Stand: 15.08.2026, 17:45 Uhr
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Kiefertraining, Biohacking, Knochenbruch: Der Drang nach Perfektion kennt kaum noch Grenzen. Prof. Dominik Pförringer über den Irrweg der Selbstoptimierung.
München – Die Menschheit strebt seit Jahrhunderten den jeweils aktuellen Schönheitsidealen nach. Da wurde von der Schnürung der Wespentaille über das Dauerhungern vieles ausprobiert und vieles glücklicherweise wieder verlassen. Heutzutage kennt – in TEILEN – der Wille sich zu optimieren, sich zu idealisieren, sich zu perfektionieren kaum mehr eine Grenze.
Premium Medical Circle – Das Netzwerk für medizinische Exzellenz
Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Premium Medical Circle (PMC) – dem Netzwerk für medizinische Exzellenz und erstklassigen Gesundheitsjournalismus. PMC vernetzt führende Expertinnen und Experten und kuratiert fundiertes Wissen und neue Perspektiven aus Medizin und Gesundheit.
Da wird vermessen, da wird analysiert, da wird optimiert. Dann kommen ein paar schnelle Köpfe – wie fundiert deren Expertise medizinisch ist, das vermögen andere zu beurteilen – und helfen, all das zu verbessern, also in erster Linie die Ökonomie, nur wessen Ökonomie genau?

Durch Nahrungsergänzungsmittel, durch Wearables und durch ganz viel, was vom Kern ablenkt, wird da gefeilt. Ja, Sie haben richtig gelesen: vom Kern ablenkt: Vom Menschen und seinem Hirn, vom klaren Menschenverstand, vom Charakter, fokussierend rein auf den Körper als tuning-fähige Maschinerie.
Und wie so oft hilft uns Einstein, unsere Gedanken zu sortieren: „Zwei Dinge sind unendlich: das All und die Dummheit der Menschen, beim All bin ich noch nicht ganz sicher“ – wir erleben es: dümmer geht es immer und so wagen sich einige (wenige) weit über das Ziel hinaus.
Univ.-Prof. Dr. med. Dominik Pförringer
Univ.-Prof. Dr. med. Dominik Pförringer praktiziert in seiner Praxis für Orthopädie und Unfallchirurgie in der Theatinerstraße in München. Er ist spezialisiert auf Künstliches Ellenbogengelenk, Künstliches Hüftgelenk, Künstliches Kniegelenk und Künstliches Schultergelenk.
Looksmaxxing kennt keine Vernunft
Da werden Gesichtsknochen in Eigenregie gebrochen, um Schwellungen zu provozieren und Kanten zu formen. Ja, Sie lesen richtig, so mancher bricht sich selbst mutwillig Knochen im Gesichtsbereich. Das übertrifft die Kurzsichtigkeit der Risikoabwägung eines Tattoos in einigen Aspekten enorm.
Da denkt scheinbar ein kleiner Kreis an eigenwilligen Individuen, nicht die Welt müsse besser werden, sondern der Winkel aus dem man sie ablichtet. Es geht um die Maximierung der Selbstdarstellung, um den optischen Eindruck, den der Performance-pflichtige, der Ästhetik-affine, der selbstsüchtige Mensch zu hinterlassen gedenkt.
Diesem Selbstoptimierungswahn geben diverse Portale eine Bühne und so mancher produziert daraus seine eigene – natürlich wieder rein Ego-fixierte – Seifenoper. Es sei jedem selbst überlassen, sich und seinen Körper nach seinen Wünschen und Möglichkeiten zu gestalten und zu verunstalten.
Sich und seine Psyche zu heilen, indem man sich selbst verletzt ist im besten Falle als eigenwillig einzustufen. Helmut Gansterers Buch „Geist schlägt Geld“, mag ein Fels in der Brandung, ein Weckruf sein, die Relationen zu überdenken, wer sich in welcher Dimension auf welchem Prüfstand messen möchte.
Es werden Nahrungsergänzungsmittel unkontrolliert konsumiert, Substanzen, deren Mehrwert bei einem immungesunden Menschen, der sich ausgewogen ernährt, als höchst unklar einzustufen ist. Es werden unnatürlich harte Gegenstände gekaut, um die Kiefermuskulatur zu kräftigen. Wenn Sie das nicht verstehen oder nachvollziehen können, so sind Sie nicht alleine.
Vermutlich bin ich aus der Zeit gefallen und kann den Themen nicht mehr folgen. Sport mag jeder für sich selbst beurteilen, Stil, Style und Eleganz stehen jedem persönlich als Auslegung zur Verfügung. Der oberste Leitsatz der Medizin „primum non nocere“ – in erster Linie nicht zu schaden, gilt primär für das Verhältnis des Arztes zum Patienten.
Aber auch sich selbst für ein fragwürdiges Ergebnis zu verletzen, das ist aus medizinischer Perspektive wenigstens sehr kritisch zu beleuchten. Die Optimierung des Körpers mag erstrebenswert sein, jedoch sei stets auch an die potenziellen Nebenwirkungen gedacht, die insbesondere im Rahmen von Verletzungen nicht unerheblich sind.
Mens sana in corpore sano – was wir vergessen haben
Ziehen wir Juvenal aus dem zweiten Jahrhundert zu Rate, so schrieb er zurecht: Orandum est ut sit mens sana in corpore sano. „Man sollte darum bitten, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sei.“ Ob ein zerschmetterter Gesichtsknochen Rückschlüsse auf den Inhalt des Schädels zulässt, diese Herleitung überlasse ich jedem individuell, lieber Leser.
Wenn Optimierung zur Obsession, wenn Winkel wichtiger als Wissen werden, dann wurde der Pfad der Heilkunde aus den Augen verloren, dann bedarf es vielleicht eines kleinen Eisbades, vielleicht auch nur einzelner Körperteile.
Am Ende gebe ich uns allen folgendes Bonmot zum Nachdenken mit: „When it gets warm, do remember to dress for the body you have, not for the one you wish for.“ – bleiben wir also elegant, ladies and gentlemen. (von Prof. Dominik Pförringer)