„Begrenzte Bodeneinsätze bleiben selten begrenzt“: Experte warnt eindringlich vor US-Bodenoffensive im Iran

Trump bremst Angriffsgerüchte: Warum Experten vor einer fatalen Eskalation im Iran-Krieg warnen

Stand: 09.10.2026, 22:13 Uhr

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Donald Trump weist Berichte über geplante Angriffe auf den Iran vor den US-Wahlen zurück. Experten warnen schon länger vor einer unkontrollierbaren Eskalation.

Washington/Teheran – US-Präsident Donald Trump hat am Donnerstag via Truth Social erklärt, die USA würden den Iran nicht vor den Kongresswahlen am 3. November angreifen. „Wir werden den Iran nicht vor den Zwischenwahlen angreifen“, schrieb Trump, und verwies auf „produktive Gespräche“ mit Teheran, ohne Details zu nennen.

US-Präsident Trump

Trump droht seit Monaten im aktuellen Iran-Krieg. Nun hat er erklärt, dass es vor den Midterms keine US-Angriffe geben soll. (Archivbild) © Julia Demaree Nikhinson/AP/dpa

Zugleich betonte der US-Präsident mit Blick auf den aktuellen Iran-Krieg, Teheran stehe „sowohl wirtschaftlich als auch militärisch schlecht da“. Trumps Erklärung folgte auf einen sprunghaften Anstieg der Ölpreise, ausgelöst durch Berichte des Magazins The Atlantic, wonach das Weiße Haus das Verteidigungsministerium beauftragt habe, Angriffsoptionen gegen den Iran noch vor den Midterms auszuarbeiten. Laut der New York Times werden diese Pläne trotz Trumps „Ambivalenz“ weiterentwickelt.

Spannungen im Nahen Osten neben dem Iran-Krieg: Saudi-Arabien schließt Waffenruhe mit Huthi-Miliz aus

Während Donald Trump womöglich gegenwärtig eine Eskalation im Iran-Krieg vertagt, verschärft sich parallel dazu die Lage im Nahen Osten an einer zweiten Front: Saudi-Arabien schloss nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP eine Waffenruhe mit der pro-iranischen Huthi-Miliz aus dem Jemen auf absehbare Zeit aus. Riad werde sich der „militärischen Erpressung“ durch die Huthis nicht beugen, hieß es aus regionalen Kreisen. Die Miliz hatte in den vergangenen Tagen ihre Angriffe auf das Königreich ausgeweitet. Unter anderem kam es zu Attacken auf den Flughafen Riad, bei denen nach Angaben der saudischen Luftfahrtbehörde drei saudische Staatsbürger getötet wurden.

Saudia Airlines bestätigte, einer ihrer Piloten sei bei einem „Vorfall“ am Donnerstag ums Leben gekommen und ein Flugzeug beschädigt worden. Saudi-Arabien will nach eigenen Angaben erst dann einer Waffenruhe zustimmen, wenn die von Riad unterstützte jemenitische Regierung alle zuletzt verlorenen Gebiete zurückerobert hat.

Droht Eskalation im aktuellen Iran-Krieg? Experte warnt vor US-Bodenoffensive

Trotz Trumps Zurückweisung der Berichte wächst in Expertenkreisen die Sorge vor einer erneuten militärischen Eskalation. Der Politikwissenschaftler Robert E. Kelly von der Pusan National University warnte vor wenigen Tagen in einem Beitrag für das US-Fachportal 19FortyFive eindringlich vor einer Bodenoffensive. Seit März kursieren demnach vor allem zwei Szenarien zum aktuellen Iran-Krieg: die Einnahme der iranischen Ölumschlagsinsel Kharg sowie die Besetzung eines Küstenstreifens an der Straße von Hormus.

Kelly hält beide Optionen für strategisch riskant: „Begrenzte Bodeneinsätze bleiben selten begrenzt.“ Jede US-Stellung würde sofort aus dem Inneren Irans unter Beschuss geraten, was starke Luftunterstützung und in der Folge immer tiefere Eingriffe erfordern würde. Dies sei eine Dynamik, die Kelly mit den Eskalationsspiralen in Vietnam und im Irak vergleicht. Die schiere Größe des Landes macht eine Besatzung nach Kellys Berechnungen militärisch kaum realisierbar. Würde man den amerikanischen Kräfteansatz aus dem Irak-Krieg 2003 auf die heutige Bevölkerung des Iran hochrechnen, würden mehr als 500.000 Soldaten benötigt – mehr als die gesamte aktive US-Armee, die rund 454.000 Soldaten umfasst.

Der Iran ist fast viermal so groß wie der Irak und hat rund 90 Millionen Einwohner; viele Ballungsräume liegen in gebirgigem Gelände. Ohne Wehrpflicht sei eine solche Truppenstärke schlicht nicht verfügbar, so Kelly. Hinzu kommt die iranische Verteidigungsstrategie: Die Revolutionsgarden setzen auf eine dezentrale „Mosaik-Verteidigung“. Diese ermöglicht es Teheran, auch nach schweren Schlägen weiterzukämpfen und einem technisch überlegenen Gegner dauerhaft Verluste zuzufügen.

Straße von Hormus und Rotes Meer: Reeder und Ölmärkte unter Druck

Zentraler Schauplatz im aktuellen Iran-Krieg bleibt die Straße von Hormus. Die dortige Lage hat weiter direkte Folgen für die globalen Energiemärkte. Zwar haben die Ölexporte aus der Golfregion laut der Analysefirma Kpler seit Ende September nahezu das Vorkriegsniveau erreicht; das US-Militärkommando Centcom meldete zuletzt sogar 20 Millionen Barrel pro Tag. Doch die Kosten dieser Wiederherstellung sind enorm: Laut der Financial Times sind die Transportkosten pro Tanker von einst 20.000 bis 50.000 Dollar auf 1,3 Millionen Dollar gestiegen.

Die Versicherungsprämien haben sich für Durchfahren in der Straße von Hormus vervielfacht, Schiffskapitäne sollen bis zu 100.000 Dollar monatlich verdienen. „Eine diplomatische Lösung mag nicht nötig sein, um die physischen Lieferungen wiederherzustellen, aber ohne eine solche Lösung werden die Preise für das gelieferte Öl voraussichtlich hoch bleiben“, schreiben die Kpler-Analysten. Mit einer vollständigen Öffnung der Meerenge sei in den nächsten sechs Monaten nicht zu rechnen.

Doch seit einigen Wochen erschwert die Lage in der Straße in Hormus nicht mehr alleine die Erholung der Weltmärkte: Laut einem Bericht des Council on Foreign Relations (CFR) vom 8. Oktober droht das Rote Meer zum nächsten Nadelöhr des Krieges im Nahen Osten zu werden. Die Huthi hatten im Juli eine vollständige Seeblockade gegen Saudi-Arabien verhängt und im September die strategische Hafenstadt Mokha sowie mehrere Inseln nahe der Bab el-Mandeb-Straße eingenommen. Inzwischen versuchen regionale Akteure mit Unterstützung der sogenannten Mekka-Allianz, die Miliz zurückzudrängen.

CFR-Expertin Clara Gillispie beschreibt indes das allgemeine Risiko einer Blockade der Schifffahrtsstraße: „Der Verlust einer Garantie für sichere Durchfahrt durch die Bab el-Mandeb-Straße würde eine weitere Einschränkung der verfügbaren Öl- und Flüssiggas-Handelsrouten bedeuten und bereits fragile globale Energiemärkte weiter belasten.“ Täglich passieren rund 4,2 Millionen Barrel Rohöl die Meerenge; Saudi-Arabien exportiert über sein Pipelinenetz vier bis fünf Millionen Barrel täglich über Rote-Meer-Häfen. CFR-Experte Edward Fishman beschreibt das Risiko folgendermaßen: „Die Huthi könnten theoretisch die Bab el-Mandeb schließen und Saudi-Arabien damit jeden Exportweg nehmen.“

Flottenaufmarsch im Golf: Keine diplomatische Lösung in Sicht

Das Soufan Center, ein auf Sicherheitspolitik spezialisiertes Washingtoner Institut, zeichnet in seiner Analyse vom 8. Oktober ein düsteres Gesamtbild von der aktuellen Lage im Iran-Krieg: Weder Washington noch Teheran sehen derzeit einen klaren diplomatischen Ausweg, der ihre jeweiligen Kernziele erfüllt – was beide Seiten in Richtung weiterer militärischer Eskalation treibt. Teherans dringlichstes Ziel sei es, die US-Seeblockade iranischer Häfen zu brechen, die die iranische Wirtschaft nach eigenen Angaben massiv stranguliert. IRGC-General Mohsen Rezaei räumte auf einer Regierungssitzung ein, das Land durchlebe „eine der härtesten Phasen seit der Islamischen Revolution 1979“.

Auf der anderen Seite baut Washington seine Streitkräfte in der Region auf ein Niveau auf, das seit Kriegsbeginn nicht erreicht wurde: Drei Flugzeugträgergruppen, die USS Theodore Roosevelt, die USS George H.W. Bush und die USS George Washington, sollen bis Ende Oktober gleichzeitig in der Region präsent sein, zusammen mit mehr als 20.000 Marinesoldaten und Hunderten von Flugzeugen. Der iranische Außenminister Abbas Araghchi warnte Anfang Oktober unterdessen vor einer Eskalation: „Wenn unsere Feinde erneut den Weg der militärischen Konfrontation wählen, wird unsere Antwort stärker sein als zuvor.“ (Quellen: dpa, AFP, 19FortyFive, Financial Times, Kpler, FAZ, Council on Foreign Relations, Soufan Center, Al Jazeera) (fbu)