Wahl in Sachsen-Anhalt AfD an der Schwelle zur absoluten Mehrheit
Analyse · Mit DDR-Nostalgie, der Charmeoffensive eines jungen Spitzenkandidaten und einem radikalen Programm machte die AfD in Sachsen-Anhalt Wahlkampf. Am Abend der Landtagswahl zeigt sich: Die Rechtspopulisten könnten sogar die absolute Mehrheit erreichen.
06.09.2026 , 19:05 Uhr
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund und seine Ehefrau Julia verlassen das Wahllokal in Tangermünde.
Foto: Heiko Rebsch/dpa/Heiko Rebsch
Magdeburg Auf der Wahlparty bricht lauter Jubel aus: Die AfD ist bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit deutlichem Abstand stärkste Kraft geworden. Nach der Prognose um 18 Uhr und den ersten Hochrechnungen könnte sie sogar die Schwelle erreichen, die die Rechtsaußenpartei für den Griff zur Regierungsmacht ausgegeben hatte: „45 Prozent plus X“. Auf der Wahlparty im Alten Theater auf dem Magdeburger Messegelände feiern die Anhänger von Spitzenkandidat Ulrich Siegmund die Niederlage der CDU ebenso wie den eigenen Erfolg – mit dabei viele AfD-Spitzenpolitiker aus dem ganzen Land, darunter Parteichefin Alice Weidel. Rechtsaußenpolitiker Björn Höcke trat auf die Bühne und sang das Lied: „So ein Tag so wunderschön wie heute“.
Erreicht die AfD die absolute Mehrheit in Sachsen-Anhalt?
Den Hochrechnungen zufolge konnte die AfD ihren Stimmenanteil auf 44,1 bis 44,5 Prozent (2021: 20,8 Prozent) mehr als verdoppeln. Die CDU halbierte etwa ihren Stimmenanteil und steuerte mit 18,5 Prozent (37,1 Prozent) auf ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zu. Die Linke erhielt 9,2 bis 9,4 Prozent (11 Prozent). Die Grünen lagen bei 8,7 bis 8,9 Prozent (5,9 Prozent). Die SPD kam auf 8,2 bis 8,8 Prozent (8,4 Prozent). Die FDP flog mit 2,1 bis 2,4 Prozent (6,4 Prozent) aus dem Parlament. Das Bündnis Sahra Wagenknecht stand bei 4,8 bis 5 Prozent.
„Wir haben in diesem Land Geschichte geschrieben“, sagte AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, der erst später zur Wahlparty kommen sollte, in der ARD. Er strecke seine Hand nach allen anderen politischen Kräften aus, aber nur nach denjenigen, die mit ihm eine klare politische Wende mitmachen wollten. „Was es mit mir nicht geben wird: Ein Verbiegen der eigenen Werte für Machtoptionen.“ Dann stehe er nicht für eine Koalition oder für eine Minderheitsregierung zur Verfügung. Weidel sprach von einem „historischen Ergebnis“. Sie betonte im ZDF: „Das ist ein ganz klarer Regierungsauftrag.“ Die AfD setzt darauf, dass Sachsen-Anhalt nur der Anfang ist – Ziel ist die Macht im Bund.
Der amtierende Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) erreichte rechnerisch keine Mehrheit mit anderen Parteien der Mitte – etwa mit CDU, SPD und Grünen, ohne die Linke. Im Wahlkampf hatte sich Schulze klar gegen die AfD positioniert. Bei der Frage, ob er nach der Wahl mit den Linken zusammenarbeiten würde, bleibt er vage. Der CDU-Spitzenkandidat ist nach dem Rücktritt von Reiner Haseloff erst seit Januar Regierungschef. Der 47-jährige Wirtschaftsingenieur und dreifache Vater konnte damit nicht im gleichen Maße vom Amtsinhaberbonus profitieren wie ein langjähriger Regierungschef.
Rund 1,7 Millionen Menschen in dem Bundesland waren zur Wahl aufgerufen. In Magdeburg sicherte die Polizei das Messegelände weiträumig ab, wo auch die zentrale Wahlveranstaltung des Landtags ausgerichtet wurde.
Der Medienandrang war groß. Viele deutsche und internationale Journalisten sind angereist, um vor Ort zu beobachten, ob die AfD erstmals eine Landesregierung in Deutschland führen könnte – und damit, wie die britische Zeitschrift Economist bemerkte, „die erste nationalistische rechte Partei wäre, die seit 1945 in Deutschland eine Regierung führt“. Und das mit einem Landesverband, der vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird.
Jüdische Unternehmerfamilie Simson sieht Nutzung des Mopeds von AfD-Spitzenkandidat als Hohn
Im Wahlkampf hatte die AfD auf DDR-Nostalgie gesetzt, Simson-Ausfahrten und Fototermine mit ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund. Der 35-Jährige, der am 25. Oktober 1990 und damit nach der Wiedervereinigung geboren wurde, machte das DDR-Kultmoped zu einem wichtigen Teil seiner Kampagne. Er lud Bürger unter anderem in seiner Heimatstadt Tangermünde zu gemeinsamen Ausfahrten ein.
Die Nachfahren der jüdischen Unternehmerfamilie Simson kritisierten die Nutzung des Markennamens durch die AfD und sahen darin eine Verhöhnung ihrer Familiengeschichte. Siegmund hielt an den Wahlkampfaktionen fest.
Über Tiktok und andere soziale Medien verbreitete der Posterboy der AfD mit betont guter Laune radikale Botschaften einer „Remigrationsoffensive“ und der „blauen Welle“, die von Sachsen-Anhalt aus über das ganze Land rollen solle. Das „Regierungsprogramm“ der AfD enthält neben der Ankündigung zahlreicher Abschiebungen unter anderem Forderungen nach einer „freiwilligen Bürgerwacht“, einem Recht auf „Hausunterricht“ und einer „patriotischen Kulturpolitik“. Die weltberühmte Bauhaus-Kultur wird kritisiert, weil sie „jedes Anzeichen von nationaler Verwurzelung“ vermeide. Als erste Sofortmaßnahme ist die Kündigung der Rundfunkstaatsverträge geplant.