Lage „mehr als kritisch“: VW-Chef stimmt auf Krisenmodus ein

Lage „mehr als kritisch“

Volkswagen-Chef Oliver Blume hat mit Blick auf die beim deutschen Autokonzern anstehenden Herausforderungen die gesamte Belegschaft zu Zusammenhalt aufgerufen. „Auf die nächsten Wochen kommt es an: Alle müssen mitziehen. Wir haben den größten Transformationsplan in der Geschichte des Volkswagen-Konzerns aufgesetzt“, stimmte Blume die VW-Belegschaft im Interview mit der „Bild am Sonntag“ auf einen wohl tiefgreifenden Krisenmodus ein.

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Die nächsten Jahre seien entscheidend, wer im Rennen bleibe und wer an die Spitze fahre. Es gebe enormen Spardruck, der auf einen fundamentalen Marktwandel und globale Verwerfungen zurückzuführen sei, wie Blume ausführte.

Die weltweite Autoindustrie sei nach den Worten des VW-Chefs in einer „Megakrise“: „Und der Volkswagen-Konzern ist mittendrin. Geopolitik, Handelsbarrieren, Regulatorik, schwache Märkte und massiver Wettbewerb fordern alle.“

Oliver Blume
Blume beschrieb die Lage bei VW gegenüber der „Bild am Sonntag“ als „mehr als kritisch“

Außerordentliche Betriebsversammlungen

In der kommenden Woche steht Medienberichten zufolge bei Volkswagen eine Reihe von außerordentlichen Betriebsversammlungen an. Den Auftakt macht am 25. August Wolfsburg, tags darauf folgen Emden und Zwickau und Betriebsversammlungen in weiteren deutschen VW-Standorten, den Abschluss macht am 31. August Hannover.

Insgesamt sind in den nächsten Tagen bis Ende August neun Betriebsversammlungen etwa in Braunschweig, Salzgitter, Dresden, Chemnitz und Kassel-Baunatal geplant, bei denen der Vorstand der Belegschaft Rede und Antwort stehen soll. Die Arbeitnehmerseite fordert vom Vorstand Details zu den zuletzt kolportierten Sparplänen und Entlassungen.

Zehntausende Jobs betroffen

Blume hatte bereits im Frühjahr angekündigt, an einem neuen „Zielbild 2030“ für VW zu arbeiten und dabei den Sparkurs deutlich zu verschärfen. Seitdem wird bei dem Konzern um vier Werke und bis zu 50.000 zusätzliche Stellen gebangt.

Blume hatte erst kürzlich in einem Interview im VW-Intranet gesagt, die Lage bei VW sei „mehr als kritisch“. Es gebe dringenden Handlungsbedarf. Die Rendite von 3,8 Prozent sei zwar solide, reiche aber bei Weitem nicht aus, um dauerhaft ausreichende Mittel für neue Technologien und Produkte sowie die Standorte zu erwirtschaften.

Bisherige Einsparungen, etwa um durchschnittlich 20 Prozent gesenkte Fabrikkosten in deutschen Autofabriken im vergangenen Jahr, seien noch nicht ausreichend. „Wir sind überdimensioniert. Das macht uns oft zu langsam und zu kompliziert“, beschrieb der VW-Chef das Problem.

Noch keine Entscheidungen über Werksschließungen

Mit Blick auf die als bedroht bezeichneten VW-Werke in Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm wiederholte Blume, dass hier noch keine Entscheidung über „konkrete Werksschließungen“ getroffen wurde. Die im Raum stehende Zahl von 50.000 bedrohten Stellen bezeichnete Blume als „keine fixe Zielgröße“. Sie errechne sich aus dem Kostenziel im Vergleich zum Wettbewerb und gebe eine Orientierung, wie groß der Handlungsbedarf sei.

Deutsche Autoindustrie mit so wenigen Jobs wie 2005

Wie das deutsche Statistikamt zuletzt mitteilte, beschäftigt die unter anderem durch chinesische Konkurrenten und hohe US-Zölle in Bedrängnis geratene deutsche Autoindustrie derzeit so wenige Mitarbeitende wie seit über 20 Jahren nicht mehr. Im ersten Halbjahr seien es noch 691.500 Jobs gewesen.

„Seit 2005 waren noch nie weniger Menschen in der Branche beschäftigt“, so das deutsche Statistische Bundesamt am Freitag. Binnen eines Jahres sank die Zahl um 42.300. In keinem anderen großen Industriezweig fielen in Deutschland so viele Jobs weg. Dennoch bleibt die Automobilbranche der zweitgrößte Industriearbeitgeber nach dem Maschinenbau mit 905.900 Beschäftigten.

„Beim Thema Jobs gibt es keinerlei Entwarnung“

Quer durch die deutsche Autobranche bleiben die Zeichen auf einem verschärften Sparkurs. So beschloss etwa auch die VW-Sportwagentochter Porsche kürzlich den Wegfall von 5.000 Jobs bis 2032. Der als krisenfest geltende Münchner Autobauer BMW will Berichten zufolge rund 8.000 Stellen in Verwaltung und Entwicklung streichen. Mercedes-Benz setzt den Sparkurs nach dem freiwilligen Ausscheiden Tausender Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen außerhalb der Produktion fort, ohne Zahlen zu nennen.

Eine schnelle Trendwende erwarten Experten nicht. „Beim Thema Jobs gibt es keinerlei Entwarnung – im Gegenteil“, sagte Jan Brorhilker von der Unternehmensberatung EY. „Viele Unternehmen haben ihren Restrukturierungskurs noch lange nicht abgeschlossen.“

Die exportabhängige deutsche Industrie steht von mehreren Seiten unter Druck. Ihr wichtigster Kunde USA hat unter Präsident Donald Trump hohe Importzölle verhängt, die die Nachfrage nach Waren „Made in Germany“ drücken. China wiederum stellt inzwischen viele Produkte her, die früher aus Deutschland importiert wurden – etwa Autos und Maschinen.