Ballett in Deutschland: Freiheit, Tradition und Zukunft

Die europäischen Höfe sind die frühen Bühnen des Tanzes. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts liegen die Anfänge einer Praxis, die den Tanz in Deutschland bis heute zu einer besonderen Kunst an den Theatern macht – und zu einer besonders erfolgreichen. An vielen Mehrspartenhäusern ist der Tanz am beliebtesten beim Publikum und hat die höchste Auslastung. Diese Erfolge sind historisch begründet. Wir haben in knapp 300 Jahren eine eigene Tradition entwickelt, einladende Arbeitsbedingungen für Tänzer und Choreographen aus aller Welt zu schaffen.

Der französische Erneuerer des Balletts, der Theoretiker und Choreograph Jean Georges Noverre, kommt 1759 nach Stuttgart, um am Hof seine Ideen für den neuen Tanz umzusetzen. Was er erstmals inszeniert, ist das frühe Handlungsballett – ein Schauspiel in Bewegung. Einige Jahre zuvor veranlasst ein anderer Hof für den Tanz eine Tat, die im deutschen Strafrecht heute wohl den Tatbestand des erpresserischen Menschenraubs erfüllen würde. Friedrich II. sucht für seinen Hof nicht einen berühmten Tanzregisseur. Seine Bühne soll ein Star betreten, dem ganz Europa zu Füßen liegt.

Vom König in der Kutsche entführt

Für die Company, die heute als Staatsballett Berlin auftritt und mit 79 Tänzern die größte Deutschlands ist, engagiert er 1743 die berühmte italienische Ballerina Barbara Campanini, genannt La Barbarina. Zwar unterschreibt sie den Vertrag für die Berliner Königliche Hofoper Friedrichs II., überlegt es sich dann aber anders und ist bereits auf dem Weg über Venedig nach London, als der König die Erfüllung der Verpflichtung nicht wirklich gewaltfrei durchsetzen lässt. Campanini wird in ihrer Kutsche entführt.

Aufführung des Pina-Bausch-Stücks „Vollmond” in Wuppertal 2006
Aufführung des Pina-Bausch-Stücks „Vollmond” in Wuppertal 2006dpa

Heute würde sie freiwillig kommen. Sie wäre sozial abgesichert wie in keinem anderen europäischen Land. Sie könnte Kinder bekommen und wieder auf die Bühne zurückkehren. Sie würde sich nicht fremd fühlen. Im Staatsballett Berlin mischen sich Tänzer aus 30 Nationen. Selbst kleinere deutsche Tanzensembles bringen es noch auf mehr als 20 Nationen. Der Tanz an deutschen Stadt-, Landes- und Staatstheatern arbeitet in 60 festen Ensembles mit etwa 1400 Tänzern. Im zurückliegenden halben Jahrhundert hat diese Infrastruktur einigen der bekanntesten Choreographen des 20. Jahrhunderts eine künstlerische Heimat gegeben.

Der Südafrikaner John Cranko zog Stuttgart London vor, weil er am Opernhaus frei war in seinen künstlerischen Entscheidungen und ihm niemand sagte, er dürfe Gustav Mahlers Musik nicht choreographieren. Die Solingerin Pina Bausch eroberte von den Wuppertaler Bühnen aus die Theater der Welt. Die Amerikaner John Neumeier und William Forsythe kamen als Tänzer und entwickelten sich zu Ballettdirektoren und Weltstars der Choreographie, um nur die berühmtesten zu nennen.

Welche sind die neuen Klassiker?

Der Tanz in Deutschland tritt jetzt in eine Phase ein, in der das große Erbe der Tanzgeschichte neu zu sichten und für die Zukunft zu bewahren ist. Die Bühnen müssen mehr evaluieren und rekonstruieren, anstatt immer weiter überproportional viel Neues zu produzieren, das oft nur wenige Spielzeiten interessiert. Pina Bauschs Werke müssen daraufhin befragt werden, Forsythes Choreographien gesichtet: Welche sind die neuen Klassiker?

Dieser Blick muss sich auch auf die internationale Tanzgeschichte richten und das Repertoire der großen Kompanien muss zeigen und beweisen, welche Klassiker so relevant sind, dass aus ihrer Kenntnis und der Faszination durch sie die Zukunft des Balletts entwickelt werden kann. Sie müssen ein Zuhause für Ideen sein, jene Ideen der Vergangenheit, die zu unserer Gegenwart sprechen und in unserer geopolitischen Wirklichkeit Bestand haben.

Dies ist die Geschichte einer solchen Idee, eines solchen Werkes von Kraft und Relevanz. Die Ballettcompany der Oper in Kiew erhielt im September, mitten im fünften Jahr des Krieges, besonderen Besuch: Den in Leningrad geborenen Choreographen und Ballettmeister Alexei Ratmansky, der in Kiew ausgebildet wurde und seine Debütjahre als Tänzer und Choreograph dort verbrachte. Ratmansky, inzwischen Hauschoreograph des New York City Ballet, hat die Geschichte seiner Kunst bis zu ihren ästhetischen Wurzeln in der Schönheit antiker Bildhauerei studiert.

Werke der Tanzgeschichte sprechen zur Gegenwart

Seine Bewegungsintelligenz und Erfindungskraft sind historisch informiert, daher der enorme Tanzwortschatz, auf den er zurückgreifen kann und die bedeutungsvolle Syntax, die er daraus zu bilden versteht. In Kiew studierte Ratmansky gemeinsam mit seiner Frau Tatjana George Balanchines Ballett „Donizetti-Variationen“ ein. Drei Wochen arbeitete das Paar mit den ukrainischen Tänzern an der symbolträchtigen Aufführung und teilte ihren Kriegsalltag und die Erfahrung, keine Nacht durchschlafen zu können.

Warum Balanchine im Krieg, warum ein Tanz von 1960? Ratmanskys Arbeit kennt keine Zufälle, was also sind die Motive für diese Entscheidung? Der Anlass, aus dem das 26 Minuten lange Werk geschaffen wurde, ist der erste interessante Hinweis. Das New York City Ballet, dessen Gründung Balanchine und seinem Impresario und Verwaltungsdirektor Lincoln Kirstein 1948 gelang, war nur zwölf Jahre später bereits so berühmt, dass es eingeladen wurde, zum 100. Jahrestag der Einheit Italiens einen Festabend zu gestalten.

Für das Programm „Salute to Italy“ kombinierte Balanchine drei Ballette. Den dunkleren, verschatteten, „La Sonnambula“ und „Monumentum pro Gesualdo“ stellte er die lichtdurchfluteten „Donizetti Variations“ zur Musik aus der Oper „Don Sebastiano“ des Komponisten gegenüber. Das Ballett ist als ein Symbol der Einheit eines Landes zu lesen. Es ist ein Fest der Konzentration und Anstrengung, der Unbesorgtheit und des tänzerischen Übermuts. Das alles teilen die Tänzer mit ihrem Publikum, 26 Minuten, die Hoffnung schenken.

Werke der Tanzgeschichte sprechen zur Gegenwart, wenn sie zum Sprechen gebracht werden und ihre Relevanz enthüllen. Sie sprechen von Freiheit und Frieden, von Zusammenhalt in Gruppen, von Sicherheit und Zugewandtheit, von Solidarität. Die deutschen Ballettkompanien sind imstande, ihren Tänzern soziale Absicherung und ein gesundes Arbeitsumfeld zu geben im Austausch für deren Exzellenz. Man muss keine Tänzerinnen mehr in Kutschen entführen, um sie davon zu überzeugen, dass deutsche Ballettkompanien gute Orte für den Tanz sind.