Wahl Sachsen-Anhalt 2026: IHK Darmstadt warnt vor Folgen der Abschottung

Nach dem deutlichen Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt am Sonntag rückt die Frage nach den wirtschaftlichen Folgen nationaler Abschottung auch in Hessen stärker in den Fokus. Die Industrie- und Handelskammer Darmstadt hat nun vor einem Austritt Deutschlands aus dem Euro-System und dem Schengenraum sowie vor einer deutlichen Begrenzung regulärer Zuwanderung gewarnt.

In einem aktuellen Statement heben Christian Jöst, Präsident der IHK Darmstadt/Rhein-Main-Neckar, und Hauptgeschäftsführer Robert Lippmann zwar hervor, nicht unmittelbar nur auf die Wahl reagieren zu wollen – ihre Warnung erhält durch das Ergebnis jedoch zusätzliche politische Aktualität. Die von der IHK kritisierten Positionen – ein Ende des Eurosystems, eine Rückkehr zu stärker national kontrollierten Grenzen und eine deutliche Begrenzung der Zuwanderung – gehören zum Forderungsspektrum der AfD.

Die wirtschaftlichen Folgen eines solchen Kurses wären nach Einschätzung der IHK erheblich, schließlich gingen mehr als die Hälfte der deutschen Warenausfuhren in die Europäische Union. „In Südhessen erwirtschaftet das verarbeitende Gewerbe mehr als sechs von zehn Euro seines Umsatzes im Ausland“, mahnen die beiden IHK‑Vertreter. Der Euro mache Geschäfte im gemeinsamen Währungsraum kalkulierbarer, weil Wechselkursrisiken entfielen. Eine neue deutsche Währung würde diese Risiken in den Augen der Wirtschaftsexperten zurückbringen und deutsche Exporte verteuern. „Ausgerechnet eine Exportnation würde damit einen wichtigen Vorteil ihres Geschäftsmodells aufs Spiel setzen.“

„Offene Grenzen sind Teil der wirtschaftlichen Infrastruktur“

Ähnlich argumentiert die IHK beim Schengenraum. Offene Grenzen seien Teil der wirtschaftlichen Infrastruktur, weil Waren Grenzen passieren müssten oder Lieferketten und Produktionsprozesse europaweit organisiert seien. Dauerhafte Grenzkontrollen bedeuteten zusätzliche Wartezeiten, bürokratischen Aufwand und höhere Kosten.

Zudem lenkt die Kammer den Blick auf den Arbeitsmarkt. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes würde die Zahl der Einwohner Deutschlands im Alter von 20 bis 66 Jahren ohne Nettozuwanderung bis 2035 um rund 6,2 Millionen sinken. Allein in Hessen erreichen in den nächsten sieben Jahren rund 295.000 Menschen das Rentenalter. Betroffen wären demnach nicht nur Industrie und Handwerk, sondern auch Logistik, Gastronomie, Handel und Dienstleistungen.

Die IHK räumt ein, dass Deutschland eigene Potentiale besser nutzen müsse – durch eine höhere Erwerbsbeteiligung, bessere Qualifizierung, Digitalisierung und mehr Produktivität. Das allein werde jedoch nicht reichen. Wer reguläre Zuwanderung deutlich begrenzen wolle, müsse deshalb beantworten, wer künftig die Arbeit machen solle. „Fehlende Arbeitskräfte bedeuten weniger Produktion, weniger Investitionen und weniger Wohlstand“, heißt es von den IHK-Vertretern. Die IHK Darmstadt/Rhein-Main-Neckar vertritt rund 65.000 Mitgliedsunternehmen.

Für Hessen habe die Debatte unmittelbare Bedeutung, denn die hiesige Wirtschaft lebe von internationaler Industrie, Forschung und Technologie, vom Frankfurter Flughafen, europäischen Wertschöpfungsketten und Fachkräften aus aller Welt. Offenheit sei kein abstraktes Ideal, sondern Teil des regionalen Geschäftsmodells, schreiben Jöst und Lippmann. Weniger Arbeitskräfte machten ein Land nicht leistungsfähiger, neue Grenzen Lieferketten nicht effizienter, und zusätzliche Wechselkursrisiken stärkten keine Exportnation. Wer solche Forderungen aufstelle oder akzeptiere, sollte wissen, was damit wirtschaftlich auf dem Spiel stehe.