Stand: 09.08.2026, 13:18 Uhr
Ein EU-Land wächst kräftig und profitiert von günstiger Energie. Doch genau diese Lieferungen passen immer weniger zu den Plänen aus Brüssel.
Frankfurt – Spanien ist Europas Wachstumsstar – und kauft russisches Gas wie nie zuvor. Während Deutschland und Frankreich wirtschaftlich stagnieren, wächst die iberische Volkswirtschaft deutlich schneller als der Durchschnitt der Euro-Zone.
Ein wesentlicher Faktor: günstiges Flüssigerdgas aus Russland. Das kollidiert mit den Plänen der Europäischen Union, die russischen Energieimporte bis Anfang 2027 weitgehend zu beenden.

Spanien kauft so viel russisches Gas wie nie
Im Mai 2026 stammten 27,8 Prozent des spanischen Gasbedarfs aus Russland. Das entspricht einem Anstieg von 58,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Im ersten Quartal 2026 lagen die russischen LNG-Importe bereits 43 Prozent über dem Vorjahresniveau.
Laut dem Netzbetreiber Enagás war Russland im Juni erneut Spaniens zweitgrößter Gaslieferant – nach Algerien.
Russisches LNG wird zum Wettbewerbsvorteil
Der Ursprung dieser Abhängigkeit liegt in einem Vertrag aus dem Jahr 2013. Damals schloss Naturgy, Spaniens größter Gasversorger, eine Liefervereinbarung mit dem russischen Jamal-LNG-Konsortium.
Der Vertrag läuft bis 2038 bis 2041 und deckt allein rund ein Fünftel des nationalen Gasbedarfs. Für Spanien ist das ein erheblicher Kostenvorteil.
Russisches LNG ist günstiger als Lieferungen aus den USA oder anderen Regionen. Für Deutschland, das nach dem russischen Angriff auf die Ukraine auf teure Alternativen umsteigen musste, ist dieser Preisunterschied schmerzhaft spürbar.
Spanien profitiert von schnellerer Abfertigung
Spanien profitiert dabei auch von einer administrativen Besonderheit. Die spanische Zollbehörde stellt Konformitätsbescheinigungen für russische Gasladungen schneller aus als andere EU-Staaten. Das beschleunigt die Abfertigung russischer Tanker und macht Spanien für Lieferanten attraktiv.
Hafen Bilbao wird zur Drehscheibe für russisches LNG
Besonders deutlich zeigt sich die Abhängigkeit im Hafen Bilbao. Zwischen Januar und Mai 2026 stammten dort 59 Prozent der angelieferten Gasmengen aus Russland – mehr als aus den USA.
Der Hafen hat sich damit zu einem der wichtigsten Umschlagplätze für russisches Flüssigerdgas in Europa entwickelt.
Iván Jiménez, Präsident der Hafenbehörde Bilbao, erklärte gegenüber der „Financial Times“ offen, warum das so ist: „Es kostet weniger als amerikanisches Gas und hat gute Qualität. Bevor Europa den Hahn ganz zudreht, sollte es sich einen Handlungsspielraum sichern.“
Ein Teil des in Bilbao angelieferten russischen LNG bleibt nicht in Spanien. Er wird weiterverkauft – unter anderem an die deutsche Sefe.
Auch Deutschland könnte indirekt russisches Gas nutzen
Das macht es schwieriger, den tatsächlichen russischen Gasanteil in der spanischen Wirtschaft zu beziffern. Für Deutschland bedeutet das: Ein Teil des Gases, das über Belgien und die Niederlande ins deutsche Netz fließt, könnte russischen Ursprungs sein.
Damit zeigt sich ein Grundproblem des europäischen Gasmarkts. Während einzelne Staaten politisch auf Distanz zu russischer Energie gehen, lassen sich Lieferketten bei Flüssigerdgas nicht immer eindeutig national trennen.
EU will russische Energieimporte beenden
Die Europäische Union will russische Energieimporte weiter zurückdrängen. Für langfristige LNG-Verträge soll ab dem 1. Januar 2027 ein Importverbot gelten. Für Pipelinegas ist ein späterer Ausstieg vorgesehen.
Spanien steht damit unter Druck, den Naturgy-Vertrag neu zu bewerten. Ob und wie langfristige Lieferverträge in der Praxis vollständig ersetzt werden können, bleibt politisch und wirtschaftlich heikel.
Die zuständige Ministerin für ökologischen Wandel, Sara Aagesen, versuchte derweil, die Lage zu relativieren. „Der Anstieg der Abhängigkeit vom russischen Gas ist ein temporärer Effekt, der mit Logistik und Preisen zusammenhängt – kein Kurswechsel Spaniens. Wir werden die Frist bis Ende des Jahres einhalten.“
Für die Regierung von Premierminister Pedro Sánchez ist das Thema sensibel. Einerseits profitiert Spanien von günstiger Energie und einem starken Wachstum. Andererseits steht das Land unter Druck, die gemeinsamen EU-Ziele gegenüber Russland einzuhalten.
Spanien ist nicht der einzige Großabnehmer
Spanien ist mit seiner Haltung jedoch nicht allein. Laut dem Analysehaus Kpler importierten EU-Staaten im ersten Halbjahr 2026 knapp zehn Millionen Tonnen Flüssigerdgas aus dem russischen Yamal-Projekt – deutlich mehr als ein Jahr zuvor.
Größter Abnehmer war Frankreich, gefolgt von Belgien und Spanien. Die Umweltorganisation Urgewald bezifferte den Gesamtwert dieser Lieferungen auf rund sechs Milliarden Euro.
Europas Gaspolitik bleibt widersprüchlich
Damit wird die Widersprüchlichkeit der europäischen Energiepolitik sichtbar. Politisch will die EU ihre Abhängigkeit von Russland beenden. Praktisch kaufen aber mehrere Mitgliedstaaten weiter große Mengen russisches LNG – teils aus bestehenden Verträgen, teils aus Preisgründen.
Spaniens Regierung verfolgt damit einen wirtschaftlichen Pragmatismus, der kurzfristig Früchte trägt. Langfristig wächst jedoch der Druck aus Brüssel, diesen Kurs mit den gemeinsamen europäischen Zielen in Einklang zu bringen. (Quellen: Financial Times, Reuters, Enagás, Kpler, Europäischer Rat, Urgewald) (mare)