Der Titel, der ihm noch fehlt: Tadej Pogačar bei der Vuelta a España

Viel muss Tadej Pogačar nicht mehr gewinnen. Der Pflasterklassiker ParisRoubaix steht noch aus, ein Olympiasieg, und das Grand Tour Triple. Letzteres kann noch in diesem Herbst erledigt werden, mit einem Sieg bei der an diesem Samstag in Monaco beginnenden Vuelta a España. Und den hat der Slowene sich fest vorgenommen. „Es ist eine Sache, die in meiner Karriere noch fehlt. Deshalb werde ich alles geben, um zu gewinnen“, sagte er am Rande der Teampräsentation am Donnerstag in seiner Wahlheimat Monaco in Anwesenheit von Staatsoberhaupt Fürst Albert.

„Ich werde auf den ersten Etappen sehen, wie meine Form ist“, kündigte er an. Und bereits Etappe vier mit mehreren Passüberquerungen in Andorra hat er sich als erstes großes Angriffsziel ausgeguckt. „Wenn da die Beine gut sind, kann man den Unterschied machen.“

Der sechsfache Grand-Tour-Sieger – fünfmal Tour de France, einmal Giro d’Italia – schwelgte aber auch in süßen Erinnerungen. 2019 war ausgerechnet die Spanienrundfahrt die Startrampe des damals Zwanzigjährigen ins Rundfahrtgeschäft. „Ich war ein Kind auf dem Podium“, erinnerte er sich an das gemeinsame Erlebnis mit Rundfahrtsieger Primož Roglič und dem damaligen Weltmeister Alejandro Valverde als Gesamtzweitem. „Ich habe damals drei Etappen gewonnen und auch das Weiße Trikot getragen. Ich hätte aber niemals gedacht, dass ich so wachsen würde.“

Größter Radsportler aller Zeiten?

Inzwischen trägt er selbst das Regenbogentrikot des Weltmeisters und ist der Topstar der Szene. Viele sehen ihn als größten Rennfahrer aller Zeiten, noch vor dem legendären Eddy Merckx. Alberto Contador, wie Merckx und auch Jonas Vingegaard Mitglied im elitären Klub der Sieger aller drei großen Rundfahrten, sieht Pogačar jedenfalls schon vor Merckx. „Er kommt in Zahlen noch nicht an Merckx’ Erfolgsbilanz heran. Aber die Art und Weise, wie er Rennen gewinnt, wie er sie dominiert, ist unvergleichlich“, meinte der Spanier.

Die Erwartung eines weiteren dominanten Auftritts des Slowenen – und die Befürchtung aller anderen, zu Nebendarstellern degradiert zu werden – ist deshalb groß. Pogačar selbst folgt dabei einem bereits im Winter aufgestellten Masterplan. „Es war schon seit Dezember geplant, an der Vuelta teilzunehmen. Aber ich habe es versucht, während der Tour etwas in den Hintergrund zu drängen. Denn die ist das Hauptziel. Dann bin ich aber gut durch die Tour gekommen und konnte mich auf die Vuelta konzentrieren“, sagte er.

Auch sein Trainer Jeroen Swart bestätigte, dass im Winter bereits der Entschluss gefasst wurde, es in diesem Jahr bei der Vuelta zu probieren. „Wir haben den Rennkalender so angepasst, dass Tadej die Möglichkeit haben würde, nach der Tour mental frisch und motiviert die Vuelta angehen zu können“, sagte der Südafrikaner.

Als Fan bei der Tour de Femmes

Und tatsächlich wirkte die vor drei Wochen zu Ende gegangene Frankreichrundfahrt für Pogačar fast wie ein Spaziergang. Hauptrivale Vingegaard war schnell in die Schranken gewiesen. Dann stürzte der Däne auch noch und musste das Rennen verlassen. Machte Pogačar im Juli 2025 noch einen ausgelaugten Eindruck bei der Siegerpräsentation auf den Champs Élysées – so ausgelaugt, dass manche schon ein frühes Karriereende herbeikommentierten –, so war er beim diesjährigen Tourabschluss prächtig gelaunt und voller Vorfreude auf die nächsten Schritte.

Interessanterweise musste er zwischen beiden Rundfahrten auch nicht ins Höhentrainingslager. Seine Coaches gaben ihm frei für Fanauftritte in Slowenien und Frankreich. Bei der dortigen Tour de France Femmes zeigte er sich selbst als Superfan, feuerte er seine Verlobte Urška Žigart am Mont Ventoux und auch in den Straßen von Nizza an. An Sympathiepunkten legte er in der Zeit zwischen Tour und Vuelta also weiter zu.

Auf die leichte Schulter nimmt er die neue Aufgabe allerdings nicht. „Jeder Fahrer kommt zum Rennen, um es zu gewinnen, unabhängig davon, wer alles am Start steht“, meinte er. Er betonte auch den Druck, der spätestens seit seinem ersten Tour-Sieg auf ihm lastet. Und auch der von ihm noch niemals bestrittene Doubleversuch aus Tour und Vuelta nötigt ihm Respekt ab, erzählte er am Mikrofon von Eurosport. „Ich glaube, das Double aus Giro und Tour ist leichter“, spielte er auf seinen Gewinn beider Rundfahrten vor zwei Jahren an. „Anders als 2024 hatte ich jetzt aber ein schweres Klassikerprogramm im Frühjahr“, erklärte er.

Trotzdem hofft er natürlich, dass sich sein Körper wie gewohnt prächtig erholen kann und er am 13. September im Schatten der berühmten Alhambra in Granada das Rote Trikot des Rundfahrtsiegers überstreifen kann. Dann hätte er ein großes Ziel abgehakt und in Sachen Grand Tours zu Größen wie Jacques Anquetil, Eddy Merckx und Bernard Hinault aufgeschlossen. Und auch den letzten Vorteil, den Dauerrivale Vingegaard seit dessen Giro-Sieg im Mai vor ihm hat, hätte er dann egalisiert.