Unterhaltsame Kurzvideos, wie man sie von TikTok oder Instagram Reels kennt, schalten bestimmte Regionen des Gehirns regelrecht ab. Das erklärt auch, warum Nutzer lange durch das Angebot scrollen und alles um sich herum ausblenden.
MRT gibt Auskunft
Betroffen von der Reduzierung der Hirnaktivität sind ausgerechnet zwei Regionen, die eine wichtige Rolle bei der kognitiven Kontrolle spielen. Forscher der Zhejiang-Universität beobachteten diesen Effekt insbesondere dann, wenn die Teilnehmer ein Video bis zum Ende ansahen. Die Ergebnisse wurden im Januar 2026 im Fachjournal NeuroImage veröffentlicht.
Für die Untersuchung wurden 56 junge Erwachsene während einer funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) untersucht. Die Teilnehmer sahen dabei kurze Videos mit einer durchschnittlichen Länge von knapp 24 Sekunden. Sie konnten jederzeit zum nächsten Clip wechseln. Insgesamt standen 160 Videos aus verschiedenen Kategorien wie Tieren, Spielen, Alltagsszenen und Natur zur Verfügung.
Die Forscher konzentrierten sich bei ihren Beobachtungen auf den dorsalen anterioren cingulären Cortex (dACC) und den dorsolateralen präfrontalen Cortex (dlPFC). Beide Regionen gehören zum Netzwerk für kognitive Kontrolle. Der dACC hilft unter anderem dabei, Konflikte zu erkennen, Entscheidungen abzuwägen und den erforderlichen Aufwand einzuschätzen. Der dlPFC unterstützt anschließend die gezielte Steuerung des Verhaltens.
Bei Videos, die die Probanden bis zum Ende ansahen, nahm die Aktivität in beiden Regionen deutlich ab. Bei frühzeitig übersprungenen Clips blieb der dACC dagegen weitgehend auf seinem Ausgangsniveau. Der dlPFC war weniger aktiv, allerdings war der Effekt schwächer als bei den vollständig angesehenen Videos. Eine Kontrollmessung im visuellen Cortex zeigte, dass es sich nicht um einen allgemeinen Effekt des Videokonsums handelte.
Nicht überbewerten
Zusätzlich untersuchten die Wissenschaftler die Konzentration der Botenstoffe Glutamat und GABA im dACC. Dabei zeigte sich, dass höhere Glutamatwerte mit einer geringeren Unterdrückung der Aktivität zusammenhingen. Für GABA fanden sich dagegen keine vergleichbaren Zusammenhänge mit den beiden Kontrollregionen.
Die Forscher warnen allerdings davor, die geringere Aktivität pauschal als Zeichen einer beeinträchtigten Selbstkontrolle zu interpretieren. Ihrer Einschätzung nach könnte das Gehirn vielmehr auf eine energiesparende, automatische Verarbeitung umschalten, wenn eine passive und wenig konfliktträchtige Aufgabe als angenehm empfunden wird. Die Teilnehmer blieben schließlich in gewissem Sinne aufmerksam und übersprangen immerhin rund 57 Prozent der für sie uninteressanten Clips.
Ob derartige Veränderungen bei regelmäßigem oder exzessivem Kurzvideokonsum langfristige Auswirkungen haben, beantwortet die Studie nicht. Die Untersuchung erfasste nur eine einzelne Sitzung und umfasste ausschließlich junge Erwachsene. Zudem wurde problematischer Videokonsum nicht systematisch erfasst. Die Ergebnisse liefern damit vor allem einen Einblick in die kurzfristige Reaktion des Gehirns auf besonders fesselnde Kurzvideos.
Zusammenfassung
- Unterhaltsame Kurzvideos dämpfen die Aktivität von Kontrollregionen
- Forschende der Zhejiang-Universität untersuchten 56 junge Erwachsene
- Die betroffenen Areale dACC und dlPFC steuern die kognitive Kontrolle
- Besonders bei vollständig angeschauten Videos sinkt die Hirnaktivität
- Höhere Glutamatwerte hängen mit einer geringeren Dämpfung zusammen
- Das Gehirn schaltet wohl auf eine energiesparende Verarbeitung um
- Langfristige Auswirkungen des Videokonsums wurden nicht untersucht
Siehe auch:
- Gehirn-Zellen auf einem Chip lernen in einer Woche Doom zu spielen
- "Brain Rot" ist real: Smartphone-Scrollen schrumpft das Hirn
- Gedankenlesen wird Realität: Forscher wandeln Hirnströme in Text um