Sternenspaziergang über den Nachthimmel

Stand: 09.08.2026, 17:42 Uhr

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NASA image acquired April 18 - October 23, 2012 This new image of the Earth at night is a composite assembled from data acquired by the Suomi National Polar-orbiting Partnership Suomi NPP satellite over nine days in April 2012 and thirteen days in October 2012. It took 312 orbits and 2.5 terabytes of data to get a clear shot of every parcel of Earths land surface and islands. The nighttime view of Earth in visible light was made possible by the day-night band of the Visible Infrared Imaging Radiometer Suite. VIIRS detects light in a range of wavelengths from green to near-infrared and uses filtering techniques to observe dim signals such as gas flares, auroras, wildfires, city lights, and reflected moonlight. In this case, aurora Copyright: xpiemagsx piemagsspace-35425 ACHTUNG AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT

Aus dem All sind die Lichtglocken der Ballungsgebiete und großen Städte deutlich zu erkennen. © IMAGO/IMAGO/piemags

Die hessische Stadt Tann schaltet seit 2013 nachts die Straßenlampen ab. Sternenparkkoordinatorin Sabine Frank führt durch den dunklen Nachthimmel der Rhön.

Gut zwanzig Minuten sind es noch, bis der Sternenspaziergang hier in Tann in der Rhön stattfinden soll. Ich kaufe ein Wasser und schaue mich um: ein Brunnen, verziert mit roten Geranien in Blumenkästen. Musik spielt. Die Kneipe vor dem Rathaus schenkt aus. Ein Musikmacher zupft an seiner Gitarre. Schon wagt ein älteres Pärchen ein Tänzchen, die Stimmung ist gut.

Die beruehmte Himmelsscheibe von Nebra iat ab Donnerstagabend (20.09.18) in der grossen Archaeologie-Ausstellung Bewegte Zeiten. Archaeologie in Deutschland im Berliner Gropius-Bau in der Abteilung Sonne, Mond und Sterne zu sehen. Die Himmelsscheibe von Nebra ist eines der Highlights der neuen Sonderausstellung. Insgesamt sollen in der Ausstellung bis 6. Januar die spektakulaersten archaeologischen Neufunde der vergangenen 20 Jahre von der Steinzeit bis ins 20. Jahrhundert praesentiert werden. Zu sehen sind mehr als 1.000 Exponate aus dem gesamten Bundesgebiet. Anhand der vier Themen Mobilitaet, Konflikt, Austausch und Innovation werden die praesentierten Objekte die Folgen ueberregionaler Interaktion auf persoenlicher, wirtschaftlicher und kultureller Ebene erfahrbar gemacht. (Siehe epd-Meldung vom 20.09.2018). Himmelsscheibe von Neb Copyright: epd-bild/RolfxZoellner

Ein sehr alter Kalender. © Rolf Zoellner/IMAGO/epd

Ein Typ, der nicht mitfeiert, sondern dasteht und auf seinen Block kritzelt. Das muss auffallen. Ein Kind kommt vorbei. „Was machst du da?“ Ich erkläre, dass ich Journalist für eine Zeitung bin, und schreibe weiter Beobachtungen auf.

Die Serie

Nahaufnahme heißt die Serie der Frankfurter Rundschau, mit der wir einen tieferen Blick auf Frankfurt und die Region werfen wollen. In großen Reportagen zeigen wir auf, wie die Menschen im Rhein-Main-Gebiet leben und arbeiten.

Wir wollen wissen, was sie bewegt. Zu lesen sind
die Texte immer im Lokalteil der FR.

Es dauert nicht lange, da kommt der Bürgermeister auf mich zu. Ich kenne ihn bisher nicht. „Matthias Gelbe“ stellt er sich vor. Parteilos, lese ich später nach. Ich fange gleich an, ihn nach der Nachtabschaltung in Tann zu fragen. Er bestätigt: „Ja, in Tann geht die Straßenbeleuchtung um elf Uhr aus.“ Die Nachtabschaltung habe Tann im Jahr 2013 eingeführt. Zunächst ab zwölf Uhr, „als Kind der Konsolidierung“, wie Gelbe es formuliert. Seit dem Angriff auf die Ukraine dann noch mal früher um elf Uhr. Wobei es durchaus Stimmen gebe, die zwölf besser finden, sagt Gelbe.

Ich will den Bürgermeister weiter zu Tann als Teil des Sternenparks Rhön fragen, aber da kommt die eigentliche Protagonistin dieser Geschichte an und begrüßt den Bürgermeister. Sabine Frank ist Sternenparkkoordinatorin und führt uns an diesem Mittwochabend durch einen astronomischen Sternenspaziergang, neben ihrem Hauptberuf als Koordinatorin des Sternenparks Rhön. Sie begrüßt den Bürgermeister wie einen alten Bekannten. Sind die beiden ja auch, schließlich „kenne ich den ja auch schon, seit er so ist“, erklärt Frank später nach der Führung und senkt ihre Hand auf die Höhe ihrer Hüfte.

Schon nach den ersten Sätzen merkt man: Sabine Frank ist eine engagierte Powerfrau. Dazu passt ihr Erscheinungsbild. Ein Zopf hängt verwegen zur Seite, unter dem schräg geschnittenen Pony schnellt ihr durchdringender Blick hervor. Wenn sie redet, brechen die Worte regelrecht aus ihr heraus. Ihre schwarzen Sandalen hat sie mit Ansteckbuttons verziert, „um sie bunter zu machen“, wie sie erklärt. Wer ganz genau hinsieht, kann durch die Anstecker auf ihre politische Haltung schließen: antifaschistische Veganerin. Und passionierte Kämpferin für die Dunkelheit. „Um die Welt zu retten, würden zwei Sachen reichen: Fleisch vom Teller und Licht aus.“

Sabine Frank und Bürgermeister Gelbe sind zum Museumsdorf hinübergegangen. Schon warten rund 20 Sternenbegeisterte, dass es losgeht. Es ist neun Uhr abends und noch hell. Das Museumsdorf wird gerade saniert, und so müssen alle an einem zur Seite geschobenen Bauzaun vorbeischlüpfen.

Als Glühwürmchen weg waren, wurde sie aktiv

Die Musik vom Café tönt herüber, als Sabine Frank ihre Sternenführung mit einer Anekdote über Glühwürmchen beginnt. Sie könne sich noch an die Zeit erinnern, als es in Tann keine Straßenlampen gab. Als sie dann installiert wurden, gab es auf einmal keine Glühwürmchen mehr. „Das habe ich nie richtig verkraftet, und seither engagiere ich mich für den Schutz der Dunkelheit.“

Franks Vorschlag: einfach mal abschalten.

Sabine Franks Vorschlag: einfach mal abschalten. © Sternenpark/Hänel

Frank holt weit aus. Sehr weit, genau genommen beim Sesshaftwerden der Menschen. Um sich zu verabreden, brauchten die Menschen Zeiteinteilung, sagt Frank, und dafür benötigten sie Kalender. Sie holt eine grüne Scheibe hervor, eine Reproduktion der Himmelsscheibe von Nebra. Sie wurde 1999 in Sachsen-Anhalt gefunden. Die Scheibe gelte als die älteste konkrete Darstellung des Sternenhimmels und funktioniere als Kalender, der zwei bestimmte Tage im Jahr markiere. Frank deutet auf eine Ansammlung von goldenen Punkten neben dem Abbild eines Sichelmonds. „Das sind die Plejaden“, erklärt Frank. Am Nachthimmel seien sie besonders auffällig, weil der Sternhaufen so eng beieinanderstehe. Es gebe nur genau eine Nacht im Jahr, in der die Plejaden und der vier Tage alte Sichelmond wie auf der Scheibe abgebildet unmittelbar nebeneinander zu sehen sind. Nämlich am 22. März. Im Herbst dann, am 26. Oktober, stehen die Plejaden unmittelbar neben dem aufgehenden Vollmond. Auch diese Konstellation ist auf der Scheibe festgehalten. Frank will mit der Himmelsscheibe verdeutlichen: Anhand der Stellung der Himmelskörper konnten Menschen zeitlich verbindliche Absprachen treffen.

„Früher war der Himmel den Menschen viel präsenter.“ In dieser Aussage schwingt ein Teil von Sabine Franks Einsatz für die Dunkelheit mit, den sie den Gästen der Sternenführung größtenteils vorenthält. Und dieser Einsatz geht weit über ihre Stelle als Koordinatorin des Sternenparks Rhön hinaus. Auf ihrem Blog https://naturnacht-fulda-rhoen.de veröffentlicht sie Informationen dazu. Und auch nach der Führung, als die Dunkelheit schon längst hereingebrochen und der Mond über dem Tanner Kirchturm aufgegangen ist, nimmt sie sich auf der Schwelle des schwach beleuchteten Naturmuseums sitzend Zeit, mich zweieinhalb Stunden über Lichtverschmutzung und ihre Auswirkungen auf Mensch und Natur aufzuklären.

Frank deutet auf eine helle Wolke am Horizont. „Das ist der Skyglow von Fulda.“ Eine solche Lichtglocke entsteht, wenn Staubteilchen und Wolken das Licht der Stadt reflektieren. Das hat Auswirkungen auf das Ökosystem. Die Forschung habe gezeigt, dass einige Insekten ihr Verpuppungssignal durch störenden Lichteinfluss verpassen, selbst wenn die eigentliche Lichtquelle kilometerweit entfernt sei. So könne es zu Populationsausfällen kommen. Die Abfolge von Hell und Dunkel, die Mondphasen, die Länge des Tageslichts, all das diene der Natur als elementares Signal. Werde es durch künstliches Licht gestört, habe das schwerwiegende Auswirkungen auf das Ökosystem.

In Frankreich ist bei Kommunen die Nachtabschaltung, wie sie auch in Tann praktiziert wird, weit etablierter als hierzulande. Von dort kommt eine Studie der Unité Mixte de Service Patrimoine Naturel, an der auch Forschende des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei mitgewirkt haben. Sie betont den schädlichen Einfluss von nächtlichem, künstlichem Licht auf die Biodiversität. Licht könne einerseits als Barriere für nachtaktive Tiere wirken, so die Studie. Andererseits werden Vögel, Fledermäuse und Insekten von künstlichem Licht angezogen. Wenn sie abstürzen und sterben, fehlen sie an anderer Stelle im Ökosystem. „Lichtverschmutzung gilt daher heute als eine der Ursachen für den globalen Insektenrückgang und den allgemeinen Verlust der Biodiversität“, so Mitautor Franz Hölker vom Leibniz-Institut, der seit mehr als zehn Jahren zu Lichtverschmutzung und Biodiversität forscht, in einer Pressemitteilung. Die Studie plädiert dafür, Dunkelheit in Naturschutzkonzepte einzubeziehen. Ziel solle sein, so die Studie, eine dunkle Infrastruktur zu schaffen. Orte ohne Lichtverschmutzung sollten durch Dunkelkorridore miteinander verbunden sein.

Nicht nur Tiere, auch Menschen benötigten die Abwesenheit von Licht, ergänzt Frank, die immer noch auf der Schwelle des Naturmuseums sitzt. Melatonin sei ein uraltes Dunkelhormon. Es komme in Einzellern vor, in Pilzen, in Bäumen, bei Hund, Katz und Maus, und eben auch in Menschen. Es diene der Regeneration, der Tumorunterdrückung und der Zellerneuerung. Fehlt die Dunkelheit, werde das Melatonin gedrosselt und vermehrt das Stresshormon Cortisol gebildet.

All diese Argumente bringt Frank, um sie in einen politischen Vorschlag zu stecken: die flächendeckende Nachtabschaltung. Anstatt dass Straßenlaternen nachts die Fahrbahn hell erleuchten, sollen sie dunkel bleiben. Franks Vorschlag mag zunächst realitätsfern erscheinen. So sehr sind die beleuchteten Nächte zum Teil unserer Welt geworden, dass wir uns eine unbeleuchtete Stadt in der Nacht gar nicht mehr vorstellen können. Je mehr sie aber auf mich einredet – nur hin und wieder kann ich, ebenfalls auf der Schwelle sitzend, ihre Argumentation durch kurze Einwände und Fragen unterbrechen –, desto umsetzbarer und sinnvoller erscheint mir die Idee.

Politisch sind die größten Hürden Bedenken zur Sicherheit. Deshalb hat Frank ein ganzes Arsenal von Gegenargumenten parat. Dunkelheit gehe in den Köpfen vieler Menschen automatisch einher mit Gefahr. Dabei sei nicht die Abwesenheit von Licht die Gefahr, meint Sternenkämpferin Sabine Frank, sondern vielmehr die Einsamkeit. Die Angst, potenziell Opfer einer Gewalttat zu werden, werde vermittelt durch die Kultur, die Dunkelheit mit Gefahr in Verbindung bringe. Dabei sei die Abwesenheit von Licht nichts, wovor man Angst haben müsse, sagt die Verfechterin der Dunkelheit.

An dieser Stelle wird ein Detail aus ihrem Lebenslauf wichtig. Bevor Sabine Frank zur Sternenparkkoordinatorin avancierte, war sie in einer Opferambulanz tätig. Sie half Opfern von häuslicher Gewalt, diese zu dokumentieren, ohne gerade traumatisiert zur Polizei zu müssen.

Deshalb weiß sie, dass die Gefahr für Frauen viel öfter vom männlichen Umfeld droht, als vom finsteren Fremden auf der Straße. Um Frauen zu schützen, sollte man nicht Straßen ausleuchten, sondern Mittel in Prävention stecken, denn das helfe wirklich. Politik solle sich nicht an subjektiven Gefühlen ausrichten, sondern an objektiver Wirklichkeit, meint Frank.

Noch an einem anderen Punkt wird Sabine Frank fuchsig. Nämlich wenn es um Berichterstattung über Verbrechen in der Nacht geht. In solchen Fällen heiße es nur zu oft, „nachts“ sei diese oder jene Straftat begangen worden. Oft schwinge so mit, dass es dunkel gewesen sei. Über die tatsächlichen Lichtverhältnisse sage das aber nichts aus. Oft verhindere Beleuchtung Straftaten nicht. Frank wagt sogar zu behaupten, Einbrecher:innen hätten es durch die Beleuchtung leichter, ihr Werk zu verrichten – weil sie nicht selbst für Helligkeit sorgen müssen.

Im Dunkeln gibt es nicht mehr Straftaten

Die Statistik zeigt, dass Nachtabschaltungen nicht mit einer Zunahme von Straftaten einhergehen. Das zeigt das Beispiel Gütersloh, einer Stadt mit knapp 100.000 Einwohner:innen. Von Oktober 2022 bis Februar 2026 blieb die Straßenbeleuchtung nachts mehrere Stunden ausgeschaltet. Ausgenommen waren Zebrastreifen, deren Beleuchtung per Gesetz vorgeschrieben ist. Zuletzt blieben die Lampen werktags von 0 bis 4 Uhr sowie Freitag- und Samstagnacht von 3 bis 5 Uhr aus. Der Stadtrat hatte die Nachtabschaltung zunächst zweimal verlängert. Anfang Februar stimmte er allerdings für die Wiedereinführung der durchgehenden Beleuchtung.

Gründe hierfür waren unter anderem die Unzufriedenheit von Berufstätigen mit frühem Arbeitsbeginn. Außerdem spiele die Beleuchtung für das subjektiv empfundene Sicherheitsgefühl eine Rolle, so die Stadt. Die Polizei habe keine Zunahme von Straftaten oder Unfällen registriert, als die Lampen ausgeschaltet blieben. Pro Jahr entstünden durch die durchgehende Beleuchtung „zusätzliche Kosten von etwa 35.000 Euro und zusätzliche CO₂-Emissionen in einer Größenordnung von etwa 300 Tonnen“, so die Stadt.

Kommen wir von Gütersloh wieder zurück nach Tann. Sabine Frank steht auf dem Saurasen im Museumsdorf. Um sie herum hat das Publikum der Sternenführung Platz genommen und sitzt auf einer schmalen Bühne vor der Mauer des Museumsdorfs. Es wird immer dunkler. Ab und an schwirrt eine Fledermaus über Franks Kopf hinweg. Sie ist dazu übergegangen, eine kleine Laterne in der Hand zu halten, die Sonne. In der anderen Hand ein Modell der Erde an der Achse. Sie stellt nach, wie sich die Erde um die Sonne und um sich selbst dreht, und muss sich ganz schön verrenken. So demonstriert sie, warum der Nachthimmel im Winter mit anderen Sternen bestückt ist als im Sommer. Es ist schwer, sich selbst als Punkt auf einem sich drehenden Planeten im All vorzustellen. Aber ihre Erklärungen machen es anschaulich.

Dann erzählt Frank den Persephonemythos, „entschwurbelt“, so nennt sie es, die Sternzeichen von der Astrologie, und deutet zu guter Letzt mit ihrem grünen Laserpointer in den Himmel. Sie zeigt den Adler, die Leier und den Schwan. Da, eine Sternschnuppe! Sabine Frank hat es geschafft, dass ein kleiner Teil ihrer Begeisterung für den Sternenhimmel und die Dunkelheit übergesprungen ist.