Ukraines neue Geheimwaffe: FP-9-Rakete soll Moskau erreichen – mit fast 8000 Kilometern pro Stunde
Stand: 24.07.2026, 13:13 Uhr
Kommentare
855 Kilometer Reichweite, 800 Kilogramm Sprengkopf, schneller als jede Iskander: Kiews neue Rakete FP-9 braucht nur noch einen einzigen Test – dann wird es für Moskau ernst.
Kiew – Mehr als hundert Flugabwehrsysteme bewachen den Himmel über Moskau. Drei Verteidigungsringe, dicht gestaffelt, sollen die russische Hauptstadt zur Festung machen. Genau diese Festung hat ein ukrainisches Start-up nun ins Visier genommen – mit einer Waffe, die schneller anfliegt, als die meisten Abwehrsysteme reagieren können. Ihr Name: FP-9.

Hinter dem Projekt steht die Firma Fire Point und deren Mitgründer Denys Shtilierman gibt sich kämpferisch. Auch wenn nicht jeder Angriff durchkomme, werde ein Teil sein Ziel finden. In einem Interview mit dem ukrainischen Army TV versprach er, dass mindestens 25 Prozent der Raketen die feindlichen Abwehrstellungen durchbrechen und ihr Ziel finden würden.
Waffe im Ukraine-Krieg: Nur ein Test trennt die Rakete vom ersten Flug
Wie weit die Entwicklung der neuen Waffe im Ukraine-Krieg gediehen ist, machte Shtilierman selbst deutlich. Fast alle wichtigen Entwicklungsmeilensteine seien erreicht, erklärte er in einem Ende Juni veröffentlichten Interview – es fehlten nur noch Bodentests des Triebwerks. Und dann folgte ein Satz, der in Moskau aufhorchen lassen dürfte: „Sobald ein Testflug zeigt, dass alles einwandfrei funktioniert, sollte der nächste Flug Richtung Moskau starten.“
Ein einziges Wort reichte ihm später, um erneut für Wirbel zu sorgen. „Schönheit“ schrieb er am 20. Juli zu einem Video vom Steilflug einer ballistischen Rakete. Welches Modell zu sehen war, verriet er nicht – doch ukrainische wie russische Militärbeobachter tippen längst auf die FP-9.
Neue Rakete für Einsatz im Ukraine-Krieg: Die Kennzahlen im Überblick
Was die Rakete kann, liest sich für Putins Luftverteidigung wie eine Warnung. Nach Angaben des Herstellers bringt die FP-9 folgende Werte mit:
- Reichweite: bis zu 855 Kilometer – genug, um Moskau von Teilen der ukrainischen Grenze aus zu erreichen
- Höchstgeschwindigkeit: rund 8000 Kilometer pro Stunde, mehr als achtmal so schnell wie der Flamingo-Marschflugkörper
- Sprengkopf: bis zu 800 Kilogramm
- Länge: 9,5 Meter – und damit größer als die russische Iskander-M
- Genauigkeit: rund 20 Meter
- Anflugzeit: weniger als drei Minuten bis zum Ziel
Bedrohung für Moskau im Ukraine-Krieg: Warum die Physik gegen die Abwehr arbeitet
Der entscheidende Unterschied zu Kiews bisherigen Waffen liegt in der Flugbahn. Drohnen und Marschflugkörper wie der „Flamingo“ (FP-5) kriechen tief über dem Boden dahin, teils weniger als 50 Meter über der Erdoberfläche, und fliegen dabei eher gemächlich. „Das ist quasi ein Kleinflugzeug, das mit Unterschallgeschwindigkeit ankommt“, erklärte Raketenexperte Markus Schiller vom schwedischen Friedensforschungsinstitut Sipri gegenüber dem Spiegel.
Eine ballistische Rakete dagegen schraubt sich nach dem Start in große Höhen und stürzt dann auf ihr Ziel herab. Den Großteil ihres Weges legt sie in Höhen zurück, in denen die meisten Abwehrsysteme sie gar nicht erreichen können. Bleibt nur der letzte Abschnitt – und dafür haben die Verteidiger meist nur ein Fenster von 20 bis 30 Sekunden bis zum Einschlag.
Vom Bastler-Start-up zum Rüstungsriesen
Dass ausgerechnet eine 2022 gegründete Firma solche Ambitionen hat, wirkt auf den ersten Blick verwegen. Doch Fire Point ist in wenigen Jahren rasant gewachsen – von 18 Beschäftigten 2023 auf mehrere Tausend heute. Bekannt wurde das Unternehmen mit der Langstreckendrohne FP-1, die einen 60 Kilogramm schweren Sprengkopf bis zu 2600 Kilometer weit tragen und russische Ölraffinerien in Brand setzen soll. Nach ukrainischen Angaben stammt inzwischen mehr als die Hälfte der ukrainischen Langstreckendrohnen aus dieser Produktion. Auch deutsche Konzerne sind an Bord: Diehl und Hensoldt haben Kooperationen mit Fire Point vereinbart.
Bei aller Zuversicht bleibt Vorsicht geboten. Bislang hat Fire Point weder einen erfolgreichen Flugtest der FP-9 noch unabhängige technische Nachweise vorgelegt. Und das Unternehmen hat sich in der Vergangenheit schon einmal übernommen: Versprochene Hunderte Flamingo-Marschflugkörper pro Monat wurden nie erreicht. Man sollte die Herstellerangaben zur FP-9 also derzeit noch mit Zurückhaltung lesen.
Eskalation im Ukraine-Krieg: Moskau schlägt Alarm – und wappnet sich
In Moskau ist man dennoch nervös und rüstet auf. Russland verfügt über eine der weltweit dichtesten Raketenabwehren und hat den Schutzschirm über Moskau zuletzt sogar weiter verstärkt. Wie gut diese Systeme gegen moderne ballistische Raketen tatsächlich funktionieren, ist aber noch offen. Sicher ist dagegen: Die Ukraine hat nach eigenen Angaben zuletzt jedoch mehrere russische S-400-Batterien zerstört oder ausgeschaltet – ausgerechnet jene Systeme, die vor den ballistischen Angriffen schützen sollen.
Sollte die FP-9 halten, was Fire Point verspricht, hätte Kiew erstmals eine komplett selbstgebaute ballistische Langstreckenwaffe in der Hand. Für das Putin-Regime, das Kiew zuletzt unter massiven Raketenbeschuss nahm, wäre das eine völlig neue Erfahrung. Moskau droht das Szenario, dass Kiew auf die gleiche Art und Weise zurückschlagen könnte. Ob der entscheidende Schritt hin zu dieser Wehrhaftigkeit gelingt, nämlich der letzte Triebwerkstest für die FP-9, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. (Verwendete Quellen: United24, Denys Shtilierman auf X, Fire Point, dev.ua, Der Spiegel, Zeit) (cel)