Sottrumer trinkt drei Liter Wodka täglich – und klaut Fahrräder mutmaßlich für Crack

Stand: 29.08.2026, 06:30 Uhr

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In der Verhandlung vor dem Rotenburger Amtsgericht verschwimmen die Grenzen zwischen Opfer und Täter. Verurteilt wird der Landwirt aus Ahausen trotzdem.

Vor dem Amtsgericht in Rotenburg ist ein Mann mit Drogenproblemen wegen Fahrraddiebstahls und Sachbeschädigung verurteilt worden. © Daniela Barth

Ein 34-Jähriger muss sich vor dem Amtsgericht Rotenburg wegen Diebstahl und Sachbeschädigung verantworten. Um seine Sucht zu finanzieren, verkauft er wahrscheinlich gestohlene Fahrräder in Bremen.

Rotenburg/Sottrum – Ein Mann hat sich für mehrere Straftaten vor dem Amtsgericht in Rotenburg verantworten müssen. Er wurde beschuldigt, mehrere Fahrräder und eine Handtasche gestohlen sowie das Diebesgut veräußert zu haben, um seine Alkohol- und Drogensucht zu finanzieren. Dazu kommen Anklagen wegen Sachbeschädigungen in Sottrum. Nicht alle Straftaten lassen sich zweifelsfrei nachweisen. Trotzdem wird der Vorbestrafte zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt.

Am Montagmorgen führen zwei Beamte den 1990 in Mali Geborenen in den Gerichtssaal. Die Handschellen werden ihm abgenommen, die Fußfesseln bleiben. Aktuell sitzt er in Vechta in Haft. Der Grund: Nötigung, Sachbeschädigung, Diebstahl, Drogenkonsum. Er setzt sich zwischen seine Verteidigerin und seinen Übersetzer. Die Verhandlung wird fünf Stunden andauern und verläuft in zwei Sprachen simultan, auf Deutsch und Englisch, weil der Angeklagte nicht genug Deutsch spricht und versteht. Insgesamt sind zwölf Zeugen geladen, die Aufarbeitung ist komplex. Im Hintergrund erklingen Renovierungsarbeiten, die die Kommunikation zusätzlich erschweren.

Bereits zu Beginn der Verhandlung erklärt der Angeklagte, dass er im Zeitraum der Diebstähle und Sachbeschädigungen täglich drei Liter Wodka getrunken habe. Wenn er kein Kokain gehabt hätte, hätte er außerdem Cannabis konsumiert. Von mehreren Zeugen sei er immer wieder wegen Randale und Pöbelei in Sottrum aufgefallen. Darunter eine Beschädigung des Fahrstuhls am Bahnhof in Sottrum, an dem ein blutverschmiertes T-Shirt mit seiner DNA gefunden worden ist. Der Angeklagte sei im Aufzug stecken geblieben, habe Panik bekommen und – nachdem der Notrufknopf nicht funktioniert hätte – mit einem E-Scooter die Scheiben des Lifts zerstört, um herauszukommen. Ob der Notrufknopf wirklich betätigt wurde, kann die Zeugin, eine 26-jährige Bundespolizistin der Bremer Dienststelle, nicht sagen. Auch gebe es keine Aufnahmen.

Dass alle Straftaten mit seiner Beschaffungskriminalität in Zusammenhang stehen, steht während der Verhandlung außer Frage. Aktuell bekommt er eine Drogensubstitution. Um 11 Uhr muss die Verhandlung unterbrochen werden, es sei Zeit für seine Medikamente. Der Mann wird immer wieder gefragt, inwieweit er sich an die ihm zur Last gelegten Straftaten erinnern könne. Es solle dabei aber nicht um den Versuch einer verminderten Schuldfähigkeit gehen, betont seine Verteidigerin. Jedoch müsse bedacht werden, dass seine Erinnerungen lückenhaft seien.

Woran er sich erinnern kann, ist die Beschädigung an einem Auto auf dem Parkplatz des TUS Hellwege im vergangenen Jahr. Der Geschädigte ist an diesem Tag als Zeuge geladen und erklärt, dass er beim Fußballtraining gewesen ist. Sie bemerkten den Angeklagten. „Er hatte da eigentlich nichts zu suchen, weil das ein geschlossener Bereich ist“, sagt der Geschädigte. Er habe dann gehört, dass der Mann mit seinem Fahrrad in eines der geparkten Autos gefahren sei, was sich als wahr herausstellte, und „mein Auto war“, erklärt dieser. Die Reparatur habe knapp 5.000 Euro gekostet. Auf einem Foto, das während der Verhandlung gezeigt wird, ist der Kratzer deutlich erkennbar. Ein weiterer Zeuge bestätigt das Geschehene: „Ich habe gehört, wie er seitlich gegen das Auto gepitscht ist.“ Auch sei der Angeklagte in Schlangenlinien gefahren und habe nach Cannabis gerochen. Der Angeklagte sei einfach weitergefahren.

Neben der Sachbeschädigung ist der Angeklagte wegen Fahrraddiebstahls bestraft worden. Auf einigen Aufnahmen von Überwachungskameras ist ein schwarzer Mann zu sehen, der von seiner Statur dem Angeklagten ähnlich sieht. Der Mann läuft um die Räder herum und nimmt einige mit. Mehrere Zeugen berichten davon, dass sie den Mann beim Diebstahl beobachtet hätten. Der Beamte, der die Videos ausgewertet hatte, sagt als Zeuge, dass der Angeklagte ihm auch wegen Aggressionsdelikten unter Drogen „persönlich bekannt“ sei. Eine Zeugin, die ihr Auto direkt neben den Fahrradständern am Sottrumer Bahnhof parkte, berichtet, dass sie den Angeklagten beim Diebstahl von zwei Fahrrädern beobachtet hatte. Ihre Tochter, die anschließend in derselben Bahn saß, hätte den Angeklagten am Bremer Hauptbahnhof mitsamt der gestohlenen Räder fotografiert. Die Mutter sei direkt nach dem Vorfall zur Sottrumer Dienststelle gefahren. Doch die Dienststelle sei geschlossen gewesen.

Die Fahrräder hätte er gegen Drogen weiterverkauft, sagt eine Polizistin von der Sottrumer Dienststelle. „Er bringe die Fahrräder nach Bremen und bekomme Crack dafür“, das wolle die 50‑Jährige aus den Vernehmungen verstanden haben. Der Angeklagte wirkt aufgebracht und spricht dazwischen. Die Polizistin hätte ihn nicht verstanden, hört man ihn auf Englisch sagen. „Auf welcher Sprache liefen die Vernehmungen?“, möchte die Richterin wissen. „Er meinte, er möchte in Deutsch vernommen werden, und er hat auf Deutsch und Englisch geantwortet“, bezeugt sie. „She forced me to speak in German“, ruft der Angeklagte rein. Die Beamtin reagiert nicht – erst als der Dolmetscher übersetzt: „Sie hat mich gezwungen, auf Deutsch zu sprechen“, lacht sie auf. Sie hätte ihm keinen Dolmetscher angeboten und aufgeschrieben, was sie schreiben wollte. Der Angeklagte muss mehrfach um Ruhe gebeten werden. Geklärt werden können diese Anschuldigungen nicht. Auch nicht, ob der Angeklagte einer älteren Dame tatsächlich ihre Handtasche vom Beifahrersitz ihres Autos stahl.