Was wurde aus dem mutigen Kampf gegen die Diktatur in Minsk? Passen die Ideale von einst noch zum Alltag – im Exil und im Land selbst?
Foto: Itar Tass/imago
I ch verließ Belarus Ende 2020. Das war weniger als ein halbes Jahr nach der berüchtigten Präsidentschaftswahl. Seit ich weg war, schaute ich auf die Menschen von herab, die in Belarus geblieben waren. Ich gab ihnen die Schuld daran, dass sich mein Leben so abrupt verändert hatte: Sie hätten nicht genug gekämpft, sie seien feige gewesen, sie hätten die Freiheit nicht ausreichend geschätzt.
Jahrelang dachte ich, ich würde erst in ein Belarus der Zukunft zurückkehren wollen, in ein ideales Land, das zu einer vorbildlichen Demokratie geworden wäre. Solange dort aber alles so blieb, wie ich es verlassen hatte, empfand ich Belarus schlicht als abstoßend.
Später erfuhr ich, dass hinter meiner Art zu denken möglicherweise ein psychischer Schutzmechanismus steckte. Der Schock über meine erzwungene Ausreise war so groß, dass ich möglichst viele Bestätigungen dafür brauchte, dass ich die einzig richtige Entscheidung getroffen hatte. Und vor allem dafür, dass diese Entscheidung für alle anderen Menschen auch die richtige gewesen wäre.
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Heute denke ich nicht mehr so. Doch ich muss zugeben, dass diese Korrektur an meinem Ego kratzt. So gerne hätte ich mich für etwas Besonderes gehalten. Für einen besonders mutigen Menschen, der stets seinen Prinzipien treu bleibt und niemals von seinen Idealen abrückt.
Mit der Zeit habe ich erkennen müssen, dass ich ein ganz gewöhnlicher Mensch bin
Doch mit der Zeit habe ich erkennen müssen, dass ich ein ganz gewöhnlicher Mensch bin. Meine Ideale sind zwar nicht verschwunden, aber ich habe begonnen, mich mit der Realität des Alltags zu arrangieren.
Die Abkehr vom idealen Land
Die Abneigung gegen Belarus und seine Menschen ist verschwunden. An ihre Stelle ist eine große Trauer getreten. Heute wünsche ich mir Belarus nicht mehr bloß als ideales Land der Zukunft. Ich brauche es, wie es ist. Doch zugleich ist Belarus für mich unerreichbar.
Sechs Jahre nach jenen Präsidentschaftswahlen von 2020 wünsche ich mir, dass die Revolution nicht mehr nur um der großen politischen Ziele willen siegt. Zwar sind mir die Freilassung der politischen Gefangenen, das Ende der Repressionen, freie Wahlen, politische Machtwechsel und die Entwicklung einer starken Zivilgesellschaft nach wie vor wichtig.
Aber zu diesen großen Zielen sind inzwischen ganz einfache, menschliche Wünsche hinzugekommen: Ich möchte wenigstens wieder in meine Heimat reisen können. Ich möchte endlich das Grab meines Vaters besuchen, der starb, als ich bereits im Exil im Lettland lebte.
Die einfachen Ziele
Und was ist mit der Frage, die mich spätestens seit 2020 umtreibt: Warum setzen diejenigen, die das Land verlassen haben, ihren Kampf nicht massenhaft fort? Ist ihnen plötzlich alles egal: ihre Heimat, ihre dort gebliebenen Angehörigen, die Zukunft ihres Landes?
Gut möglich, dass einem Menschen, der in zwei Schichten arbeitet, um die Miete bezahlen und sich und seine Kinder ernähren zu können, all das in diesem Moment tatsächlich gleichgültig ist. Es heißt, in einer Notsituation müsse man wie im Flugzeug zuerst sich selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen und erst dann anderen helfen.
Wenn wir also über politischen Kampf und Revolution sprechen wollen, sollten wir mit einer anderen Frage beginnen: Hat der Mensch in Belarus überhaupt eine solche Maske?
Nasta Zakharevich ist belarussische Journalistin und lebt im Exil in Lettland. Sie war Teilnehmerin eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.
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