Die neue Arena im alten Leipziger Zentralstadion ist ein Ort, der offenbar dazu geeignet ist, aus Moritz Nicolas das Beste herauszuholen. Schon beim Gastspiel im April dieses Jahres hat der Torhüter von Borussia Mönchengladbach einige spektakuläre Paraden gezeigt. Am Samstagnachmittag nun vermochte er seine damalige Performance sogar noch zu überbieten.
Im Spiel zwischen Rasenballsport Leipzig und den Gästen aus Gladbach lief die 60. Minute, als Antonio Nusa im Anschluss an eine Ecke aus dem Rückraum frei zum Schuss kam. Der Norweger hatte kurz zuvor das 2:0 für sein Team erzielt und nun die endgültige Entscheidung auf dem Fuß.
Aber Nicolas konnte Nusas Schuss gerade noch abwehren, genauso wie den Rebound von Willi Orban aus kurzer Distanz. Und als Ezechiel Banzuzi den Ball im dritten Versuch scheinbar nur noch über die Linie stupsen musste, war Gladbachs Torhüter mit seinem Fuß ein drittes Mal zur Stelle.
Anders als für Nicolas ist die neue Arena im alten Leipziger Zentralstadion für seine Mannschaft eher kein Ort, der das Beste aus ihr herauszuholen vermag. Am Samstag traten die Gladbacher zum elften Mal dort an, und auch im elften Versuch gelang ihnen kein Sieg. Sie verloren 0:3 (0:1) und kassierten damit ihre nunmehr siebte Niederlage.
Warum sollen wir nach einem Spieltag Sorgen haben?
Borussias Sportchef Rouven Schröder
Vor dem Start der neuen Saison in der Fußball-Bundesliga galten die Borussen vielen als eine Art Wundertüte. Für die einen war klar, dass die Gladbacher auch in dieser Spielzeit wieder gegen den Abstieg würden kämpfen müssen; andere wiederum, wie der Sky-Experte Dietmar Hammann, trauen der Mannschaft von Trainer Eugen Polanski durchaus Überraschendes zu. „Ich habe das Gefühl, dass man sich jetzt nach dem Übergangsjahr irgendwo auch gefunden hat“, hat Hammann gesagt.
Der Saisonauftakt in Leipzig hat nun erste Aufschlüsse über den tatsächlichen Leistungsstand der Gladbacher geliefert. Es gibt Anzeichen, dass beide Seiten recht haben.
Die ersten 25 Minuten waren vermutlich die angenehmsten, die eine Gladbacher Mannschaft je in Leipzig erlebt hat. Das Heimteam des neuen Trainers Martin Demichelis ließ die Gäste weitgehend unbehelligt ihr Spiel aufziehen. So viel Ballbesitz haben sie gegen Rasenballsport vermutlich noch nie gehabt. Und wenn eine Mannschaft aggressiv anlief und den Gegner presste, dann war es die der Borussia.
„Wir haben viel von dem gesehen, was wir sehen wollten“, sagte Polanski, dessen Weiterbeschäftigung nach seiner ersten Saison als Cheftrainer im Frühjahr auf der Kippe gestanden hatte und der dann doch eine neue Chance bekam – mit der klaren Vorgabe, dass seine Mannschaft sich anders präsentieren müsse als im bleiernen Abstiegskampf der Vorsaison.
Die Gladbacher verfielen in alte Muster
Ziemlich genau 25 Minuten gelang ihr das, recht eindrucksvoll sogar, wenn auch ohne den letzten Punch im Abschluss. Dann aber tat Borussia die üblichen Borussia-Dinge. Tief im Mittelfeld ließ sie Brajan Gruda nahezu unbedrängt gewähren, und als sie sich der drohenden Gefahr bewusst wurde, war es eigentlich schon zu spät.
„Der dreht auf und läuft an drei Leuten vorbei“, sagte Borussias Kapitän Tim Kleindienst. „Das ist dann halt ein bisschen blöd, weil du weißt, dass dir am Ende irgendwo zwei fehlen.“ So lief Ridle Baku schließlich allein auf Moritz Nicolas zu und traf zum 1:0.
Obwohl noch genügend Zeit blieb, sollten sich die Gladbacher von diesem Treffer nie mehr erholen. Der vermeintliche Aufschwung entpuppte sich fürs Erste als Trug. Beim ersten Widerstand verfiel die Mannschaft in genau jene Muster, die auch in der Vorsaison so oft zum Verhängnis geworden waren. Auch da fehlte es ihr immer wieder an Wettkampfhärte und Konstanz. Ein Anlass zur Sorge? „Warum sollen wir nach einem Spieltag Sorgen haben?“, fragte Borussias Sportchef Rouven Schröder zurück.
Bis zur Pause hatten die Leipziger vier weitere gute Chancen. Nach der Pause ging es in diesem Rhythmus weiter, und allein dem formidablen Nicolas verdankten es die Gladbacher, dass die finale Entscheidung bis Mitte der zweiten Hälfte aufgeschoben wurde.

© imago/opokupix/IMAGO/opokupix
Dann aber war Philipp Sander, Borussias Sechser, gedanklich zu langsam und vertändelte den Ball an den gerade eingewechselten Leipziger Neuzugang Christopher Nkunku. Der verlorene Sohn, ausgeliehen aus Mailand, bediente einen weiteren Neuzugang, der den Angriff schließlich erfolgreich beendete.
Eine schöne, fast schon kitschige Geschichte für die Leipziger. Eine bittere hingegen für die Gladbacher. Rocco Reitz war es, der Nicolas zum 3:0 überwand. Am Tag seiner Geburt vor 24 Jahren ist er Mitglied der Borussia geworden. Ab der F-Jugend hat Reitz für den Klub gespielt, ehe er vor dieser Saison für 20 Millionen Euro nach Leipzig gewechselt ist. Seine stattliche Ablöse hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Gladbacher ihren Kader in diesem Sommer schon früh umbauen konnten.
Aber das konnte Borussias Anhang ebenso wenig gnädig stimmen wie Reitz‘ verhaltener Torjubel. Die Fans pfiffen Leipzigs Mittelfeldspieler bei jedem Ballkontakt nieder und beschimpften ihn auf das Unflätigste. „Ich habe versucht, mir so wenig, wie es geht, einen Kopf zu machen, sondern einfach Gas zu geben und alles für die Mannschaft zu machen“, sagte Rocco Reitz über das besondere Wiedersehen gleich zum Saisonauftakt. „Am Ende ist es ja gut ausgegangen.“ Für ihn zumindest. Für die Borussia, seine alte Liebe, hingegen nicht.