„Unter Tieren“ von Elfriede Jelinek bei den Salzburger Festspielen: Animalische Apokalypse

Stand: 17.08.2026, 13:43 Uhr

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„Unter Tieren“ von Elfriede Jelinek, Salzburger Festspiele, Uraufführung, Regie: Nicolas Stemann

Philosophierende Tauben (v. li.): Mavie Hörbiger, Caroline Peters und Azaria Dowuona-Hammond in der Uraufführung von Elfriede Jelineks „Unter Tieren“. © Arno Declair/Salzburger Festspiele

Bei den Salzburger Festspielen wurde „Unter Tieren“ von Elfriede Jelinek uraufgeführt. Nicolas Stemann inszenierte die Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater.

Mit der KI kommt der Untergang. Struktur des Abends, Kapitelfolge, Bühnenbild brechen zusammen. Die Fauna, die in Elfriede Jelineks „Unter Tieren“ bis dato zuverlässig auftrat, wird nun aus Nullen und Einsen programmiert. Denn gerade hat Nicolas Stemann, Regisseur dieser Uraufführung, eine Pixel-Version von Peter Thiel interviewt. Der Tech-Milliardär, Überwachungsfetischist und Axtarbeiter an der Demokratie hat mit Blendax-Lächeln zwar den Wolf im Schafspelz gegeben, doch beschleunigt er das Ende. Vorhänge stürzen herab, die Stahlträger geraten bedrohlich in Schieflage. Apocalypse now!

Dabei ist die Geschichte des Homo sapiens eigentlich zuvor bereits auserzählt. In ihrem Drama lässt die österreichische Literaturnobelpreisträgerin, die heuer 80 wird, Tiere über Menschen sinnieren. Genauer: Sie sezieren ökonomisches Gebaren. Noch exakter: „Jelinek sticht möglichst viele Geschwüre des Kapitalismus auf“, notierte unsere Kritikerin bei Erscheinen des Buchs. Wie stets im jüngeren Werk der Autorin besteht „Unter Tieren“ aus Textflächen ohne feste Rollenzuschreibung, ohne echte Handlung. Stattdessen: Assoziationen, Zitate, Schmarrn und Philosophisches, Analyse und Anklage, Sackgassen, Schnellstraßen, Kreisverkehr. Immer wieder blitzt Jelineks Sprachwitz auf. Wenn etwa die Tauben lautmalerisch „Piketty, Piketty“ rufen, erinnert das an Thomas Piketty. Der französische Wirtschaftswissenschaftler hat mit „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ (2014) ein Standardwerk zur Zunahme der wirtschaftlichen Ungleichheit vorgelegt.

„Unter Tieren“ hat am 4. September 2026 Wien-Premiere im Burgtheater

Solche Feinheiten geraten in Stemanns Inszenierung leicht unter die Räder. Der Regisseur hat bereits manchen Jelinek-Stoff zur Uraufführung gebracht. „Unter Tieren“ ist eine Kooperation der Salzburger Festspiele mit dem Wiener Burgtheater und hatte am Sonntag (16. August 2026) auf der Perner-Insel in Hallein Premiere. Es ist die letzte große Schauspielproduktion dieses Sommers an der Salzach.

Der Abend trägt Stemanns typische Handschrift: überbordend, wild, lang. Auf einem Flipchart werden die Seiten, die bereits geschafft sind, heruntergezählt – am linken Bühnenrand werden die jeweiligen Kapitelüberschriften angezeigt und durchgestrichen, wenn sie erledigt sind. Auch ist der Spielleiter permanent auf der Bühne, greift zur E-Gitarre, setzt sich ans Klavier, bläst die Altflöte, leitet und lenkt die Schauspieler. Vorab kündigt er „weniger eine Inszenierung im klassischen Sinn, sondern eine Textumsetzung“ an und verweist darauf, dass der Abend knapp vier Stunden dauern und man auf Pausen verzichten werde. „Sonst wird es noch länger.“ Das Publikum habe aber die Möglichkeit, jederzeit die einstige Salinenhalle zu verlassen und zurückzukehren. Das Bühnengeschehen wird in den Innenhof übertragen. Ein Ansatz, der natürlich für Unruhe sorgt.

„Unter Tieren“ von Elfriede Jelinek, Salzburger Festspiele, Uraufführung, Regie: Nicolas Stemann

Hängt in der Warteschleife ihrer Bank fest: Caroline Peters als Hase in „Unter Tieren“. © Arno Declair/Salzburger Festspiele

Stemann, sein engagiertes Ensemble und eine unglaublich motivierte Bühnencrew wuchten vieles in diese vier Stunden, setzen auf Überwältigung. „Unter Tieren“ ist ein großes Happening. Selten hängt die Produktion durch, viel gibt es zu sehen. Dennoch gelingt Eindrucksvolles, etwa wenn Schweine und Rinder das Wort haben. Jelinek reflektiert mit unbarmherzigem Blick die Schlachtindustrie. Hier zeichnet die Inszenierung eine große Empathie aus. Die verjuxt sie allerdings kurz darauf unnötig, als Inge Maux ihren Vierbeiner hereinholt. Der ist sichtlich verängstigt und will – spätestens als die E-Gitarre loskreischt – nur weg. Doch die Schauspielerin hält die Leine eisern fest, derweil das Tier am Halsband gurgelt. Alles für die Kunst. Echt jetzt?

Dass es anders geht, zeigt die Eröffnung: Wenn Caroline Peters, Mavie Hörbiger und Azaria Dowuona-Hammond als Tauben philosophieren, ist das von wunderbarer Zartheit. Währenddessen wuchten Sebastian Rudolph und Thiemo Strutzenberger Pflanzen, die Chaiselongue und anderes von der Bühne. Sie tragen Masken mit dem Gesicht des Ex-Investors und derzeitigen Untersuchungshäftlings René Benko und wiederholen seinen Satz: „Das gehört meiner Mama.“ Später wird im Saal Geld für Wolfgang Porsche gesammelt, der angekündigt hatte, das „reichenfeindliche“ Salzburg zu verlassen. Immer wieder schließt Stemann „Unter Tieren“ also mit der Tagespolitik kurz, was bei der Premiere nicht allen gefällt. Doch bleibt der Großteil des Publikums bis zum Ende. Jubel, Standing Ovations.