Ukraine: Was, wenn Moskau gewinnt?

Mehrere Männer in grünen Anzügen

Ukraines Präsident Wolodymir Selenskyj steht innenpolitisch unter Druck

(Bild: Dmytro Larin/Shutterstock.com)

Niemand will es aussprechen, doch die Frage drängt sich auf: Was würde ein russischer Sieg im Ukraine-Krieg bedeuten – und wie könnte das Szenario aussehen?

Der Ukraine-Krieg ist längst zur innenpolitischen Zerreißprobe geworden: Während AfD wie BSW nach ihrem Magdeburger Wahlerfolg eine andere Russlandpolitik fordernerklärte Kanzler Merz reaktiv, er werde nicht "einen Millimeter" von seinem pro-ukrainischen Kurs abweichen.

Die Frage nach dem Ende der monetären wie militärischen Hilfen ist damit auch in Berlin zu einer Variable geworden: Dabei gilt, dass ohne die deutschen Gelder Kiew den Krieg kaum in bisheriger Form fortsetzen könnte, zumal sich die USA, Stichwort Lastenverteilung einer Nato 3.0, weitgehend zurückgezogen haben.

Niemand möchte es aussprechen, doch die Frage ist virulent: Was, wenn Russland den Krieg gewinnt – und Kiew zu einem russischen Siegfrieden gezwungen würde?

Sieg ohne Vormarsch?

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Russland den Krieg vollends militärisch für sich entscheiden wird, sondern was eine russische Nicht-Niederlage für die europäische Sicherheitsordnung bedeuten würde. Eine vollständige Eroberung der Ukraine dürfte auch angesichts starker Nato-Verbände an der baltisch-polnischen Grenzen unrealistisch sein.

Ein Sieg Moskaus könnte vielmehr darin bestehen, territoriale Gewinne dauerhaft abzusichern und eine Nachkriegsordnung diplomatisch durchzusetzen, die russischen Sicherheitsinteressen integriere.

Umgekehrt wäre das kein Triumph ohne Kosten: Russland müsste die wirtschaftlich-gesellschaftlichen Folgen eines langen Krieges bewältigen, besetzte Gebiete dauerhaft einbinden und mit einer womöglich auf Jahrzehnte feindselig gesinnten Ukraine sich arrangieren. Festzuhalten bleibt dennoch: Moskaus Sieg bedürfte womöglich keiner Kiewer Siegesparade – eine Frage der Sieges-Definition.

Status quo

Die jüngsten Meldungen zeichnen ein widersprüchliches, die obige Hypothese aber stützendes Bild. Russland setzt seine Angriffe im Donbass fort, während die Ukraine bei Lyman Gegenoffensiven meldet: Das dritte Armeekorps habe mehrere Ortschaften nördlich der "Festungsgürtel"-Städte Sloviansk und Kramatorsk zurückerobert.

Das Institute for the Study of War bewertet dies als ersten derartigen Fall seit der Kursk-Offensive vom August 2024. Gleichzeitig verfügt Russland über erhebliche personelle und materielle Ressourcen und rückt im Süden des Donbass weiter in Richtung Kostjantyniwka vor, wenn auch langsamer als in den Vorjahren.

Der frühere Google-Chef Eric Schmidt warnt unterdessen in der Washington Post, Russland arbeite gezielt daran, Kiews technologischen Vorsprung bei elektronischer Kriegsführung einzuholen: Moskau störe ukrainische Drohnen wirksamer und verbinde industrielle Überlegenheit mit eigener Innovation – schneller, als Kiew neue Systeme entwickeln könne. Ein gewaltiges Unterpfand.

Auch personell gerät die ukrainische Armee zunehmend unter Druck: Eine Analyse der Carnegie-Stiftung vom März 2026 beschreibt erhebliche Engpässe bei der Besetzung der Front und eine wachsende Belastung der Einheiten – Faktoren, die ernsthafte Lücken in den ukrainischen Linien entstehen lassen könnten.

Der nahende Winter dürfte diese Lage zusätzlich verschärfen, während Russlands Kriegswirtschaft trotz Fachkräftemangel, hoher Lebensmittelpreise wie Inflation bislang keine Anzeichen eines unmittelbaren Zusammenbruchs zeigt, wie eine Untersuchung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften nahelegt.

Moskau könnte demnach gezielt auf einen langen Krieg schielen – wobei derzeit nahezu alle Szenarien – ein ukrainischer Sieg, ein russischer Triumph oder ein Patt – denkbar erscheinen, mit einer momentan leichten Überhand der Ukraine, bei langfristigen russischen Vorteilen.

Divergierende Erreichbarkeit

Ein etwaiger, russischer Sieg könnte sich demnach über Jahre hinziehen, nicht schlagartig erfolgen und mit Frontbewegungen in beide Richtungen einhergehen. Der eigentliche Triumph läge dann nicht in der Eroberung Kiews, sondern in einer nach russischen Vorstellungen veränderten europäischen Sicherheitsordnung und der russischen Ausgangslage.

Zur detaillierten Bewertung lohnt ein Blick auf die offiziösen Kriegsziele: 2022 hatte Wladimir Putin die Invasion noch mit der "Demilitarisierung" und "Entnazifizierung" der Ukraine begründet; in seiner Rede vom 14. Juni 2024 forderte er zudem den Rückzug ukrainischer Truppen aus Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson sowie den Verzicht auf einen Nato-Beitritt.

Hieran wird sich die russische Führung – nicht nur im Inland – messen lassen müssen. Dekliniert man die Ziele durch, fallen große Divergenzen hinsichtlich deren momentaner oder zu prognostizierender Erreichbarkeit auf.

Realistisch bis in Bewegung

Ein Waffenstillstand entlang der bestehenden Frontlinie erscheint – zumal nach der Wiederaufnahme der russisch-amerikanischen Verhandlungen – vergleichsweise realistisch. Damit behielte Moskau die faktische Kontrolle über besetzte Gebiete zunächst, ohne die gesamte beanspruchte Fläche erobert zu haben; ob es diese auch völkerrechtlich zugesprochen bekäme, bliebe Verhandlungssache.

Eine offizielle Anerkennung russischer Annexionen schließt die ukrainische Verfassung indes aus – Präsident Wolodymyr Selenskyj lehnt zudem die Vorstellung eines "Win-Win"-Kompromisses grundsätzlich ab und betont, Putin wolle nicht nur Gebiete, sondern die Ukraine als Ganzes.

Kiew zieht jedoch ein vorübergehendes militärisches Einfrieren in Erwägung, sofern es mit belastbaren internationalen Sicherheitsgarantien verknüpft würde. Auch diese Front in Bewegung: Noch im Juli 2026 bekräftigten Frankreich, Großbritannien und Deutschland ihre Bereitschaft, die Ukraine im Falle eines erneuten russischen Angriffs militärisch abzusichern und gemeinsam mit den USA einen möglichen Frieden zu garantieren – inwiefern dies unter Trump realistisch ist oder ferner für Kiew ausreichend ist, sei dahingestellt.

Ein Verzicht der Ukraine auf die Nato-Mitgliedschaft gilt als zentralste russische Forderung: Entscheidend wäre, ob diese erneut durch europäische Sicherheitsgarantien kompensiert werden könnte. Die Denkfabrik Council on Foreign Relations warnt in einer Analyse, ein überstürzter Waffenstillstand ohne wirksame Sicherheitsvorkehrungen könnte lediglich den Boden für einen künftigen, noch verheerenderen Krieg bereiten.

Unrealistisch hingegen erscheint ein vollständiger Rückzug ukrainischer Truppen aus allen vier von Russland beanspruchten Regionen: Das dürfte mit der amtierenden Regierung und einem erstarkten faschistischen Lager kaum vereinbar sein und liefe womöglich auf einen Binnen-Bürgerkrieg hinaus.

Pyrrhussieg als Ouvertüre

Ein vollständiger russischer Sieg im Sinne des Kreml scheint derzeit wenig plausibel. Wahrscheinlicher erscheint ein Einfrieren der Front, bei dem der Donbass zum territorialen Erfolg Moskaus würde, während Kiew seine übrigen Gebiete vorerst behielte und die finale Gebietsfrage auf Jahre vertagt bliebe.

Dafür müsste sich allerdings auch in Kiew politisch etwas bewegen, wo eine von Korruption belastete Regierung einen solchen Kompromiss gegen nationalistische und militärisch-geheimdienstliche Kräfte kaum durchsetzen könnte. Damit hängt viel vom Westen ab – von der Bereitschaft zu belastbaren Sicherheitsgarantien und der künftigen Rolle der USA.

Sicher scheint: Ein schlechter Frieden, ein halbherziger Waffenstillstand oder ein Abkommen ohne tragfähige Sicherheitsarchitektur wären wohl weniger das Ende des Krieges als dessen Präludium – und könnten den Weg zu einem noch größeren Waffengang bereiten.