Betrachtet man das Marketingspektakel, das viele Museen dieser Tage veranstalten, um sich einem breiteren Publikum zu öffnen und ihre so oft geforderte Niedrigschwelligkeit einzulösen, könnte man meinen, dass Kunst wirklich nur zu ertragen ist, wenn man möglichst glaubwürdig so tut, als würde es eigentlich um etwas anderes gehen.
Die Ablenkungs-Angebote reichen von Yoga über Töpfern bis zum Rave. Letzteres veranstaltet seit 2023 der Hamburger Bahnhof in Berlin. Eigentlich eine schöne Idee: Während der Sommermonate lädt das Museum weltberühmte DJs in seinen Garten ein, und die Berliner können von 19 bis 22 Uhr vorbeikommen und tanzen. Der Eintritt ist kostenlos.
Der Kontakt zur lokalen Berliner Clubszene fehlt
Man kann sich ganz berechtigt fragen, was daran auch nur in irgendeiner Weise verkehrt sein soll. Für viele Menschen starten die Partys in den Clubs der Hauptstadt erst dann, wenn sie eigentlich gerade zu Bett gehen wollen, oder sie haben das Geld für den Eintritt nicht, mittlerweile kostet er zwischen 15 und 25 Euro. Der Erfolg mag dem Hamburger Bahnhof recht geben: Es ist jedes Mal rappelvoll. Wobei eben nicht das Museum selbst, sondern nur der Vorplatz. Kaum einer der über 65.000 Besucher, die allein diesen Sommer gezählt wurden, kommt über dessen Schwelle, so niedrig sie am Ende auch sein mag. Denn der Eintritt in das Museum kostet so viel wie in einen Club, nämlich 16 Euro, auch an den Abenden von „Berlin Beats“.

Wer kein Geld für einen Club ausgeben kann oder will, wird es wohl kaum für den Museumsbesuch tun. Man kann sich also schon fragen, ob die Sponsoren des Abends, zu denen „Yeni Raki“ und der Brillenhersteller „Kuboraum“ zählen, nicht besser einen Tag mit freiem Eintritt ins Museum sponsern könnten; so könnten die zahlreichen Besucher dann auch wirklich die phantastischen Ausstellungen des Hauses anschauen, anstatt nur vor der Tür zu tanzen. In einer Pressemitteilung des Hamburger Bahnhofs heißt es, man feiere bei „Berlin Beats“ die „elektronische Musikkultur“ Berlins, womit der Anschluss an die Kultur, der die Institution verpflichtet ist, wohl irgendwie wieder hergestellt werden soll. Doch jetzt haben sich ebenjene Vertreter dieser „elektronischen Musikkultur“ in Person von Dimitri Hegemann, Gründer des Clubs „Tresor“, und Marcel Weber, Vorsitzender der Clubcommission Berlin, im Magazin „Groove“ zu Wort gemeldet. Konsterniert berichteten sie dort von einem Treffen mit den Kuratoren der Veranstaltungsreihe. Die beiden bemängeln, dass das Museum zwar Clubkultur ausstellen, aber keinerlei Kontakt zur lokalen Szene suchen würde und den Besuchern keinen Kontext geben würde, was diese „Musikkultur“ bedeutet und ausmacht.
Ein Museum hat auch einen Bildungsauftrag, wenn es also „Musikkultur“ ausstellt, dann muss es auch den Kontext erklären, in dem diese Kultur entstand und wuchs und in dem sie jetzt bedroht ist. Die Clubs kämpfen seit Jahrzehnten immer stärker gegen steigende Kosten und Immobilienspekulationen, die ihre Standorte bedrohen. Hegemann und Weber haben vorgeschlagen, dass man gegen Ende des Museums-Rave auf die Berliner Clubs hinweisen könnte, die dann erst ihre Pforten öffnen. Oder man könne eine Art freiwilligen „DJ Euro“ einführen, mit dem Nachwuchsprojekte gefördert werden könnten. Damit man gemeinsam das erschafft, was man am Ende eine Kulturlandschaft nennt, zu der in Berlin eben auch die Clubkultur gehört. Nach dem missglückten Gesprächsversuch wollen die beiden ihre Vorschläge, die eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollten, nun noch einmal schriftlich unterbreiten.
Doch wenn es wirklich darum gehen soll, Menschen ins Museum zu bringen, wäre die Abschaffung der hohen Eintrittspreise die sinnvollere Maßnahme. Geld ist am Ende die unüberwindbarste Schwelle, da kann man noch so viel Yoga machen.