„Ich habe noch acht Jahre vor mir, in denen ich hoffentlich attraktiv bleibe, danach muss ich die Hexe geben“, sagte Emily Blunt 2015. Da war die britische Schauspielerin gerade einmal 32 Jahre alt. Nun, ganze elf Jahre später, durfte sie im zweiten Teil von „Der Teufel trägt Prada“ in schicker Dior-Garderobe über die Leinwand laufen und war noch lange nicht die älteste Frau im Team – das zeigt, wie sehr sich Hollywood in Bezug aufs Altern gewandelt hat.
Lange galt 40 als Grenze für die Karriere einer Schauspielerin. Ungefähr um die Zeit, als Emily Blunt ihre Befürchtungen hinsichtlich der Rollenangebote im Interview mit der „Sunday Times“ kundtat, drehten die Komikerinnen und Schauspielerinnen Tina Fey, Julia Louis-Dreyfus, Patricia Arquette und Amy Schumer den heute legendären „Last Fuckable Day“-Sketch.
„Wer sagt einem denn, wenn es vorbei ist?“
Mit einem Picknick in üppigem Grün feiern die Frauen den letzten Tag, an dem Louis-Dreyfus im Filmgeschäft noch als jung genug durchgeht, um als begehrenswerte Frau wahrgenommen zu werden. „Wer sagt einem denn, wenn es vorbei ist?“, fragt Schumer. „Oh, niemand“, antwortet Fey. „Aber erinnerst du dich daran, dass Sally Field gerade noch in ‚Punchline‘ Tom Hanks' Love Interest spielen durfte und 20 Minuten später in ‚Forrest Gump‘ als seine Mutter gecastet wurde?“
Egal wie berühmt man vorher war, wie viele Auszeichnungen man bekam, wie hoch die Gagen waren: Mit dem 40. Geburtstag war für die meisten Schauspielerinnen diese von den vier Frauen mit Witzen traktierte unsichtbare Grenze erreicht. Hinter dieser Schwelle wehte ein rauer Wind über wüstes Land, der irgendwann die Hexenrollen herantrieb.
Dass Emily Blunt damit nicht übertrieb, davon kann Meryl Streep Geschichten erzählen, wie unlängst in einer Fernsehrunde: „Im Jahr meines 40. Geburtstags bot man mir gleich dreimal eine Rolle als Hexe an. Das hat mir gezeigt, wie Hollywood tickt, und was es von Leuten über 40 hält.“ Streep hatte bis zu ihrem Vierzigsten im Jahr 1989 schon acht Oscarnominierungen gesammelt und zweimal die goldene Statue für ihre Leistungen bekommen – die Studios erlegten ihr trotzdem eine Zwangspause auf.

Viele Schauspielerinnen haben diesen Umstand in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder angeprangert. Kann man heute wirklich eine Veränderung bemerken? Auf den ersten Blick scheint sich einiges getan zu haben, wenn man beispielsweise auf die roten Teppiche der großen Filmfestivals schaut: In Cannes etwa glänzte in diesem Jahr die 88 Jahre alte Jane Fonda im schwarzen maßgeschneiderten Paillettenkleid von Gucci und hielt in ihrer Eröffnungsrede ein flammendes Plädoyer für die Filmkunst, statt immer noch schief hängende Geschlechterordnungen ansprechen zu müssen.

In großer Robe erschienen ebenfalls Joan Collins, die am letzten Tag des Filmfestivals 93 wurde, und Isabella Rossellini, zu diesem Zeitpunkt 73 Jahre alt. In Cannes stellten sie ein gemeinsames Filmprojekt vor: „My Duchess“, ein Biopic über Wallis Simpson, die Frau, wegen der Eduard VIII. den britischen Thron aufgab.
Mehr interessante Rollen jeseits der 40
Filmdiven bleiben heute länger im Geschäft und können sich dabei erlauben, ihren eigenen Weg zu gehen; notfalls schreiben sie sich die Rollen, die ihnen verwehrt bleiben, einfach selbst oder produzieren die Filme, die sie gern machen wollen, im Alleingang.
Und zweifellos gibt es mittlerweile, mit dem höheren Frauenanteil hinter der Kamera, auch mehr interessante Rollen für Darsteller jenseits der 40. Spielte Gloria Swanson noch 1950 in Billy Wilders „Sunset Boulevard“ einen alternden Filmstar, der sich in seiner Villa zurückgezogen der Illusion hingibt, für Hollywood noch relevant zu sein, obwohl die Schauspielerin zum Zeitpunkt der Dreharbeiten gerade einmal 50 Jahre alt war, greifen Altersgenossinnen heute den Jugendwahn frontal an.

Demi Moore feierte mit 63 Jahren im Horrorfilm „The Substance“ zu genau diesem Thema ihr Comeback. Auch Pamela Anderson kehrte gerade in Gia Coppolas „The Last Showgirl“ mit 57 Jahren auf die Kinoleinwand zurück, ebenfalls in einer Geschichte über eine Frau, die ihr von der Unterhaltungsindustrie festgesetztes Verfallsdatum nicht akzeptiert. Im Gegensatz zu Demi Moore nimmt sich Anderson sogar heraus, ohne Make-up zu den Premierenfeiern zu kommen, was in Zeiten von Botox und Ozempic als besonders authentisch gefeiert wird.
„Golden Girls“ bereitet den Weg
Am deutlichsten zeigt sich der Wandel aber vielleicht anhand zweier strukturell ähnlich gelagerter Serienformate. Als im Sommer 2021 die Fortsetzung der Erfolgsserie „Sex and the City“ im HBO-Streamingdienst anlief, fiel so mancher Zuschauerin auf, dass die Frauen, die hier im Mittelpunkt standen und deren glamouröses Leben in Manhattan die Serie beleuchtet, das gleiche Alter haben wie die Figuren in der amerikanischen Achtzigerjahre-Sitcom „Golden Girls“. In der Tat sind Carrie, Miranda und Charlotte mit Mitte 50 im selben Lebensabschnitt wie die „Damen-WG“ von Rose, Blanche und Dorothy.
Die Kleider der New Yorkerinnen mögen schicker sein und ihre Apartments größer. Was aber die Themen angeht, so hat die Wohngemeinschaft in Miami schon den Weg für ihre Nachfolgerinnen bereitet: Dating jenseits der Menopause, Diskriminierung und schwierige Familienverhältnisse waren auch hier Themen, ebenso diskutierten die Freundinnen über zeitkritische Sozialfragen wie Aids. Der „Sex and the City“-Nachfolger „And Just Like That“ bedient in diesem Punkt das Publikum im 21. Jahrhundert, thematisiert also die MeToo-Debatte und Social Media.
Angemessene Darstellung der New Yorker Demographie
Wirklich neu ist in „And Just Like That“, dass beim Casting auf Vielfalt geachtet wurde. Während nicht-weiße Darsteller in „Sex and the City“ noch die Ausnahme waren – was für New York wahrlich nicht repräsentativ war – und für gerade einmal jeweils ein paar Folgen dabei sein durften (etwa wenn die promiske Samantha einen schwarzen Musikproduzenten datete), sieht die Besetzung der Hauptrollen neben den drei Protagonistinnen der Neuauflage, etwa mit Sara Ramírez in der Rolle der Podcasterin Che Díaz und Sarita Choudhury als Immobilienmaklerin Seema Patel, mit Blick auf die Demographie von Manhattan wesentlich angemessener aus.
Ramírez ist auch ein gutes Beispiel für Stars, die jenseits des üblichen Hollywood-Zyklus Karriere machten, also erst spät berühmt wurden. Denn wenn man sich diese – zugegeben recht kleine – Gruppe, anschaut, so fällt auf, dass das Augenmerk auf das Abbilden eines breiteren Bevölkerungsspektrums auch jenen Talenten zu Erfolg verhalf, die zuvor in die zweite Reihe gestellt worden waren.
Pedro Pascals langer Weg auf die Leinwand
Ramírez etwa, geboren in Mexiko und vom achten Lebensjahr an in Kalifornien aufgewachsen, feierte den Durchbruch 2006 mit der Arztserie „Grey's Anatomy“ – im Alter von 31 Jahren. Fast zehn Jahre, von der zweiten bis zur zwölften Staffel, spielte Ramírez in der Erfolgsserie mit, prägte für eine junge Generation das Bild einer selbstbewussten queeren Ärztin.
Noch erfolgreicher ist derzeit Pedro Pascal. Geboren 1975 in Chile, verließen seine Eltern mit den Kindern das Land auf der Flucht vor dem Militärregime unter Augusto Pinochet, als Pedro gerade einmal neun Monate alt war. Nach kurzem politischem Asyl in Dänemark siedelte die Familie in die Vereinigten Staaten über. Mit Mitte 20 versuchte Pascal, im Filmgeschäft Fuß zu fassen. Aber der Weg war lang. Er nahm kleinste Rollen in Fernsehserien an. Das Geld reichte selten bis zum Ende des Monats.

Eine Zeit lang steckte ihm die Schauspielerin Sarah Paulson, mit der er befreundet ist, etwas zu, damit er sich Essen kaufen konnte. Erst als er kurz davor war aufzugeben, kam die Rettung mit einem Auftritt in der Serie „Buffy – Im Bann der Dämonen“. Pascal verkörperte in einer Folge einen High-School-Schüler, der zum Vampir wird, mit Buffy kämpfen muss und von ihr natürlich abgemurkst wird.
Wo er auftaucht, wird er geliebt
Für die Ratschläge der Hauptdarstellerin Sarah Michelle Gellar ist Pascal bis heute voll des Lobes. Und auch wenn diese Erfahrung – und natürlich das Honorar – seine Schauspielambitionen retteten, dauerte es bis 2014, ehe seine Karriere an Fahrt aufnahm. Sarah Michelle Gellar plante da schon den zweiten Teil ihrer Schauspielkarriere, für Pedro Pascal ging gerade der erste los. Große Anerkennung brachte ihm die Hauptrolle in der Netflix-Krimiserie „Narcos“.
Man erkannte sein Talent, und mehr Hauptrollen fielen ihm zu. Pascal trat in Superheldenfilmen auf („Wonder Woman 1984“, „The Fantastic Four: First Steps“) und spielte im Star-Wars-Universum („The Mandalorian“) sowie in Liebesdramen („The Materialists“) und Arthouse-Filmen (Ari Asters „Eddington“).
Wo er auftaucht, liebt ihn das Publikum. Und da er mit 51 Jahren neben heiterer Gelassenheit auch große Experimentierfreude beim Styling mitbringt, lieben ihn die Veranstalter der Mode-Events. Ob mit überdimensionaler Federbrosche von Chanel bei den diesjährigen Oscars, im ärmellosen Top mit Schlaghose von Calvin Klein in Cannes oder mit politischer Botschaft auf dem T-Shirt zur Unterstützung der Trans-Gemeinde („Protect The Dolls“): Pascal nutzt seine Bekanntheit für klare Botschaften.
Die Anerkennung kommt erst spät
Wie Pascal in seiner zähen Anfangszeit mussten auch die schwarzen Schauspielerinnen Viola Davis und Regina King um Anerkennung für ihr Talent kämpfen. Davis studierte an der renommierten Juilliard-Schauspielschule in New York und trat danach gleich auf mehreren Bühnen auf. Am Broadway spielte sie in Shakespeare-Stücken, arbeitete in Fernsehserien und in Spielfilmen mit. Steven Soderbergh setzte sie in „Solaris“ (2002) ein, George Clooney in seinem Thriller „Syriana“ (2005). Jeder Regisseur, der mit ihr arbeitete, lobte sie, aber sie musste beharrlich weitermachen, bis die große Anerkennung kam.
Ähnlich war es einige Jahrzehnte zuvor schon Samuel L. Jackson ergangen. Er war längst eine Größe des New Black Cinema gewesen und in Filmen von Spike Lee („Do the Right Thing“) aufgetreten, doch die Angebote für große Blockbuster-Projekte bekam er erst, nachdem er 1994 in Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ einen so coolen wie tödlichen Gangster gespielt hatte. Jackson war da 45 Jahre alt.
Davis unterbot ihren Kollegen um zwei Jahre. Im Drama „Doubt“ hatte sie 2008 zwar nur einen rund zehnminütigen Auftritt, überstrahlte darin aber ihre Filmpartner Philip Seymour Hoffman und Meryl Streep. Der amerikanische Filmkritiker Roger Ebert bezeichnete Davis' Performance als „emotionalen Kern“ des Films, in dem sie „auf die herausragendste Schauspielerin dieser Generation trifft und daraus ein Treffen zweier Ebenbürtiger macht, von erschütternder Wucht“.

Davis war damals 43 Jahre alt. Heute hat sie die vier großen Preise der amerikanischen Unterhaltungsindustrie (Emmy, Grammy, Oscar und Tony) bekommen und wurde vom Magazin „Time“ gleich zweimal in die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt aufgenommen.
Auf diese Liste schaffte es auch die wenige Jahre jüngere Regina King. Sie hatte wie Pascal und Davis schon früh angefangen, an ihrer Schauspielkarriere zu arbeiten. Nach vielen Fernsehauftritten, darunter einer Hauptrolle in der in Echtzeit erzählten Actionserie „24“ und den komplexen Serienerzählungen „The Leftovers“ und „Watchmen“ von Damon Lindelof, gelang ihr der Sprung auf die große Leinwand. Mit dem Liebesdrama „Beale Street“ nach dem Roman von James Baldwin bekam sie eine Oscarnominierung. Sie war 48 Jahre alt.
Die Bandbreite der Rollen, mit denen diese Schauspielgrößen berühmt wurden, macht klar, dass Jugendlichkeit nicht mehr höchste Priorität hat bei der Besetzung. Seit Streamingservices mit eigenen Serienprodukten versuchen, ein breites Publikum zu einem Abonnement zu bewegen, hat sich die Chance erhöht, durch eine Netflix-Serie wie „Narcos“ berühmt zu werden. Pedro Pascal, Regina King und Viola Davis konnten die Gelegenheit ergreifen.
So wie auch Meryl Streep sich von den drei Hexenrollen zum 40. Geburtstag nicht abschrecken ließ und stattdessen einfach weitermachte, in kleineren, aber interessanteren Filmen. Bis eines Tages, nach mehr als zehn Jahren Blockbuster-Pause, die Rolle der kühlkalkulierenden Chefredakteurin in „Der Teufel trägt Prada“ auf ihren Tisch flatterte. Mit 56 Jahren forderte Meryl Streep das doppelte Gehalt – und bekam es. In diesem Punkt hat Hollywood noch einiges aufzuholen: Weder Viola Davis noch Regina King werden so gut bezahlt wie ihre weißen Kolleginnen.