Sugar-Daddy gesucht: In der Krise hoffen kubanische Frauen auf zahlungskräftige Ausländer
Die Bekämpfung von Prostitution war eines der grossen Anliegen der kubanischen Revolution. Das ist gescheitert. Angesichts der Armut im Land sehen viele Kubanerinnen Prostitution oder die Beziehung zu reichen Ausländern als ihren letzten Ausweg.
23.07.2026, 05.30 Uhr
8 Leseminuten

Fahrten in bunten Oldtimern: Das Angebot in Havanna wird derzeit wenig nachgefragt. Wegen der Krise bleiben die meisten Touristen aus.
Ernesto Mastrascusa / EPA
Rauch steigt auf zwischen den zerfallenden Häusern von Centro Habana, dem am dichtesten bevölkerten Bezirk von Havanna. Und einem der ärmsten. Jemand hat den Abfall, der sich seit Monaten auf den Strassen ansammelt, in Brand gesetzt. Nun steigen Wolken von Fliegen aus dem brennenden Haufen auf. In einer Strassenbar wenige Meter weiter setzen sich die Insekten auf die Bierdosen und krabbeln über die Teller mit den Pizzastücken.
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«Zahlt ihr uns etwas zum Essen und Trinken?», fragen die Jugendlichen, die an einem Tisch vor der Bar sitzen. Die beiden älteren Herren aus Europa nicken. Die Gruppe junger Kubaner hatte sie angesprochen; sie hätten kein Geld. Und die Europäer zeigen sich spendabel. Heute geht alles auf sie.
Eine magere Frau in Top und engen Hotpants gesellt sich zu den Trinkenden. Sie sei 39 Jahre alt, sagt sie. Für ein Stück Pizza und ein Bier könnten die Ausländer mit ihr hoch in ihre Wohnung gehen, schlägt sie vor und lässt ihr Gesäss provokativ vor den Augen der Ausländer kreisen. Doch die beiden Männer haben schon zwei Mädchen erspäht, für die sie sich mehr interessieren. Nach eigenen Angaben sind diese 18 Jahre alt. «Die beiden Mädchen sind auf der Jagd nach Sugar-Daddys», da sind sich die Männer sicher. Ihnen scheint das zu gefallen.
Sponsoren fürs Leben gesucht
«Sugar-Daddys» – das sind mehr oder weniger betuchte Männer, die Kubanerinnen und Kubanern im Tausch gegen Gefälligkeiten finanziell aushelfen. Oft geht es um Sex. Sugar-Daddys sind sowohl Touristen, die eine Begleitung in den Ferien suchen, als auch reiche Kubaner oder Exilkubaner, die regelmässig aus den USA hierherkommen. Nicht nur Frauen, sondern auch heterosexuelle und homosexuelle Männer sowie Transpersonen bieten ihre Dienste an, sie sind im Strassenbild einfach weniger sichtbar.
Frauen, die irgendwo zwischen regulärer Sexarbeit und einem Sich-aushalten-Lassen unterwegs sind, werden im Slang «jineteras» genannt, «Reiterinnen». So lässt sich der harte Begriff «Prostituierte» vermeiden und der Überlebenskampf der Frauen umschreiben. Seitdem der amerikanische Präsident Donald Trump Kuba mit Sanktionen immer tiefer in die Krise treibt, suchen die «jineteras» noch verzweifelter nach potenten Sugar-Daddys.
Sie brauchten Geld für ihre Kinder, für Babynahrung und Milch, erzählen zwei Frauen, die an der Uferpromenade Malecón mit einem Touristen Bier trinken. Die Väter ihrer Kinder zahlten nichts, erzählen sie. Überhaupt sei auf kubanische Männer kein Verlass. «Die werden nie erwachsen, benehmen sich selbst mit vierzig noch wie kleine Jungen», sagt eine der Frauen. «Und kleine Jungen habe ich schon zwei daheim.»
Die dunkelhäutige Frau trägt kurze Haare und ein enges weisses Kleid. Sie sei Anfang zwanzig, sagt sie, genauso alt wie die hellhäutige Freundin mit den langen Haaren und den spitzen künstlichen Nägeln. Auch diese Frau hat zwei kleine Kinder. «Wenn jemand mich und die Kinder mit in die USA nimmt, bin ich sofort weg», sagt sie.
Ob man nicht hoch in ihr Zimmer gehen wolle, schlägt die Frau mit dem weissen Kleid dem Touristen vor. Die Freundin mit den spitzen Nägeln könnte auch mitgehen, wenn man das wolle. «Meine Schwester passt so lange auf die Kinder auf.» Sie zeigt auf die Kleinkinder, die vor einem maroden Haus spielen. Der hintere Bereich des Hauses falle bereits in sich zusammen, sagt die Frau.
Der Tourist zahlt die Biere, gibt den beiden Frauen jeweils 2000 Pesos – rund drei Dollar –, damit sie etwas für die Kinder kaufen können, und geht seiner Wege.

Tourismus auf dem Platz der Revolution in Havanna.
NZZ
Das Sündenbabel der Karibik
Bereits während der spanischen Kolonialzeit gab es in Havannas Altstadt Bordelle, in denen sich die im nahen Hafen angekommenen Seeleute vergnügten. Als nach dem Zweiten Weltkrieg der Tourismus auf Kuba zum grossen Geschäft wurde, wuchs auch das Rotlichtgewerbe. In der Altstadt sowie dem angrenzenden Bezirk Centro Habana gab es ganze Strassenblöcke, in denen das Sexgewerbe florierte. Die Prostitution war damals Teil einer Vergnügungsindustrie, die die amerikanische Mafia gemeinsam mit dem korrupten Regime des Diktators Fulgencio Batista kontrollierte.
Neben Luxushotels an Kubas Stränden entstanden damals in der Hauptstadt Spielkasinos und Nachtklubs, in denen reiche Amerikaner und Europäer auf Kubanerinnen trafen. In Havanna, dem «Paris Amerikas», könne man «schwarzäugige Señoritas» kennenlernen, versprach die Werbung. So galt Kuba in den fünfziger Jahren als das Sündenbabel der Karibik. Bis zu 100 000 Prostituierte soll es auf der Insel gegeben haben, davon mehr als 10 000 in Havanna.
Kuba sei das «Bordell der Amerikaner», und die Prostituierten seien Opfer des von den USA nach Kuba eingeschleppten Kapitalismus, kritisierte der Revolutionsführer Fidel Castro. Nach Batistas Sturz 1959 ordnete er Kampagnen gegen die Prostitution an, die die Kommunisten als «soziale Krankheit» ansahen. Der sozialistische Staat kümmerte sich nun mit Lebensmittelzuteilungen, mietfreien Wohnungen sowie Fortbildungsmassnahmen um die Frauen.
Offiziell galt die Prostitution rasch als ausgemerzt, Prostituierte verschwanden aus dem Strassenbild. Doch «Sugar-Dating» mit Ausländern oder einflussreichen Einheimischen blieb auch im sozialistischen Kuba ein Weg, die eigene Lebenssituation zu verbessern.
Als 1991 die Sowjetunion zusammenbrach, die Kuba jahrzehntelang über Wasser gehalten hatte, stürzte die Insel in die Krise. Mit dem Tourismus, der nun Devisen bringen sollte, blühte die Prostitution wieder auf. Dass Castro 1993 den Kubanern überraschend erlaubte, Dollar zu besitzen, war ein Zugeständnis an die neuen Realitäten. Seine Aussage aus jener Zeit, dass Kuba dank dem Sozialismus die gesündesten und gebildetsten Prostituierten der Welt habe, klang wie Hohn.
Zwar versuchten die Behörden, Kontakte zwischen Ausländern und Kubanern zu unterbinden. So reichte es schon aus, Touristen anzubetteln, um von der Polizei verhaftet zu werden. Wurde ein Pärchen von den Behörden aufgegriffen, musste nur der Kubaner oder die Kubanerin Konsequenzen fürchten. Die Devisen ins Land bringenden Touristen blieben dagegen unbehelligt, erzählt ein Europäer, der seit Jahrzehnten in Kuba lebt. Harte Strafen drohen jedoch Touristen, die Sex mit Minderjährigen haben.
Generell bewegte sich die Prostitution rein rechtlich in einer Grauzone. Offiziell erlaubt, wurde sie jedoch als «die Gesellschaft zersetzend» geächtet. Das Verbot für Kubaner und Kubanerinnen, Touristenhotels zu betreten, wurde erst 2008 aufgehoben. Doch mit Schmiergeldern an Polizisten und Trinkgeldern für Hotelangestellte konnten Freier auch schon vorher knifflige Situationen lösen.

In den fünfziger Jahren (Bild) kontrollierte die amerikanische Mafia gemeinsam mit dem korrupten Regime des Diktators Fulgencio Batista Kubas aufkommende Vergnügungsindustrie.
Herbert C. Lanks / Hulton / Getty
Fünfzig Jahre Altersunterschied
Er habe im Jahr 2006 ein Privatzimmer mieten müssen, um ungestört mit seiner kubanischen Freundin – seiner «chica» – Zeit verbringen zu können, erinnert sich ein deutscher Tourist, der in einem Hotel in Havanna abgestiegen ist. Er sei damals 65 Jahre alt und auf Rundreise durch Kuba gewesen, als man ihm in einem Bordell in der Altstadt eine 16-jährige Kubanerin vermittelte habe. Dunkel und schön schlank sei sie gewesen, schwärmt der Rentner.
Im Anschluss an die erste Begegnung reiste er in jenem Jahr noch zweimal nach Havanna, um Zeit mit der 16-Jährigen zu verbringen. Zwanzig Euro habe er ihr damals pro Tag bezahlt. Ihre Familie wusste Bescheid, er besuchte sie mehrmals gemeinsam mit seiner «chica». Doch dann sei der Kontakt abgerissen. Auch weil er lieber nach Thailand flog, wo es unkomplizierter gewesen sei, junge Frauen zu treffen, wie er sagt.
Mittlerweile sei Thailand jedoch teuer, und der Mann bemängelt, die Mädchen seien dort nicht mehr ganz so schlank. So ist der mittlerweile 85-Jährige nach zwanzig Jahren zurück in Havanna, um seine Begleiterin von damals wiederzufinden. Er habe gehört, wie schlecht es den Kubanern gehe, und deshalb einen Koffer voll Kosmetikartikel und Batterien für sie mitgebracht.
Doch seine Bekannte von früher habe mittlerweile drei Kinder und lebe in Europa, habe ihm die Familie erzählt. Schade, findet das der 85-Jährige. «Nicht dass ich wieder etwas mit ihr anfangen wollte», stellt er klar. Mit Mitte dreissig sei sie schliesslich viel zu alt für ihn. Er hatte jedoch gehofft, dass sie ihm eine andere 16-Jährige vermitteln könnte.
Normale Touristen würden derzeit kaum noch nach Kuba reisen, sagt eine Unternehmerin aus Europa, die auf der Insel im Tourismusbereich arbeitet. Dafür kämen Sextouristen, für die die kubanische Krise geradezu attraktiv sei. «Es kommt das Übelste vom Üblen», kommentiert die Frau.
Papa Staat kann sich nicht mehr kümmern
Dass junge Frauen oft mit Duldung der eigenen Familie nach Sugar-Daddys suchten, hänge mit der prekären ökonomischen Situation zusammen, sagt eine in Havanna tätige Psychologin. Betroffen seien eher Schwarze und Mulatos, also Mischlinge, die oft nur eine rudimentäre Bildung hätten.
Zudem ist das System der staatlichen Lebensmittelzuteilungen am Rand des Zusammenbruchs. Das trifft vor allem alleinerziehende Frauen. Ehemänner und Väter stählen sich oft aus der Verantwortung, was an dem verbreiteten Machismo liege, erklärt die Psychologin. Zudem habe der sozialistische Staat mit seiner jahrzehntelangen Rundumversorgung dazu beigetragen, die Rolle der Männer als Versorger ihrer Familien zu schwächen.
Dem stünden die weissen Kubaner gegenüber, die eher über eine gute Bildung verfügten. Vor allem sie profitieren davon, dass seit einigen Jahren Privatunternehmen zugelassen sind, die oft besser bezahlen als der Staat. Jüngst hat die Regierung Reformen zur Ausweitung der Privatinitiative angekündigt. Doch Hoffnung, dass davon ein Grossteil der Kubaner profitieren könnte, spürt man in Kuba nicht. Die meisten Kubaner sind beim Staat angestellt, der meist weniger als 15 Dollar im Monat zahlt. «Wir tun so, als ob wir arbeiten, und der Staat tut so, als ob er uns dafür bezahlt», lautet hier das Motto.

An Havannas Uferpromenade Malecón versuchen viele arme Kubaner mit Touristen in Kontakt zu kommen, von denen sie sich zumindest etwas finanzielle Unterstützung erhoffen.
NZZ
«Kokain, Mädchen oder lieber Jungs?»
In einem Café auf der Calle San Rafael in Centro Habana sitzen vier Männer mittleren Alters, die Deutsch sprechen. Junge Kubanerinnen stehen in der Nähe, winken den Männern zu. «Willst du Kokain, Mädchen oder lieber Jungs?», fragt ein Mann einen Touristen. Junge Männer in Frauenkleidern warten daneben.
Wenn die Cafés am Abend schliessen, ziehen die leicht bekleideten Kubanerinnen weiter in die schmuddeligen Nachtklubs von Centro Habana. Nur wenige Ausländer haben sich hierher verlaufen, die meisten der Männer, die den Damen Getränke spendieren, sind Kubaner.
Trump würgt den Tourismus ab
Am nächsten Morgen erklingen karibische Rhythmen aus einer Bar am Parque Central am Eingang zur Altstadt. In normalen Zeiten tummeln sich hier Touristen rund um das Capitolio, das Teatro Nacional und einige traditionelle Hotels. Davor werden auch jetzt Fahrten in bunten Oldtimern angeboten. «Oder willst du lieber eine tolle Frau, Amigo?», fragt der Fahrer eines rosaroten Oldtimers einen Touristen. Momente später erscheint eine junge Dame, passend in rosarote Leggings und rosarotes T-Shirt gekleidet.
Gute Geschäfte sind hier rar geworden, seit Trumps Sanktionen gegen Kuba auch den Tourismus abgewürgt haben. Der Flughafen von Havanna kann seit Monaten keine Flugzeuge mehr betanken, weshalb kaum noch Flüge die Insel erreichen. Das trifft auch andere beliebte Touristenorte wie die alte Kolonialstadt Trinidad 300 Kilometer östlich von Havanna. Hier betteln Menschen die wenigen Ausländer an.
Es gebe kaum Alternativen zum Tourismus, sagt eine Frau Mitte dreissig, die in Trinidad als Tänzerin im Tourismussektor arbeitet. Ihr Gehalt beträgt 4000 Peso, umgerechnet 7 Dollar – ein in Kuba normales Gehalt. Obwohl sie keine Kinder habe, reiche das nicht zum Leben. So verbringt sie gegen Geld Zeit mit Touristen. Dabei kommt es auch zu Sex. Als Prostitution versteht sie das aber nicht. «Wir bauen eine Beziehung auf, auch wenn diese nur kurz dauert», sagt sie. «Die Ausländer sind Freunde, die mir helfen.»
Vor ein paar Jahren sei sie mit einer Tänzertruppe in Mexiko unterwegs gewesen und habe sich überlegt, sich in die USA abzusetzen, erzählt sie. «Doch damals ging es Kuba gerade gut, alle waren optimistisch.» Unter dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama war kurzzeitig Entspannung in die bilateralen Beziehungen gekommen, Millionen Touristen besuchten Kuba. Jetzt bereue sie, damals nicht in die USA gegangen zu sein. «Kuba ist ein sehr schönes Land. Aber es ist tot», sagt sie. «Jede Kubanerin will nur noch einen Ausländer heiraten und abhauen.»
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