Spionage-Spur führt nach NRW: Wie ein Autohaus ins Visier mutmaßlich russischer Hacker geriet

Stand: 20.09.2026, 07:14 Uhr

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Foto an der selben Stellen an der die Überwachungskamera gefilmt hatte (besprechen wir vorher nochmal)In der RTL-Doku  „Putins Wegwerfagenten“ geht es in einer Szene nach Soest: Dort hacken sich mutmaßlich russische Hacker ins Überwachungssystem vom Autohaus Regett. Alexander Regett

Mutmaßlich russische Hacker verschafften sich Zugriff auf die Kameraüberwachung des Autohauses Regett. Die Fotos und die Hintergründe schickte das RTL-Team dem Geschäftsführer Alexander Regett anschließend zu. Das Autohaus reagierte umgehend und ließ seine IT-Systeme prüfen. © Peter Dahm

Für eine RTL-Doku recherchierten Journalisten monatelang undercover in einem mutmaßlich russischen Agentennetzwerk. Ein Teil der Geschichte führt überraschend nach Soest.

Soest – Es klingt wie eine Szene aus einem Spionagefilm: Eine Journalistin sitzt auf einer Bank vor einem Autohaus und wartet auf eine Kontaktperson. Sie soll USB-Sticks übergeben, die im Rahmen einer verdeckten Recherche eine Rolle spielen. Doch niemand taucht auf. Stattdessen bekommt sie auf ihr Handy plötzlich ein Foto von sich selbst geschickt, aufgenommen nur wenige Augenblicke zuvor auf dem Gelände des Autohauses. Die Aufnahme stammt von der dortigen Überwachungskamera.

Genau das hat sich vor wenigen Wochen tatsächlich in Soest abgespielt: Unbekannte hatten sich Zugriff auf das Kamerasystem des Soester Autohauses Regett verschafft. Der Vorfall ist Teil einer Doku über mutmaßliche russische Einflussoperationen und die Rekrutierung sogenannter Wegwerfagenten.

Die Recherche von RTL und stern

Zu sehen ist das alles in der RTL-Dokumentation „Putins Wegwerfagenten – Die billigen Vollstrecker“. Ein Team von RTL und „stern Investigativ“ recherchierte dafür rund ein Jahr lang undercover in einem Netzwerk, über das Menschen offenbar für russische Interessen angeworben werden. Der Kontakt lief vor allem über den Messengerdienst Telegram. Die Aufträge, die das Team rund um RTL-Reporterin Angelique Geray von russischen Auftraggebern erhält, wirken zunächst harmlos: Fotos machen, Pakete abholen oder SIM-Karten besorgen. Bezahlt wurde in Kryptowährung.

Im Verlauf der Recherche wurden die Aufträge jedoch konkreter, wie in der Doku zu sehen ist. Angelique Geray sollte etwa der CDU beitreten und Informationen aus der Partei weitergeben. Auch interne Dokumente wurden angefordert. Die Journalisten gingen auf die Forderungen nur zum Schein ein: Statt echte und vertrauliche Informationen weiterzugeben, erstellten sie für die Recherche eigene Unterlagen und stellten Situationen nach. Während die Auftraggeber die vermeintlichen Informationen überprüften, erhielt die RTL-Reporterin einen weiteren Auftrag: Sie sollte USB-Sticks beschaffen und diese mit einer bestimmten Spionagesoftware versehen.

Treffpunkt am Autohaus in Soest

Dann kam die Anweisung, nach Soest zu fahren und diese USB-Sticks an eine Kontaktperson zu übergeben. In der Dokumentation ist zu sehen, wie sich die Reporterin gemeinsam mit dem Team auf den Weg in die Bördestadt macht. Wieso ausgerechnet Soest das Ziel ist, wird nicht näher beleuchtet. Die Adresse führt schließlich zum Parkplatz des Autohauses Regett. Dort sollte die Übergabe stattfinden. Angelique Geray setzte sich auf eine Bank und wartete.

Foto an der selben Stellen an der die Überwachungskamera gefilmt hatte (besprechen wir vorher nochmal)In der RTL-Doku  „Putins Wegwerfagenten“ geht es in einer Szene nach Soest: Dort hacken sich mutmaßlich russische Hacker ins Überwachungssystem vom Autohaus Regett. Alexander Regett

Hier wartete RTL-Reporterin Angelique Geray auf ihre Kontaktperson. Währenddessen wurde sie über die Überwachungskamera beobachtet. © Peter Dahm

Doch auf den angekündigten Kontakt wartete die Journalistin vergeblich. Stattdessen erhielt sie über Telegram eine Nachricht mit einem Foto, das sie auf dem Gelände des Autohauses zeigte. „Die haben sich in die Überwachungskameras von diesem Autohaus gehackt“, sagt sie in der Dokumentation fassungslos. Kurz darauf erhielt sie zudem eine Morddrohung der Gruppe.

Autohaus-Geschäftsführer Alexander Regett erfuhr noch am selben Tag von dem Vorfall. RTL kontaktierte ihn und schilderte, was vorgefallen war. „Ich dachte erst, dass es ein Fake ist“, erinnert sich Regett. Nachdem er mit dem Sender dann Kontakt aufnahm und erfuhr, was alles dahintersteckte, reagierte das Autohaus umgehend: Die eigene IT wurde informiert, gleichzeitig wurden Spezialisten des Überwachungssystems hinzugezogen. Die betroffenen Geräte wurden vom Netz genommen. Anschließend wurden alle Systeme überprüft. Dabei stellte sich nach Angaben des Autohauses heraus, dass der Zugriff auf die Kameraüberwachung beschränkt blieb.

IT war sofort im Einsatz: „Wir haben die Sache sehr ernst genommen“

Dass sich Unbekannte Zugriff auf das Kamerasystem verschafft hatten, ließ sich anhand der IP-Adresse nachvollziehen. Andere Bereiche der IT-Infrastruktur waren nach Angaben von Regett ebenso wenig betroffen wie Kundendaten. Schnell habe sich abgezeichnet, dass es den Hackern ausschließlich um die Bilder der Überwachungskameras gegangen sei. Dennoch zog das Autohaus Konsequenzen: Die betroffene Hardware wurde vollständig ausgetauscht, Zugänge neu eingerichtet und Passwörter geändert. Zudem wurden Behörden eingeschaltet: Die Kriminalpolizei Düsseldorf nahm die Ermittlungen auf, auch der Verfassungsschutz wurde informiert. „Wir haben die Sache sehr ernst genommen“, betonte Regett.

Warum die mutmaßlichen russischen Hacker ausgerechnet ein Soester Autohaus auswählten, lässt sich letztlich nicht beantworten. Vermutlich aber war es Zufall – „es hätte jede Bank in Deutschland sein können, auf der sie wartet“, sagt Regett. Auf Nachfrage beim RTL-Team hieß es, dass man zu weitergehenden Recherchen, die über die in der Dokumentation dargestellten Inhalte hinausgehen, „leider keine Auskunft geben könne“. Am Ende bleibe die Erkenntnis, dass selbst modernste Sicherheitssysteme nicht vollständig vor professionellen Cyberangriffen geschützt sind. Dass sein Autohaus einmal Teil einer Recherche über mutmaßliche russische Einflussoperationen werden würde, hätte Regett sich jedenfalls nie vorstellen können. Für das Unternehmen blieb der Vorfall am Ende ein ungewöhnlicher Zwischenfall.​

Unterstützung nach der Ausstrahlung

Als die Dokumentation erschien, schaute Alexander Regett sie sich natürlich sofort an. Für ihn hatte die Geschichte am Ende auch eine positive Seite: In den Tagen nach der Ausstrahlung meldeten sich viele Soester bei ihm. Sie wollten helfen, informierten ihn über den Beitrag oder fragten nach dem Autohaus. „Das war schon schön, zu sehen, wie aufmerksam die Leute hier sind“, sagt er.