Stand: 17.08.2026, 13:52 Uhr
Kommentare
24 Millionen Liter Wein finden keinen Käufer. Nun bezahlt die EU ihre Vernichtung – und legt damit ein viel größeres Problem offen.
Drei von vier Flaschen Dornfelder finden keinen Käufer mehr. Nun greift die EU zur Krisendestillation: Rund 24 Millionen Liter deutscher Wein sollen zu Industriealkohol verarbeitet werden, etwa für Desinfektions- oder Reinigungsmittel. Dafür fließen 14,16 Millionen Euro EU-Geld an deutsche Winzer. Das klingt nach Notfallmedizin für die Weinwirtschaft. Ist es aber nicht. Es ist ein Pflaster auf einer Wunde, die seit Jahren eitert.
Content-Partnerschaft
Dieser Artikel entstand in Kooperation mit Markt und Mittelstand.
Der Weinberg produziert, was keiner mehr trinken will
Man kann der Branche schwer vorwerfen, dass jüngere Menschen weniger trinken, dass Gesundheitsbewusstsein und Inflation den Konsum drücken. Was man ihr vorwerfen kann: Sie hat auf diesen Trend jahrelang mit mehr vom Gleichen reagiert. Württemberg baut zu 65 Prozent rote Sorten an – ausgerechnet jenes Segment, das gerade am schwersten zu verkaufen ist. Das ist keine Naturkatastrophe, das ist eine Fehlkalkulation mit Ansage.

Und jetzt zahlt die Allgemeinheit die Zeche: 59 Cent pro Liter, während die Produktion 1,20 Euro kostet. Für die Winzer ist das kein Geschäft, sondern ein Sterbehilfe-Tarif für Fassware, die sonst gar keinen Abnehmer mehr fände. Immerhin ehrlich formuliert – niemand behauptet hier, das sei eine goldene Zukunft.
Frankreich zeigt: Europas Rotwein steckt längst in der Existenzkrise
Wer glaubt, das sei ein deutsches Sonderproblem, sollte nach Frankreich schauen: 77 Millionen Liter, mehr als 2.000 Anträge, 40 Millionen Euro EU-Hilfe – fast das Dreifache der deutschen Summe. Der europäische Rotwein hat längst mehr als ein Nachfrageproblem. Teile der Branche kämpfen um ihre Existenz.
Was bleibt, wenn der Alkohol verdampft ist
Die Krisendestillation räumt Keller, nicht Köpfe. Rodungsprogramme, Rotationsbrachen, alkoholfreier Wein als Wachstumssegment – all das liegt längst auf dem Tisch, wird aber seit Jahren eher diskutiert als umgesetzt. Solange sich daran nichts ändert, wird die nächste Ernte wieder zu groß, der nächste Rotwein wieder zu billig sein – und die nächste Förderrunde wieder als Rettung verkauft, obwohl sie nur Zeit kauft. Zum Anstoßen taugt das nicht. Höchstens zum Händedesinfizieren danach.
Der Ratgeber für Entscheider
Der kostenlose Newsletter von Markt und Mittelstand liefert Ihnen zweimal pro Woche alles Wichtige für Sie als mittelständische Unternehmer, aktuelle Trends für Strategie und Finanzierung, nutzwertige Best-Practice-Beispiele aus dem Mittelstand sowie praxisrelevante Studien und aktuelle Forschungsergebnisse. Jetzt den "Markt und Mittelstand"-Newsletter kostenlos abonnieren