Stand: 26.08.2026, 08:26 Uhr
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Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium Christian Hirte hat den Edersee besucht. Er folgte der Einladung der Edersee-Bürgermeister und des Ersten Kreisbeigeordneten.
Edersee – „Es sind die Bilder, die wir gerade auch am Rhein und den anderen großen Flüssen sehen. Wir müssen uns darauf einstellen, mit weniger Wasser zurecht zu kommen“, sagte Christian Hirte, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesverkehrsminister gestern Vormittag am Rehbach. Gemeinsam mit heimischen Bundestagsabgeordneten und Kommunalpolitikern war der Wahlbeamte und stellvertretende thüringische CDU-Landesverbandsvorsitzende gerade die rund 70 Stufen vom Ufer hinabgestiegen zu den verwaisten Bootsstegen.
Mit weniger Wasser zurechtkommen: Doch müssen sich damit weiterhin allein die Edersee-Anrainer in jeder Saison abfinden, bis die 40-Millionen-Kubikmeter-Grenze unterschritten und die Stützung der Oberweser beendet wird? Hirte antwortete auf diese Frage weder mit „ja“ noch mit „nein“, sondern erklärte: „Deshalb wollen wir den Runden Tisch zur Edersee-Bewirtschaftung unter Leitung des Regierungspräsidiums Nordhessen wieder aktivieren.“ Alle Beteiligten wie das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) und zuvorderst die Anrainer von Edersee und Oberweser sollen in diesem Rahmen nach Möglichkeiten suchen, das knapper werdende Gut Wasser sparsamer und zielgenauer zu verwalten.
„Dabei darf es keine Denkverbote geben“, verlangte die heimische SPD-Bundestagsabgeordnete Esther Dilcher. Ihr direkt gewählter CDU-Kollege Jan-Wilhelm Pohlmann plädierte ergänzend für eine Ausweitung der Runde: „Wir sollten das benachbarte Regierungspräsidium aus dem nordrhein-westfälischen Detmold einbeziehen.“ Es umfasst unter anderem den Kreis Höxter, in dem ein Teil der Oberweser verläuft.
Der Staatssekretär machte allerdings auch deutlich, dass der grundsätzliche Zweck der Talsperre – das Schiffbarhalten der Oberweser – Voraussetzung für die Unterhaltung der Sperrmauer und des Seebeckens durch den Bund bleibe. Doch was geschieht, wenn die Natur übers Jahr weniger und weniger Wasser liefert, mit der Folge, dass die Stützung der Oberweser früher und früher im Sommerhalbjahr unmöglich wird?
Behält Bund die Mauer bei wachsender Dürre?
„Dann würde sich die Frage stellen, ob der Bund die Verantwortung für die Sperrmauer, ihre Unterhaltung und ihre Bewirtschaftung weiterhin übernimmt“, antwortete Hirte. Die Zwecke der Sperrmauer könnten sich allein auf Hochwasserschutz und dann – neu – Tourismus beziehen. „Das wäre wohl das Beste“, konnte sich Vize-Landrat Karl-Friedrich Frese aus Sicht der Edersee-Region nicht verkneifen. Der Preis dafür bestünde in der Übernahme der vollen Zuständigkeit durch das Land Hessen, das dann allerdings die Kosten für die Wartung der Talsperre tragen müsste. Das Land selbst war beim Ortstermin nicht vertreten, denn Kassels Regierungspräsident Mark Weinmeister hatte abgesagt.
Die Frage bleibt, wie viele trockene Frühjahre und Sommer ins Land ziehen müssten, bis der Bund die Sperrmauer für sich außer Dienst stellen würde. Der Flurschaden für den Edersee-Tourismus wäre nach Einschätzung der Verantwortlichen in der Region voraussichtlich zu groß, um darauf zu warten. Darum setzen Landkreis und Anrainer-Bürgermeister auf den Runden Tisch, der die jahrelangen, harten Konfrontationen zwischen Edersee und Oberweser ad acta legen und durch die gemeinsame Suche nach Lösungen ersetzen soll. Was sie an Vorschlägen dazu entwickelt haben, legten die Beteiligten dem Staatssekretär im nicht öffentlichen Gespräch im Anschluss an den Ortstermin dar.
Eine Million Tonnen Massengüter pro Jahr
Am meisten kollidiert das Interesse der heimischen Tourismuswirtschaft mit der Gewerbeschifffahrt auf der Oberweser. Die Transporteure wickeln eine Million Tonnen an Massengütern jährlich auf der Oberweser ab. Der größte Anteil davon entfällt auf die Kiesschifffahrt, die nach eigenen Angaben die bestehenden Regeln für die Abgabe aus dem See für rentable Transporte braucht.
Ließe sich der Druck auf den Edersee und seine Wasserreserve im Sommer verringern, indem der Runde Tisch auch nach realistischem Ausgleich für die Kiesfirmen sucht, falls die Talsperre weniger Wasser während der Saison abgibt? Erweiterte Lagerflächen an der Oberweser, die in wasserreicheren Monaten bestückt werden könnten, wären ein solches Thema. Der Staatssekretär verwies darauf, dass er nicht tief genug mit der Materie vertraut sei, um konkrete Aussagen zu solchen Ansätzen zu treffen.
Keine Sonderwellen für AKW-Abbau an der Oberweser notwendig
„Keine Denkverbote“ forderte Esther Dilcher für die Edersee-Gespräche am Runden Tisch und sprach ein Ausbaggern des Sees an, um die Speicherkapazitäten wieder zu erhöhen. Rund drei Millionen Kubikmeter Wasser täglich gingen vor dem Einstellen der Stützung zuletzt an die Weser, erinnerte WSA-Chef Henning Buchholz. Allein der Erdaushub für einen Tag sei schwer unterzubringen, meinte er und verwies überdies auf hohe Kosten eines solchen Projektes.
Mit dem gleichen Argument fängt er Hoffnungen auf größere Investitionen in die Oberweser als Bundeswasserstraße ein. Der Bau von Schleusen etwa sei kalkuliert worden. Der Bund habe keine Chance, die Ausgaben im Nachhinein über Steuereinnahmen zu refinanzieren. Mit Blick auf den bevorstehenden Abriss des Atomkraftwerkes Grohnde stellte Buchholz klar, dass für den Abtransport der Trümmer keine Schwertransporte nötig werden und damit auch keine zusätzlichen Wellen. Aber die Gewerbeschifffahrt, die diese Aufgabe übernehmen, sei wie die Kiesschifffahrt auf den geltenden Zielpegel in Hann. Münden angewiesen, besonders im Frühjahr. Bei Wassermangel im Sommer werde das Abrissmaterial zwischengelagert.
Auch zur ökologischen Situation im Edersee bezog Buchholz auf Nachfrage des Staatssekretärs Stellung. Die Bildung von Teppichen aus Cyanobakterien oder „Blaualgen“ gefährde offenbar auch bei 40 Millionen Kubikmetern Talsperreninhalt nicht die Stabilität der Lebensräume. Darauf deuteten momentan die Untersuchungen der Fachbehörden hin. (Matthias Schuldt)
Die Sommersaison am Edersee endete 2026 zum wiederholten Mal vorzeitig.