Sprengstoff- und Brandanschläge: Hessens Ermittler jagen die Hintermänner der „Gewalt auf Bestellung“

Stand: 18.10.2026, 20:54 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Die Zentrale des Hessischen Landeskriminalamtes (LKA) in Wiesbaden. (zu dpa: „Brandanschläge auf Bestellung: Bericht einer Chefermittlerin“)

Oft sind es junge Täter, die sie per Messenger für eine „Mission“ anheuern. Das Hessische Landeskriminalamt will die Hinterleute von Auftragsgewalt in Hessen aufspüren. © Boris Roessler/dpa

Gewalt als Dienstleistung beschäftigt Hessens LKA seit 2024 gezielt. Derzeit prüfen die Ermittler Verdachtsfälle im mittleren zweistelligen Bereich.

Kassel – Sprengstoff- und Brandanschläge im Rhein-Main-Gebiet haben das Phänomen „Violence as a Service“ („Gewalt als Dienstleistung“) wieder in die Schlagzeilen gebracht. Mutmaßlich wurden dafür Täter aus dem Ausland mit Lohnversprechen rekrutiert. Auch in Kassel gab es Brandattacken mit internationalen Bezügen. Hier steckte laut Polizei jedoch wohl eher keine Rekrutierung unbekannter Straftäter dahinter.

Im Kampf gegen Gewalt auf Bestellung setzt Hessens Landeskriminalamt (LKA) auf mehr Ermittlungen zu den Hintermännern, um den Wachstumstrend umzudrehen - so wie bereits bei Attacken auf Geldautomaten.

Gesprengte Geldautomaten in Hessen

„Unser Ziel ist es, die Strukturen hinter ‚Violence as a Service‘ (Gewalt als Dienstleistung) zu erhellen und zu zerschlagen, wie es schon bei den Sprengungen von Geldausgabeautomaten gelungen ist“, sagte die Chefermittlerin Uta Prenzel der Deutschen Presse-Agentur in Wiesbaden.

Die Sprengungen von Geldautomaten sind in Hessen deutlich zurückgegangen. Das liegt wohl an Ermittlungserfolgen und an vorbeugenden Maßnahmen wie Banknotenfärbe- und Vernebelungssystemen.

Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) sagte der dpa: „Hessen hat bei den Geldautomatensprengungen gezeigt, wie man Organisierte Kriminalität wirksam bekämpft“. Die Zahl der Sprengungen im Land sank nach seinen Angaben von 61 im Jahr 2023 auf sechs im Jahr 2025. Auch 2026 zählte die Polizei bisher sechs solcher Taten. Drei davon blieben im Versuch stecken, drei Sprengungen brachten keine Beute.

Dieser Erfolg ist Poseck zufolge das Ergebnis einer „klaren Strategie“, die auch bei der Bekämpfung von „Violence as a Service“ hilft. Eine eigene Taskforce im LKA bilde eine Struktur, die operative, analytische und präventive Kompetenzen bündele. Wir bleiben nicht bei den Tätern am unteren Ende der Kette stehen, sondern nehmen gezielt Auftraggeber, Rekrutierer und Logistiker ins Visier, denn dort liegt die eigentliche Bedrohung“, erläuterte Poseck.

Oft junge Menschen für eine „Mission“ angeworben

Chefermittlerin Prenzel zeigte sich überzeugt, „dass wir noch eine Zeit lang mit diesem Phänomen zu tun haben werden“. Seit 2024 nehme das LKA „Violence as a Service“ gezielt in den Blick, derzeit mit „Prüffällen im mittleren zweistelligen Bereich“. Sehr wahrscheinlich sei es in Hessen schon um 2021 zu Einzelfällen mit beauftragten Gewalttaten gekommen, ergänzte die stellvertretende LKA-Abteilungsleiterin für Schwere und Organisierte Kriminalität.

Die oft jungen Täter werden über Messengerdienste und Gaming-Plattformen in den Niederlanden und anderen Ländern für wenig Geld für eine „Mission“ angeworben. „Sie kennen ihre Auftraggeber nicht, sie wissen nicht genau, was sie erwartet“, erklärte Prenzel. „Sie handeln oft aus Geltungssucht in ihrem Umfeld oder um sich luxuriöse Dinge leisten zu können.“

Nicht wenige würden auch nicht digital, sondern direkt von Bekannten angesprochen, wenn sie für Straftaten geeignet erschienen, ergänzte die LKA-Beamtin. „Es kann auch nicht nur um Sprengstoff- und Brandanschläge, sondern ebenso um Schusswaffengebrauch gehen“, sagte Prenzel.

Die möglichen Motive der Auftraggeber aus der Organisierten Kriminalität seien vielfältig. Sie reichten von der Einschüchterung von Konkurrenten im Drogenhandel oder von möglichen Zeugen in Gerichtsprozessen über Schutzgelderpressung bis hin zu Rache.

Datenanalysen gegen Kriminelle einsetzen

„Die Täter bekommen gar nicht immer ihren versprochenen Lohn, zum Beispiel wenn etwas schiefläuft“, erläuterte die Ermittlerin. „Sie müssen meist ihre Tatausführung mit der Handykamera dokumentieren.“ Unbekannte Fahrer bringen die unerfahrenen Täter zum Tatort. Diese hätten oft keine Ortskenntnisse, „sondern nur eine Adresse oder Koordinaten des Zielobjekts“. Ungeplante Sachbeschädigungen oder Verletzungen von Menschen seien somit nicht ausgeschlossen.

Überaus hilfreich bei der Aufklärung sei zudem die Polizei-Software „Hessendata“. Sie ermögliche es, „Daten zu analysieren, Informationen zielführend zu einem Bild zusammenzulegen, Gefahren schnell einzuschätzen, abzuwenden, Strukturen aufzuklären sowie Hintermänner festzunehmen“.

Die Software des US-Konzerns Palantir kann in Sekundenschnelle riesige Datenbestände durchkämmen. Sie ist allerdings wegen ihrer Dateiverknüpfungen und der Firmengründer Peter Thiel und Alex Karp umstritten. Kritiker stufen beide als weit rechts ein. Zahlreiche Bundesländer verzichten bewusst auf Palantir. Auch Hessen zeigt sich langfristig offen für eine europäische Lösung mit vergleichbaren Fähigkeiten. Die ist laut Experten jedoch nicht in Sicht. (dpa/che)