Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: Ein Kilometer in Magdeburg trennt zwei Welten

Am Tag vor dem alles entscheidenden Tag ist das gern gemütliche Magdeburg an allen Stellen laut. Schon am Hauptbahnhof macht Sachsen-Anhalts Hauptstadt mit Trillerpfeifen, Polizeisirenen und Sprechchören klar: Hier geht es für viele um nicht weniger als alles – die wichtigste Wahl des Jahres, die womöglich erste Regierung von Rechtspopulisten mit rechtsextremen Verwurzelungen in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg, vielleicht sogar um die Demokratie, wie wir sie bisher kennen.

Demokratiefestival in Magdeburg

Isabel und Nancy demonstrieren für die Demokratie.

© Robert Ide

„Ich habe Angst, dass hier aus Frust heraus die falschen Leute an die Macht kommen“, sagt Nancy aus Magdeburg, bevor sie sich mit ihrer alten Schulfreundin Isabel unter das Demovolk mischt. Im Protestzug des Bündnisses „Sachsen-Anhalt weltoffen“ ziehen die beiden durch die Straßen ihrer Heimatstadt – auch weil sie Angst haben um ihre Kinder und ihre Freiheiten. „Früher in der DDR wurden die Leute verpetzt“, sagt Nancy, „mit einer Bürgerwehr, wie sie die AfD will, würde das wieder passieren.“ Ihre Freundin Isabel, die im städtischen Klinikum arbeitet, sagt: „Wir wollen nicht, dass Deutschland uns abschreibt als undankbare Ossis.“

Ein Volksfest in AfD-Blau

Nur einen guten Kilometer entfernt sichern Polizeiwagen ein Kultur- und Kongresszentrum ab und kontrollieren schon an den Zufahrten alle Ausweise und Zugangsberechtigungen. Hier hält am gleichen Sonnabendnachmittag die AfD ihren Wahlkampfabschluss ab, nach einem emotionalisierenden Wahlkampf, der ihr seit Monaten in Umfragen gut 40 Prozent der Stimmen voraussagt. Eine der Helferinnen an der Halle ist Claudia aus Stendal. Die 41-Jährige trägt eine Art Gymnastikdress in AfD-blauen Farben. Auf ihren Rücken ist eine Friedenstaube gedruckt, auf einer ihrer beiden Pobacken der Spruch „Altparteien: Nee!“, auf der anderen: „Wählt AfD!“.

Wahlkampfabschluss der AfD in Magdeburg

Claudia aus Stendal glaubt, die AfD sei nicht mehr aufzuhalten.

© Robert Ide

Immer mehr Menschen treffen hier ein, mit Volksfestlaune, Deutschlandfahnen, Siegmund-T-Shirts oder eben blauen Gymnastikanzügen. Selbst wenn ihre Partei die angestrebte absolute Mehrheit verpassen sollte, würden sie weitermachen, sagt Claudia, die von rechtsgerichteten Influencern umlagert wird: „Wir sind nicht mehr aufzuhalten.“ Nicht wenige Familien sind gekommen, dennoch ist der Anteil älterer Männer höher als bei der Gegendemo, die inzwischen am Domplatz angekommen ist.

Die Menschen jubeln sich Mut zu

Inmitten der Stadt schlägt an diesem Nachmittag das laute Herz der Zivilgesellschaft. Das Bündnis „Sachsen-Anhalt weltoffen“, getragen von nicht weniger als 300 Organisationen wie der Arbeiterwohlfahrt und den Gewerkschaften, kann sich vor Jubel kaum retten. Gut 10.000 Menschen sind gekommen, viele tragen Aufkleber „FCK NZS“ und halten selbstbemalte Schilder für Demokratie und Frauenrechte hoch. Rednerinnen und Redner von Demokratiebündnissen rufen den Anwesenden Mut zu, und wohl auch sich selbst. Luna Möbius, Queer-Aktivist aus Halle (Saale), erzählt auf der Bühne von seiner Angst nach dem islamistischen Anschlag auf den CSD in Berlin und der Angst vor rechter Gewalt. „Aber heute habe ich keine Angst mehr, denn heute habe ich hier viele Freunde, die mir helfen.“ Die Menschen jubeln sich Mut zu.

05.09.2026, Sachsen-Anhalt, Magdeburg: Tausende Gäste des Demokratiefestivals stehen auf dem Domplatz. Einen Tag vor der Landtagswahl findet hier ein Demokratiefestival des Bündnisses "Sachsen-Anhalt. Weltoffen" unter dem Motto "Vielfältig. Demokratisch. Solidarisch. - Wir haben die Wahl." statt. Foto: Jan Woitas/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Auf dem Domplatz versammelten sich 10.000 Menschen für ein weltoffenes Sachsen-Anhalt.

© dpa/Jan Woitas

Auf der AfD-Party fließt das Bier derweil in Strömen, auch Wahlkampfmanager Hans-Thomas Tillschneider bestellt sich ein Glas. Angesprochen auf die von der AfD heraufbeschworenen angeblichen Unregelmäßigkeiten bei der Briefwahl sagt er dem Tagesspiegel: „Natürlich werden wir das Wahlergebnis anerkennen.“ Die Briefwahl ermögliche Manipulationen. „Wir wittern aber nicht die große Verschwörung.“ Ungeachtet dessen hat die AfD ihre Anhänger aufgerufen, die Wahl am Sonntag genau zu beobachten und Verdächtiges zu melden.

Was passiert nach 18 Uhr?

Politprominenz mischt unter das Publikum auf dem Domplatz. Eva von Angern, Spitzenkandidatin der Linken hier im Land, und Bundestagsfraktionschefin Heidi Reichinnek, die aus Berlin in ihre alte Heimat Sachsen-Anhalt gekommen ist, werden von Influencer-Kameras umlagert. Würde sie, die sich auf Social Media beständig über Kanzler Friedrich Merz und seine CDU empört, eine Tolerierung einer CDU-Minderheitsregierung in Magdeburg mittragen? „Das entscheiden die Leute hier vor Ort“, sagt Reichinnek dem Tagesspiegel. „Wir müssen Lösungen finden, zum Beispiel für die Arbeitsplätze im Chemiedreieck.“ Was so viel heißt wie: An der Linken soll eine Regierung gegen die AfD nicht scheitern.

Demokratiefestival in Magdeburg

Linken-Spitzenkandidatin Eva von Angern (links) wird auf dem Domplatz unterstützt von Bundestags-Fraktionschefin Heidi Reichinnek.

© Robert Ide

An der CDU könnte sie es schon eher. Ministerpräsident Sven Schulze war zumindest nicht beim Demokratiefestival auf dem Domplatz zu sehen. Parteiinterne Gespräche dürften wohl auch wichtiger sein. Denn schon jetzt regt sich, etwa im Kreisverband Harz, offener Widerstand gegen jede noch so verdeckte Beteiligung der Linken. Je schlechter das CDU-Ergebnis, desto lauter wird der Widerstand in der Partei werden.

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In der Kulturhalle der AfD herrscht derweil volle Dröhnung, hier hämmern Technobässe den Anwesenden ein. Musik mit vorgeblich patriotischen Texten wird eingespielt, dazu zeigen Werbefilme AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund bei seinen von Tausenden umjubelten Ausfahrten mit dem DDR-Moped Simson. „Ich habe so einen Wahlkampf noch nie gesehen“, ruft die extra angereiste Parteichefin Alice Weidel den Beseelten zu und gibt für sich selbst die Parole aus: „Wir als AfD wollen den Kanzler oder die Kanzlerin stellen. Das ist unser Anspruch. Und morgen ist der Uli Ministerpräsident.“ Dass Siegmund selbst bei einem Sieg so schnell nicht ins Amt kommt, das wird hier verschwiegen.

Einen Kilometer entfernt steht Shilan auf dem Domplatz. Mit ihren beiden Schwestern ist die Magdeburgerin hergekommen, auch ihr Vater Samir ist dabei, der vor 26 Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen ist. „Wir spüren jetzt schon den Hass gegen uns, bei der Wohnungssuche oder wenn wir uns um eine Arbeit bewerben“, berichtet Shilan in akzentfreiem Deutsch. „Wir alle arbeiten und studieren, wir sind Deutschland dankbar und wollen etwas beitragen.“ Natürlich sollten kriminelle Ausländer abgeschoben werden, findet die 25‑Jährige. Ihr Vater nickt und ergänzt: „Syrien ist weiterhin kein sicheres Land für Frauen. Sollen etwa meine Töchter dorthin zurück?“

Demokratiefestival in Magdeburg

Shilan aus Magdeburg (links) demonstrierte mit ihren beiden Schwestern und ihrem syrischen Vater beim Demokratiefestival auf dem Domplatz.

© Robert Ide

Beim Fest der AfD denkt Astrid Rauner das genaue Gegenteil. „Die Integrierten glauben den Scheiß doch nicht, dass wir die alle abschieben wollen“, sagt die 63-Jährige, die ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Die blaue Welle“ trägt und für die AfD im Stadtrat in Hohenmölsen sitzt. Gleichzeitig findet sie die angestrebte Remigration richtig. „Kulturfremde, die Frauenrechte und Menschenrechte nicht achten, müssen raus.“ Und Kinder, die zurückgeblieben seien, die sollten eben auf Sonderschulen, so wie es im AfD-Programm stehe. „In der DDR hießen die Hilfsschulen.“ Auch in den Reden vorne wird klar: Die AfD will Menschen aussortieren. Im Saal wird das Lied „Send them back“ eingespielt – gemeint damit sind wohl die Ausländer.

Wahlkampfabschluss der AfD in Magdeburg

Astrid Rauner, AfD-Stadträtin in Sachsen-Anhalt, findet die Remigration richtig.

© Robert Ide

Auf dem Domplatz setzt Regen ein, doch auch hier feiern die Menschen weiter. Bands spielen und rufen zum Widerstand gegen Rechts auf. Auch am späteren Abend noch ist der Platz gut gefüllt. Regenbogenfahnen werden geschwenkt, Nationalflaggen sind nicht erwünscht – weder die deutsche noch die sowjetische. Ein Kommunist mit Sowjetbanner wird von den Ordnern wieder nach Hause geschickt. Vom Podium aus rufen Rednerinnen und Redner zu Friedfertigkeit auf.

Schimpftiraden gegen Medien und die anderen Parteien

In der AfD-Halle werden unentwegt Deutschlandfähnchen geschwenkt, die Stimmung ist nach bald zwei Stunden Reden und Ballermann-Musik mit Deutschstolz-Texten aufgeheizt für den Höhepunkt. Nach Schimpftiraden gegen den „sogenannten Qualitätsjournalismus, der in Wahrheit perfide, demokratiefeindlich und verlogen ist“ (AfD-Landeschef Martin Reichardt), Schmährufe gegen den Ministerpräsidenten „Sven Müller, Meier, Schulze – wie heißt der noch mal? Der kann weg!“ (der AfD-Landtagsabgeordnete Oliver Kirchner) oder gegen Linken-Chefin von Angern als „schlecht erzogene Tochter eines Stasi-Vaters“ (wieder Kirchner) und sowieso gegen die Grünen oder gegen Friedrich Merz, der zuletzt sichtbar beim Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern auftrat, „der also in den Osten kommt und uns den Fisch wegfrisst“ (AfD-Chef Tino Chrupalla) sowie allgemeines Geätze gegen die „Altparteien-Tyrannei, die gegen die Würde des Menschen verstößt“ (Tillschneider) ist eine Frage nicht mehr wegzudenken: Wie kann nach einem derart aufgeheizten Wahlkampf dieses Land wieder zusammengeführt werden? Soll es das überhaupt?

Ein Kilometer trennt beide Orte, und doch sind es zwei verschiedene Welten, abgeschirmt von der Polizei. Am Sonntag treffen sie im Wahllokal aufeinander. Und dann bei der Auszählung. Und was passiert danach? Die Polizei bleibt jedenfalls zu Tausenden in der Stadt postiert und richtet sich auf Proteste aller Seiten ein. Politisch löst das aber noch nichts. „Wir übernehmen Verantwortung“, hat der in Umfragen abgeschlagene Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) in der letzten Wahlkampfwoche mantraartig gesagt. Für ihn heißt das wohl: Trotz aller Fliehkräfte will er eine Minderheitsregierung bilden, auch wenn diese auch von er Linken abhängt und dabei so instabil zu werden droht wie die derzeit durch die Selbstzerstörung des BSW ins Wanken gebrachte Koalition in Thüringen.

Ulrich Siegmund, top candidate in the Saxony-Anhalt state election for the far-right Alternative for Germany (AfD) party, addresses a campaign event in Magdeburg, eastern Germany, on September 5, 2026, one day before regional elections in the eastern federal state of Saxony-Anhalt. Germany faces a landmark regional election on September 6, 2026 in the ex-communist east where the far-right Alternative for Germany (AfD) party is easily expected to win and has its sights on heading its first state government. While it is far from assured that Alternative for Germany will win enough votes to rule the state alone, topping the polls in Saxony-Anhalt state would heap pressure on Chancellor Friedrich Merz and spell another boost for the anti-immigration party. (Photo by Ronny HARTMANN / AFP)

Ulrich Siegmund kündigt an, er wolle auch mit einer Stimme Mehrheit regieren.

© AFP/RONNY HARTMANN

Ulrich Siegmund würde solch ein Wagnis nicht eingehen. Als er nach zwei Stunden von Jubel umtost und Konfetti beregnet in den Saal schreitet, gibt er sich der Demokratie zugewandt. „Wir strecken jedem die Hand aus, der vernünftige Politik machen will. Aber ich sehe diesen Partner aktuell nicht.“ Sein Wahlziel seien daher mindestens 45 Prozent, seine Partei sei auf eine Alleinregierung vorbereitet. Einen von ihm selbst verbreiteten Zweifel räumt er dabei wieder aus: „Natürlich werden wir auch mit nur einer Stimme Mehrheit in die Regierung eintreten.“

Siegmund merkt, dass er nun - trotz „gesichert rechtextremer“ Parteiverbände im Osten so nah an der Macht wie noch nie - auch springen muss. Denn die Bundespartei sieht Sachsen-Anhalt nur als Zwischenschritt zu einer Regierung in Deutschland. Es gehe „um jeden Millimeter unseres wunderschönen Vaterlandes“, ruft also Siegmund der jubelnden Menge zu. Eine Hintertür aber lässt er sich selbst offen. „Egal wie es ausgeht: Wir haben Geschichte geschrieben. Wir sind die Zukunft.“ Er jedenfalls fange jetzt erst richtig an.

Eines ist in der Tat wahr: Magdeburg, Sachsen-Anhalt, Deutschland, womöglich sogar Europa stehen vor einem historischen Tag. Ab Sonntag, 18 Uhr, müssen dann wieder zwei Welten zusammengeführt werden, zwei Welten, die am Sonnabend nur einen Kilometer entfernt voneinander lagen und doch unendlich weit weg.

Auf der Bühne am Domplatz singt die Band „Juli“ in die Magdeburger Nacht: „Ich hab’ nichts unversucht gelassen, dich zu hassen, doch es geht nicht.“