KI-Stimme. Info
- Nach der verheerenden Sturzflut in Nepal werden mehr als 4000 Menschen weiterhin vermisst, darunter drei Deutsche
- Die heftige Sturzflut hat mindestens 903 Menschen das Leben gekostet
- Die Flut wurde vermutlich durch einen Erdrutsch oder den Ausbruch eines Gletschersees ausgelöst, genaue Untersuchungen laufen noch
Nach der verheerenden Flutkatastrophe im Himalaya-Gebiet ist die Zahl der Todesopfer auf rund 903 gestiegen. Mehr als 4000 Menschen werden nach Angaben der Behörden in Nepal und China vermisst – darunter Hunderte Ausländer. In Nepal sprang die Zahl der Vermissten deutlich auf 4.247, darunter 592 Ausländer. In China sind 546 Menschen als vermisst registriert, darunter drei Deutsche.

Von einer „hohen einstelligen Zahl“ deutscher Staatsangehöriger, zu denen es keinen Kontakt gebe, sprach das Auswärtige Amt in Berlin auf Nachfrage. Die deutschen Auslandsvertretungen in Nepal und China stünden mit Angehörigen und örtlichen Behörden in engem Kontakt.
In Nepal hatte die Armee am Freitag eine vierköpfige Familie aus Deutschland gerettet. Ein Hubschrauber hatte sie in das Armeecamp Battar Bazar gebracht, weil von ihrem Aufenthaltsort über den Landweg kein Weiterkommen mehr möglich war.

Dieser von der staatlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua zur Verfügung gestellte Screenshot aus einem Videoclip zeigt die laufenden Such- und Rettungsmaßnahmen im von einer Sturzflut betroffenen Gebiet im Kreis Gyirong. © XinHua/dpa | XinHua/dpa
Merz spricht Nepal und China nach Katastrophe sein Mitgefühl aus
Bundeskanzler Friedrich Merz übermittelte Nepal und China sein Mitgefühl. „Unsere Gedanken sind bei den Opfern, ihren Familien und allen Menschen, die durch die Katastrophe ihr Zuhause verloren haben. Den Verletzten wünsche ich eine rasche und vollständige Genesung“, schrieb Merz in einem Kondolenztelegramm an den Ministerpräsidenten von Nepal, Balendra Shah. In dem Schreiben an Chinas Staatspräsidenten Xi Jinping drückte Merz ebenfalls seine große Bestürzung angesichts des Ausmaßes des Unglücks aus.
Auch interessant
Derweil kämpfen die Rettungskräfte weiter gegen gewaltige Schlamm- und Geröllmassen, bei teils heftigem Regen, wie ein dpa-Reporter vor Ort berichtete. Asien steckt derzeit noch in der normalerweise bis September dauernden Monsun-Regenzeit. „Der schwierigste Teil ist der abgelagerte Schlamm als Folge der Flutwelle“, sagte Armeesprecher Raja Ram Basnet im nepalesischen Battar Bazar an der Grenze zu Tibet.

Anwohner betrachten die Verwüstungen, die Sturzfluten im nepalesischen Distrikt Nuwakot hinterlassen haben. © Rajesh Kumar Singh/AP/dpa | Rajesh Kumar Singh
China: Neue Gefahr vor erneuter Überschwemmung
Die Einsatzkräfte mussten ihre Rettungsarbeiten im Zentrum des Katastrophengebiets in Tibet vorübergehend unterbrechen. Grund ist die Gefahr einer weiteren Überflutung. Hinter Schlamm- und Geröllmassen hat sich ein See gebildet, der nun über die Ufer zu treten beginnt, wie der chinesische Staatssender CCTV am Freitag berichtete. Die Rettungsteams wurden deshalb angewiesen, sich einen Kilometer zurückzuziehen und auf weitere Anweisungen zu warten.
Die Polizei in Nepal hat angesichts von Berichten über einen Dammbruch in Tibet vor Überschwemmungen in dem Katastrophengebiet gewarnt. Alle Einsatzkräfte und Bürger würden aufgefordert, wachsam zu bleiben und sich sofort an einen sicheren Ort zu begeben, erklärte die Polizei am Freitag. Hintergrund seien Informationen, wonach auf der tibetischen Seite Wasser aus einem See ausgetreten sei, der durch den Gletscherabbruch entstanden sei – dieser hatte die verheerende Flut mit hunderten Toten am Mittwoch ausgelöst.
Auch interessant
Sturzflut in Nepal: Video zeigt Wucht, mit der das Wasser kam
Die Sturzflut war am Mittwochmorgen über den Fluss Bhotekoshi im Gebirgsmassiv Langthang Himal nahe der Grenze zu Tibet hereingebrochen. Nach ersten Einschätzungen des Katastrophenschutzes (NDRRMA) wurde die verheerende Flut womöglich durch das plötzliche Freiwerden des Flusses auf der tibetischen Seite ausgelöst, der zuvor durch einen Erdrutsch aufgestaut worden war. Derzeit werde untersucht, ob der Ausbruch eines Gletschersees Ursache für den Erdrutsch war.
Bilder und Videos aus dem Gebiet im Himalaya legten ein erschreckendes Ausmaß der Zerstörung nahe. Die nepalesische Armee flog Hunderte Menschen aus dem betroffenen Gebiet aus.
Die Armee hatte die Menschen nach eigenen Angaben aus den Gebieten Timure, Dhunche und Mailung aus der Luft evakuiert. Viele Soldaten seien darüber hinaus an den Such- und Rettungsmaßnahmen beteiligt und leisteten notfallmedizinische Hilfe, hieß es weiter.
Video zeigt Ausmaß der Zerstörung
Die Nachrichtenagentur Reuters verifizierte die folgenden Aufnahmen anhand der Gebäude, des Flusses, des Straßenverlaufs und der Geländestruktur. Diese Merkmale stimmen laut Reuters mit Archiv- und Satellitenbildern der Gegend überein. Auch das Aufnahmedatum sei anhand des Zeitstempels bestätigt worden.
„Ich habe gesehen, wie die Fluten acht oder neun Lastwagen mit sich rissen, außerdem Häuser und Menschen“, sagte der Lehrer Suman Chalise aus dem nepalesischen Bezirk Nuwako der Presseagentur afp. „Es war absolut entsetzlich. So eine Zerstörung habe ich noch nie gesehen.“ Raju Bhadel, ein weiterer Zeuge, wird so zitiert: „Ich habe heute Morgen einen Anruf von meinem Schwager erhalten und sie weinten und sagten, ihr gesamtes Haus sei weggespült worden. Drei Familienmitglieder konnten gerettet werden, aber sein Bruder wird noch vermisst.“

Luftaufnahme beschädigter Häuser in Trishuli Bazar © EPA | Narendra Shrestha
Die Regierung von Premierminister Balendra Shah hat Einheiten der Armee für Such- und Rettungseinsätze mobilisiert. Medizinische Teams, Pfadfinder und das Rote Kreuz wurden für Hilfsmaßnahmen ins Katastrophengebiet entsandt. Auch kündigte das katholische Hilfswerk Caritas Nepal auf Facebook Hilfe für die Betroffenen an. Die Behörden appellierten an die Bewohner am Fluss Trishuli, in den der Bhotekoshi mündet, sich in sicherere Gebiete zu begeben. Unterdessen befürchten Chinas Behörden mögliche weitere Fluten. Auf nepalesischer Seite habe sich an einer Flussmündung ein Stausee gebildet, berichtete das chinesische Staatsfernsehen unter Berufung auf das Ministerium für Wasserressourcen, es bestehe das Risiko eines Dammbruchs.
Auch interessant
Forscher vermuten Gletscherabbruch als Ursache der Sturzflut
In den kommenden Tagen wollen die Ermittler noch die genaue Ursache für die Sturzflut feststellen. Wie „The Kathmandu Post“ berichtet, könnte eine Eislawine den Fluss Lhende blockiert und dadurch die plötzliche Flutwelle im Bhotekoshi ausgelöst haben. Zu dieser ersten Einschätzung kommt Rijan Bhakta Kayastha, Klimaforscher an der Kathmandu University. „Etwa zur gleichen Zeit ereignete sich auch ein Erdbeben auf der tibetischen Seite“, sagte er gegenüber dem Medium.

Die verheerende Sturzflut hat mehrere Häuser und Fahrzeuge beschädigt.© AP/dpa | Niranjan Shrestha
Auch die US-Erdbebenwarte USGS kommt zu einem ähnlichen Schluss: Demnach sei die Sturzflut von einem Gletscherabbruch ausgelöst worden. Die USGS, die zunächst ein Erdbeben als Ursache für das Unglück vermutet hatte, erklärte am Donnerstag, die gemessene seismische Aktivität sei auf die abgehende Eis- und Gerölllawine zurückzuführen gewesen.
Hilfen aus dem Ausland zugesagt
Die USA sagten Nepal Hilfe mit Notunterkünften, frischem Wasser und anderen Hilfsgütern zu. Insgesamt belaufe sich die Katastrophenhilfe auf 500.000 US-Dollar (rund 430.000 Euro), teilte das Außenministerium mit.
Lesen Sie auch
Aus dem Ausland kamen zahlreiche Beileidsbekundungen. Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) sprach den Betroffenen und Rettungskräften in der Region auf X sein Mitgefühl aus. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) signalisierte Nepal Deutschlands Bereitschaft für Unterstützung. UN-Generalsekretär António Guterres sagte der Regierung in Nepal Hilfe durch Teams der Vereinten Nationen zu. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen versprach, europäische Unterstützung zu mobilisieren. Der Erdbeobachtungsdienst Copernicus sei zur Kartografierung der betroffenen Gebiete aktiviert worden, schrieb sie auf X.
Auch der Dalai Lama tat seine Bestürzung kund. Er bete für alle, die ihr Leben verloren hätten, und spreche den Hinterbliebenen sowie allen von dieser Tragödie Betroffenen sein Mitgefühl aus, teilte das Glaubensoberhaupt der Tibeter mit. „Da diese Region bereits in der Vergangenheit von Katastrophen heimgesucht wurde, sind dies sicherlich Anzeichen für eine tiefer liegende Ursache – sei es der Klimawandel oder andere Faktoren“, hieß es in der Mitteilung weiter. Er hoffe, dass geeignete Folgemaßnahmen ergriffen würden, damit sich solche Katastrophen nicht wiederholten, erklärte er.
pau/dpa/afp/kna