Anne und Ida mussten nochmal zum Pinsel greifen, weswegen nun nicht mehr „Lipoflitz aufs Podest!“, sondern „Erhol dich schnell, Lipoflitz!“ auf ihrem Plakat mit einem Foto des schwäbischen Radprofis Florian Lipowitz geschrieben stand: Zwei Mädchen aus Ulm, die am Mittwoch im französischen Ort Voiron hinter dem Begrenzungszaun standen – und nicht mehr genau zu wissen schienen, wem sie denn nun noch zujubeln sollten.
Einen Tag nach dem Sturz und der Aufgabe von Florian Lipowitz bei der Tour de France fand die weltweit härteste Radrundfahrt ihre Fortsetzung, ohne größere Blessuren, dafür mit einem Ergebnis, das die Spannung hochhalten dürfte. In die Hauptrolle schlüpfte diesmal der Belgier Jasper Philipsen, der gerne auch ins Grüne Trikot des Sprintbesten schlüpfen möchte. Seit Mittwoch hat er wieder ernsthafte Chancen darauf.

Tour-Aus für Lipowitz
:Eine Rechtskurve, in der alles zerbrichtFür Florian Lipowitz ist die Tour de France nach seinem Schlüsselbeinbruch beendet – der einstige Biathlet muss nach seinem rasanten Aufstieg in die Weltelite des Radsports einen ersten großen Dämpfer verkraften.
Der Radprofi vom Team Alpecin-Premier Tech setzte sich im Zielsprint der 17. Etappe in Veron durch, holte seinen ersten Sieg bei der diesjährigen Tour de France und pirschte sich bedrohlich nahe an den Mann im Grünen Trikot, Mads Pedersen, heran, der in Voiron lediglich als Achter ins Ziel gekommen war. In der Sprintwertung liegt Philipsen mit 445 Zählern nur mehr sieben Punkte hinter dem Dänen (452). Denkbar also, dass dieser Zweikampf um Grün erst am Sonntag in Paris entschieden wird.
Felix Engelhardt ist lange treibende Kraft, andere Teams mit der Aufholarbeit zu beschäftigen
Im Zielsprint nach 174,7 Kilometern von Chambéry nach Voiron setzte sich Philipsen vor dem Schweizer Mauro Schmid und dem Niederländer Olav Kooij durch. Er wirkte merklich erleichtert, nun, da die wilde Menschentraube hinter dem Zielstrich nach langem Warten mal wieder ihn umzingelte. Zum ersten Mal seit seinem Sieg zum Auftakt der Tour im vergangenen Jahr, ehe er kurz darauf schwer stürzte und aufgeben musste.
Bei den bisherigen fünf Massensprints dieser 113. Auflage der Tour de France hatte der 28-Jährige wenig bis gar nicht an jenen Mann erinnert, der in seiner Karriere bis zu diesem Mittwoch bereits zehn Tour-Etappen gewonnen hatte. Und das trotz des Edel-Anfahrers Mathieu van der Poel aus den Niederlanden. Ausgerechnet bei einer Etappe, die mehr für Fluchtgruppen als für Sprintexperten konzipiert war, gelang Philipsen nun eine rennfahrerische Renaissance. „Die ersten zwölf Tage waren schrecklich“, sagte er danach. „Den Sieg gebe ich ans Team weiter, das nie aufgehört hat, an mich zu glauben.“
Während sich die Klassementfahrer am Mittwoch zurückhielten, war der Deutsche Straßenmeister Felix Engelhardt lange in einer Fluchtgruppe unterwegs gewesen und treibende Kraft, andere Teams mit der Aufholarbeit zu beschäftigen. Auch Engelhardts Verdienst war es, dass sein Kollege Schmid aus der Equipe Jayco AlUla Tageszweiter wurde. „Ein Sieg wäre natürlich mega gewesen, aber wir haben alles richtig gemacht, waren in allen entscheidenden Gruppen und am Ende im Sprint vorn dabei“, sagte Engelhardt später. Und womöglich übersah der gebürtige Ulmer im unübersichtlichen Getümmel die beiden Mädchen aus Ulm, die ihn hinter dem Zaun mit „Felix, Felix“-Rufen huldigten.