9/11 bot für neue geopolitische Perspektiven. Warum wurden sie vertan?

Was besonders haften blieb nach der jüngsten Moskau-Mission der US-Emissäre Steve Witkoff und Jared Kushner, waren lobende Worte für Wladimir Putin, die eher undiplomatisch klangen. Er sei vom russischen Präsidenten angetan und halte ihn für „keinen schlechten Kerl“, bekam Moderator Tucker Carlson von Witkoff zu hören. Man sei mit dem Ukraine-Krieg eben in einer „komplizierten Lage“, der Konflikt mit einer großen Atommacht lasse sich nur durch Gespräche schlichten.

Der Kampf des „Guten gegen das Böse“ lud ein

Dieses rhetorische Füllhorn eines wohlwollenden Realismus erinnerte zum Jahrestag von 9/11 an halbwegs gedeihliche und konstruktive Zeiten im russisch-amerikanischen Verhältnis. Putin – als Staatschef erst knapp zwei Jahre im Amt – wollte sich im September 2001 der von Präsident George W. Bush verkündeten „Kampagne gegen den Terror“ nicht versagen.

Da ein Feldzug der Zivilisation gegen die Barbarei ausgerufen wurde, belebte das assoziative Erinnerungen. Als „Kampf des Guten gegen das Böse“ hatte Präsident Ronald Reagan in den 1980er Jahren seinen Auftrag gegenüber der Sowjetunion beschrieben, sich dann aber mit Michail Gorbatschow arrangiert und 1987 sogar einen Abrüstungsvertrag über nukleare Mittelstreckenraketen geschlossen. Der INF-Vertrag führte dazu, diese Arsenale auf beiden Seiten zu verschrotten – statt Rüstungsobergrenzen Abrüstung, das war neu.

Womöglich mit dieser Erfahrung im Kopf erkannte Putin nach 9/11 die Gunst der Stunde und bot den USA ein Zweckbündnis innerhalb ihrer Anti-Terror-Allianz an. Zwar versprach er keine „uneingeschränkte Solidarität“ wie der deutsche Kanzler Gerhard Schröder, tolerierte aber das obsessive Bedürfnis der US-Administration nach Revanche, von der man annehmen musste, dass sie sich militärisch ausleben würde. Dabei agierte Putin nicht ohne Risiko, schließlich hing der innere Frieden im postsowjetischen Russland auch davon ab, einen aggressiven Islamismus nicht über Gebühr zu reizen.

Die Kaukasusrepubliken Dagestan und Inguschetien waren infiltriert, in Tschetschenien folgten die Glaubensbrüder von al Qaida dem kriegerischen Drang nach Sezession. Der erste Tschetschenienkrieg war vorbei, der zweite sollte erst 2009 mit dem Sieg über die Separatisten enden.

Russland öffnete seinen Luftraum, ein seltenes Zugeständnis

Am 24. September 2001 wurde in Moskau eine Fünf-Punkte-Erklärung verbreitet, die so weit ging, nachrichtendienstliche Erkenntnisse über den Aufenthalt gesuchter Terroristen und ihre Infrastruktur an die Amerikaner zu übermitteln. Auch wollte Russland seinen Luftraum für humanitäre Flüge öffnen, warnte aber vor langfristigen Folgen bewaffneter Operationen. Eigene Soldaten wollte Putin anders als Schröder den USA nicht zur Verfügung stellen. Die Regierung Bush schien dennoch angetan und erklärte, sich für Russlands Aufnahme in die Welthandelsorganisation (WTO) einsetzen zu wollen.

Nachdem die US-Armee am 7. Oktober 2001 in Afghanistan intervenierte, waren zunächst die mittelasiatischen Republiken Usbekistan für den Transit von US-Truppen wie Kirgistan für den Nachschub gefragt. Die Amerikaner bauten dort ihren Stützpunkt Manas auf, um die Verbände in Afghanistan stabil mit Treibstoff, Ausrüstung und Lebensmitteln zu versorgen. Als die Regierung in Bischkek 2009 Anstalten machte, den Pachtvertrag zu kündigen, sprang Russland ein und bot Versorgungsrouten für die Afghanistan-Mission an, die inzwischen maßgeblich von der NATO getragen wurde.

Koalitionen der Willigen und der Unwilligen

Es mutet aus heutiger Sicht geradezu surreal an, dass eine russische Mitgliedschaft in der westlichen Allianz erwogen wurde. Ein neues Sicherheitsgefüge stand im Raum, das den euroasiatischen Schauplatz umfassen sollte. Eine solche Option verlor an Zugkraft, je mehr der Anti-Terror-Krieg am Hindukusch an seine Grenzen geriet und so verdrängt wurde, wie 9/11 geopolitische Perspektiven eröffnet oder erzwungen hatte, die einer neuen multilateralen Weltordnung galten. Russland hatte daran ein größeres Interesse als die USA, es konnte sich nach gescheiterten Feldzügen wie in Afghanistan nicht auf die andere Seite des Atlantiks zurückziehen.

Es gab seinerzeit ein bemerkenswertes Ereignis, das zu Bewusstsein brachte, wie die Situation unmittelbar nach 9/11 nahelegte, jenseits von Bündnissen, Werteverständnissen und Ressentiments zusammenzurücken. Am 25. September 2001 – nur zwei Wochen nach den Attentaten – besuchte Wladimir Putin Deutschland und sprach als erstes Staatsoberhaupt aus Moskau im Bundestag. Er tat dies weitgehend in Deutsch, was ihm viel Beifall bescherte.

Wladimir Putin spricht vor dem Deutschen Bundestag

Zur Antiterrorkampagne der Bush-Administration, die kurz vor der Afghanistan-Invasion stand, erklärte er vor dem deutschen Parlament: „Natürlich soll das Böse bestraft werden; ich bin damit einverstanden. Doch müssen wir verstehen, dass Gegenschläge den vollständigen, zielstrebigen und gut koordinierten Kampf gegen den Terrorismus nicht ersetzen können.“ Er registrierte, trotz allem Positiven, das man in den vergangenen Jahrzehnten erreicht habe, sei es nicht geschafft worden, „einen effektiven Mechanismus der Zusammenarbeit auszuarbeiten“.

Davon konnte endgültig keine Rede mehr sein, als sowohl in Afghanistan wie auch ab 2003 im Irak keine neuen Allianzen mehr in Betracht kamen. In Kabul übernahm die NATO das Oberkommando für Truppenkontingente aus ihren Mitgliedstaaten. Im Irak marschierte am 20. März 2003 unter dem Patronat der Amerikaner eine Koalition der Willigen ein, deren Rückgrat ebenfalls NATO‑Mitglieder bildeten.

Freilich hatten zu diesem Zeitpunkt andere erkannt, dass die erteilten Antworten auf 9/11 mit ihrem archaischen Revanchegehabe keine Lösung waren. Im Verbund mit Russland verweigerten Deutschland und Frankreich eine Beteiligung an der Okkupation des Irak. Sie sollten Recht behalten. Man traf sich in St. Petersburg, um diese Koalition der Unwilligen zu besiegeln.