Milliarden Euro steigen – fast eine Verdoppelung innerhalb von drei Jahren. Zum Vergleich: Der Etat des Bundesverkehrsministeriums liegt 2027 bei rund 26,4 Milliarden Euro. Die Zinslast fällt damit bereits deutlich höher aus als ein kompletter großer Investitionsetat.
Der Bundesrechnungshof warnte bereits vor Beginn der parlamentarischen Beratungen vor dem Schuldenkurs der Bundesregierung. „Die Kreditaufnahmen des Bundes weiten sich immer mehr aus. Der Preis sind immer höhere Zinszahlungen“, heißt es in einem Bericht an den Haushaltsausschuss. Dadurch verengten sich die finanziellen Handlungsräume des Staates immer weiter. Was heute mit neuen Krediten finanziert wird, bindet morgen Milliarden im Schuldendienst.
Klingbeil spricht von konsolidiertem Haushalt
Klingbeil bezeichnet den Entwurf dennoch als „konsolidierten Haushalt“. Zur Begründung verweist der Finanzminister darauf, dass die ursprünglich erwartete Haushaltslücke von 34 Milliarden Euro geschlossen worden sei. Der Bund könne nun investieren, verteidigungspolitische Verpflichtungen erfüllen und zugleich den Haushalt innerhalb der neuen Regeln aufstellen.
Doch die Entspannung reicht nicht weit. Für die Folgejahre bis 2030 bleiben nach den Planungen weiterhin erhebliche Lücken. Insgesamt geht es um 107 Milliarden Euro, die in den kommenden Haushalten noch geschlossen werden müssen. Der Etat 2027 ist damit kein Abschluss der Haushaltsprobleme, sondern eher der Auftakt einer längeren finanzpolitischen Auseinandersetzung.
Schwache Wirtschaft belastet Haushalt
Der Haushaltsentwurf entsteht in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld. Für 2027 rechnet die Bundesregierung nur noch mit einem realen Wirtschaftswachstum von 0,9 Prozent. Eine schwache Konjunktur belastet die Staatsfinanzen doppelt: Sie dämpft die Steuereinnahmen und erhöht zugleich den Druck auf Sozial- und Arbeitsmarktausgaben.
Als Hauptursachen nennt die Regierung globale Krisen und Konflikte sowie ihre Folgen für Energiepreise und Lieferketten. Dazu zählen der Krieg in der Ukraine, die angespannte Lage im Nahen Osten und die weiterhin unsichere weltwirtschaftliche Entwicklung. Auch die Bundesagentur für Arbeit meldet für 2027 zusätzlichen Finanzbedarf. Wegen der angespannten Lage am Arbeitsmarkt wird ein Mehrbedarf von 5,2 Milliarden Euro veranschlagt.
Ausgaben steigen auf 555,4 Milliarden Euro
Die Gesamtausgaben des Bundes steigen 2027 auf 555,4 Milliarden Euro. Das sind fast sechs Prozent mehr als im laufenden Jahr. Bis 2030 sollen die Ausgaben nach der Finanzplanung weiter auf 635,4 Milliarden Euro anwachsen. Damit wächst der Bundeshaushalt deutlich schneller, als es die schwache wirtschaftliche Dynamik nahelegen würde.
Die Bundesregierung argumentiert, Deutschland müsse in Sicherheit, Infrastruktur und Zukunftsfähigkeit investieren. Kritiker halten dagegen, dass der Staat dauerhaft über seine Verhältnisse lebe und den Haushalt mit immer neuen Kreditlinien stabilisiere. Die Wahrheit liegt politisch unbequem dazwischen: Der Investitionsbedarf ist groß, der finanzielle Spielraum aber begrenzt.
Verteidigungsetat steigt kräftig
Der größte „Gewinner“ im Haushalt ist das Verteidigungsministerium. Sein Etat steigt um 32,7 Prozent auf 109,75 Milliarden Euro. Einschließlich der Mittel aus dem Sondervermögen Bundeswehr verfügt Verteidigungsminister Boris Pistorius über ein Gesamtvolumen von fast 140 Milliarden Euro. Hintergrund ist das Ziel, die Verteidigungsausgaben massiv zu erhöhen und die Bundeswehr nach Jahren der Unterfinanzierung besser auszustatten.
Der starke Anstieg zeigt, wie sehr sich die Prioritäten im Bundeshaushalt verschoben haben. Sicherheitspolitik ist zu einem dominierenden Ausgabenblock geworden. Für andere Ressorts erhöht das den Druck, weil die wachsenden Verteidigungsausgaben mit steigenden Zinskosten, Sozialausgaben und Investitionsversprechen konkurrieren.
Entwicklungshilfe schrumpft
Auf der Verliererseite steht das Entwicklungsministerium. Es erhält mit 9,47 Milliarden Euro knapp sechs Prozent weniger als im Vorjahr. Sozialverbände und Gewerkschaften warnen zugleich vor einem Sparpaket auf Kosten einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen und einer Gefährdung des sozialen Zusammenhalts.
Auch Umweltverbände und die Grünen kritisieren den Haushaltsentwurf. Besonders umstritten ist, dass rund drei Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds in den regulären Haushalt überführt werden sollen. Kritiker sprechen von einer Zweckentfremdung. Die Bundesregierung dürfte dagegen argumentieren, dass Mittel im Gesamthaushalt flexibler eingesetzt werden müssen, um die verschiedenen Prioritäten finanzieren zu können. (Quellen: Bundesfinanzministerium, Bundesrechnungshof, Reuters, Welt, tagesschau.de) (mare)