Ceuta nach dem Ansturm: Fragile Ruhe in Spaniens Exklave

Am Tag danach zieht von der Straße von Gibraltar dicker Nebel auf. Er packt Ceuta in eine weiße Watteschicht. Aus der Ferne tönen die warnenden Schiffssirenen. Ein kleines Heer von Straßenkehrern beseitigt rund um die Plaza de África die letzten Spuren, die Zehntausende Marokkaner und Migranten im Zentrum von Ceuta hinterlassen haben. Am Sonntag müssen sie nur noch die Blütenblätter der Jacarandas vor den Terrassen der Restaurants zusammenkehren, wo abends kaum ein Tisch zu bekommen ist. Es ist fast wie an jedem Sommerabend und nicht vorstellbar, dass es in der spanischen Exklave kurz zuvor nicht einmal Wasser zu kaufen gegeben hatte; die Stadt war zu.

„In weniger als 24 Stunden ist das eine ganz andere Welt. Aber es kann jederzeit wieder losgehen“, meint skeptisch ein Mann in Shorts und AC/DC-Shirt, der in der Abenddämmerung seinen Hund auf der Strandpromenade ausführt. „Hungrige Menschen sind leicht zu manipulieren. Die meisten waren vielleicht einfach nur neugierig“, sagt seine Frau über die jungen Marokkaner, die bis vor Kurzem noch auf den Bänken des Uferwegs und in den Parks geschlafen haben.

Wie viele in Ceuta sind sich die beiden sicher, dass hinter dem bisher größten Ansturm, den ihre kleine Stadt erlebt hat, die marokkanische Führung steckt. Und die tue nichts gegen den Willen der USA, glaubt das Paar. Knapp 84.000 Einwohner hat der spanische Außenposten, der von Marokko umgeben ist. Niemand kann genau sagen, wie viele Menschen es waren, die plötzlich in Ceuta auftauchten und genauso schnell wieder verschwanden – wie ein Spuk oder ein schlechter Traum. Mehr als 70.000 Menschen kehrten nach den jüngsten Schätzungen der spanischen Polizei nach Marokko zurück.

Soziale Medien machten den Marokkanern falsche Hoffnungen

An der Uferpromenade steht an einer Kreuzung ein einsamer spanischer Soldat mit Helm und brauner Kampfmontur. „Es war Wahnsinn. In den letzten Tagen habe ich nur drei Stunden geschlafen“, sagt er und weist drei jungen Marokkanern freundlich auf Arabisch den Weg zur wenige Kilometer entfernten Grenze. Die drei Männer seien enttäuscht, erzählt er: In den sozialen Medien hätten sie erfahren, dass in Ceuta Geld auf sie warte und eine Fähre auf das 14 Kilometer entfernte spanische Festland.

Migranten bewegen sich am Sonntag in Richtung des Grenzpostens, um nach Marokko zurückzukehren.
Migranten bewegen sich am Sonntag in Richtung des Grenzpostens, um nach Marokko zurückzukehren.AFP

Unten erstreckt sich an der Bucht der Sandstrand der Playa de la Ribera, der sich am Sonntag schnell mit Badenden füllt. Vom Chiringuito aus ist die marokkanische Grenzstadt Fnideq zu sehen. Ins Zentrum der Mittelmeerstadt ist zwei Tage nach der größten Migrationskrise Spaniens die träge Sommerruhe zurückgekehrt.

Am Tarajal-Strand, an dem am Donnerstag Zehntausende ankamen, geht ein Mann schon wieder baden. Der Strand ist gesäubert, nur das Meer spült immer noch einzelne Schuhe, Badelatschen und Kleidungsstücke an. Am nahen Grenzzaun vor dem Abfertigungsgebäude stapeln sich bunte Schwimmreifen, Tüten und Rucksäcke.

Wie viele Marokkaner kamen wirklich nach Ceuta?

„Tor nach Afrika“ heißt der geschlossene Kiosk gegenüber dem Loch im Maschendraht, durch das viele nach Europa gekrochen sind. Am Sonntag meldete die spanische Nachrichtenagentur EFE 73.500 freiwillige Rückkehrer – bis dahin hatte die Regierung von gut 48.000 gesprochen, von insgesamt 50.000 Menschen, die es nach Ceuta geschafft hatten. Das würde bedeuten, dass sich die Bevölkerungszahl am Donnerstag fast verdoppelt haben könnte.

Hilflos wirken die Arbeiten an dem roten Plastikschlauch, den Polizisten aufblasen. 500 Meter lang, soll er Schwimmer stoppen, wie die, die seit knapp zwei Wochen über das Meer nach Ceuta kamen. Die Nachricht von dem Urteil, das der Oberste Gerichtshof Spaniens am 8. Juli gefällt hatte, verbreitete sich in Marokko in Windeseile: Es untersagt die sofortige „heiße“ Rückführung von Migranten, die schwimmend nach Ceuta gelangen. Es wirkte offenbar wie ein Aufruf.

Migranten an Bord von Schlauchbooten bewegen sich am Sonntag in Richtung der schwimmenden Barriere, die Spanien in Ceuta errichtet hat.
Migranten an Bord von Schlauchbooten bewegen sich am Sonntag in Richtung der schwimmenden Barriere, die Spanien in Ceuta errichtet hat.AFP

Draußen auf dem Meer patrouilliert eine kleine Armada, rund ein Dutzend Polizei- und Militärboote. Am Ufer sind praktisch nur Soldaten, Polizisten und Fernsehteams, die die zwei Busse filmen, die mit Polizeieskorte Richtung Marokko brausen. Hinter den Fenstern sind junge Männer zu erkennen. „Tausende halten sich oben am Berg in den Wäldern und den Wohnvierteln versteckt“, sagt ein Reservesoldat aus dem benachbarten Viertel, der nur seinen Vornamen Mohamed nennen will. Jetzt sei die Armee hinter ihnen her. Die Zahlen lassen sich nicht offiziell überprüfen.

Soldaten greifen hart gegen Marokkaner durch

Entlang der Playa de Benítez hinter dem Hafen beginnt eine andere Welt. An der Hauptstraße kommen die Soldaten einem Ladenbesitzer zu Hilfe, in dessen Geschäft offenbar eine Gruppe durstiger Marokkaner gestürmt war. Rasselnd gehen die Jalousien herunter, während Soldaten mit Schlagstöcken und begleitet von gepanzerten Militärfahrzeugen die jungen Männer auf der Straße vor sich hertreiben. Sie wurden am Straßenrand eingekesselt. Laut Einheimischen werden sie später abtransportiert. An den Seitenstraßen haben die Soldaten Gitter aufgestellt, sodass niemand ins Wohngebiet entkommen kann.

Am Strand und an der Straße, die durch den Wald zum „CETI“ führt, lagern auch viele afrikanische Migranten. Sie alle hatten gehofft, im einzigen Aufnahmezentrum in Ceuta Hilfe zu finden. Doch es war schon vor dem Massenansturm hoffnungslos überfüllt. „Wir sind am Mittwoch aus Marokko herübergeschwommen. Seitdem haben wir weder zu trinken noch zu essen bekommen“, erzählt ein junger Nigerianer, neben dem eine Gruppe Sudanesen und ein Ägypter im Schatten liegen.

Wer Aussicht auf Asyl hat, wird nicht zurückgeschickt. Das gilt jedoch nicht für die Marokkaner. Bei ihnen setzen die Sicherheitskräfte darauf, dass sie der Durst und die Aussichtslosigkeit zurücktreiben. Am Freitag waren noch fröhlich winkende Männer auf dem Heimweg zu sehen, die wirkten, als kehrten sie von einem Abenteuer zurück. Am Sonntag waren es vor allem übermüdete und ausgezehrte Gesichter auf den Straßen – misstrauisch und jederzeit bereit, die Flucht zu ergreifen. Sie hatten oft nur marokkanische Dirham dabei und können deshalb auch nichts kaufen, seit die Läden wieder geöffnet hatten.

Regierung spricht von Rückkehr zur alten Normalität

Von der Rückkehr zur alten Normalität, die Innenminister Fernando Grande-Marlaska am Samstag in Ceuta verkündet hatte, ist im Norden der Stadt und an der Grenze noch wenig zu spüren. Der Innenminister war am Freitag mit Ministerpräsident Pedro Sánchez in die Stadt gekommen und ist geblieben. Seitdem geben sich die Politiker in Ceuta die Klinke in die Hand. Nach den beiden kam der konservative Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo in die Stadt. Er warf der Regierung vor, sie habe vorher von dem drohenden Ansturm gewusst, aber nicht gehandelt.

Der Vorsitzende der rechtspopulistischen Vox-Partei, Santiago Abascal, hielt Sánchez und Marokko einen „Kriegsakt“ vor. Mit der jüngsten Massenlegalisierung von Migranten in Spanien habe der Regierungschef provoziert, was in Ceuta geschehen sei, sagte Abascal an die Presse gerichtet und abgeschirmt von der Polizei vor dem Denkmal der Gefallenen in den spanischen Afrika-Kriegen.

Seinen Konkurrenten „Alvise“ Pérez mussten die Beamten zuvor in einem Polizeifahrzeug vor wütenden Demonstranten in Sicherheit bringen. Seine neu gegründete Partei mit dem Namen „Die Party ist vorüber“ hatte bei der Europawahl auf Anhieb drei Mandate gewonnen. Der rechtsextreme Influencer, gegen den mittlerweile wegen illegaler Parteienfinanzierung ermittelt wird, fordert die „massive Abschiebung von Einwanderern“.

Lautstarke Proteste gegen Rechtsextremisten

In Ceuta kommt Pérez unter seiner spanischen Flagge fast nicht zu Wort. Die Demonstranten sind lauter. Mehr als die Hälfte der Einwohner von Ceuta sind Muslime, die meisten von ihnen stammen aus Marokko. Sie rufen Slogans, wie „Faschisten raus“, „Verschwinde von hier“ und „Wir sind auch Spanier“.

Die Rechtsextremisten nutzten die Not der Menschen in Ceuta aus und zerstören das gute Zusammenleben, um sich politisch zu profilieren, schimpft eine junge Frau, die ein Kopftuch trägt. Sie wollten in Wirklichkeit alle Ausländer aus Spanien vertreiben, auch marokkanische Einwanderer, wie sie, die längst Spanier geworden seien.

Rechtsextreme Demonstranten bekunden am Freitag in Madrid ihren Unmut über eine „Invasion“ durch Migranten
Rechtsextreme Demonstranten bekunden am Freitag in Madrid ihren Unmut über eine „Invasion“ durch MigrantenAFP

Inzwischen sind Sánchez und sein Innenminister aber auch von ihren politischen Partnern unter Beschuss geraten. Denn beide loben die gute Zusammenarbeit mit Marokko, obwohl die Regierung des Nachbarlandes erst am Donnerstag vor dem Ansturm gewarnt und die marokkanischen Sicherheitskräfte sich anfangs zurückgehalten hatten. Beim Koalitionspartner Sumar machen einige die marokkanische Führung, den amerikanischen Präsidenten Donald Trump und den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu für die Eskalation verantwortlich, mit der sie Spanien wegen seiner propalästinensischen Politik und seiner Ablehnung des Irankriegs „bestrafen“ wollten.

Halfen marokkanische Polizisten den Migranten?

In den sozialen Medien verbreitete sich ein Video, das angeblich zeigt, wie ein marokkanischer Polizist jungen Marokkanern von der Ladefläche eines Lastwagens unweit der Grenze hilft. Obwohl Angaben zu Ort und Zeit der Aufnahme fehlen, fühlen sich dadurch in Spanien viele in ihren Vermutungen bestätigt, dass es sich um keine spontane, sondern eine geplante Aktion gehandelt haben könnte.

In Ceuta existieren am Sonntag mehrere Welten nebeneinander. Unter den bunten Sonnenschirmen am Ribera-Strand sind in der Ferne die Militärschiffe und kleinere Schlauchboote zu sehen. Taucher bergen seit Tagen immer mehr Leichen von Ertrunkenen. Am Sonntag waren es auf der spanischen Seite 88 Tote. Aus Marokko gab es bisher keine Zahlen, aber laut Augenzeugenberichten gibt es auch dort zahlreiche Todesopfer, unter ihnen Frauen und Kinder. In Ceuta reicht bei der Polizei am Hafen kaum noch der Platz für die vielen Leichen.

Wer nicht identifiziert wird, findet in Ceuta auf dem Friedhof der Sidi-Embarek-Moschee seine letzte Ruhe. Die Reihe der namenlosen Gräber der Ertrunkenen wächst schon seit Jahren. Vom Friedhof aus ist das Meer, in dem die jungen Marokkaner den Tod fanden, ebenso zu sehen wie das Land, in dem sie nicht mehr leben wollten.