Mode im Wien Museum
Nach mehr als 15 Jahren richtet das Wien Museum wieder eine Schau zum Thema Mode aus: „Farbenspiel“ erzählt die Kulturgeschichte der Farben anhand von Kleidung – wie eng Mode und Macht miteinander verwoben waren bis zur Frage, warum Gelb über Jahrhunderte verpönt war. Das bunte Modesammelsurium bietet viele sehenswerte Objekte, darunter Falcos Helmut-Lang-Anzug und exquisite Trauerroben.
Online seit gestern, 21.19 Uhr
Ein knallgelbes Cocktailkleid mit knallgelben Plexiglasplättchen an den Ärmeln, die beim wilden Tanzen gegeneinanderschlagen sollen – mit diesem ins Auge springenden Stück von 1987, einem Werk der Wiener Künstlerin Titanilla Eisenhart, eröffnet das Wien Museum seine Schau. Gelb als Kleidungsfarbe ist ungewöhnlich, erklärt Kuratorin Michaela Lindinger beim Rundgang mit ORF.at.
Der Grund: Ab dem Mittelalter symbolisierte Gelb Gift und Täuschung und wurde nur von jenen getragen, die außerhalb der Gesellschaft standen – etwa Hofnarren und Sexarbeiterinnen. „Gelb ist diese Farbe, die für Ausgrenzung steht. Dass die Judensterne gelb waren, das ist kein Zufall“, so Lindinger. Doch die Schau zeigt, dass die Farbsymbolik nicht statisch ist. Exemplarisch ausgestellt sind etwa zwei blassgelbe Sommerkleider aus den 1920er Jahren: Immer wenn Frauenrechte stark wurden, seien zuvor marginalisierte Töne zum Einsatz gekommen, so Lindinger.
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Riesige Modesammlung
Mit 25.000 Objekten besitzt das Wien Museum eine der europaweit größten Modesammlungen, die nun aus dem Depot geholt wurde. Rund 350 Stücke hat Lindinger gemeinsam mit der Modehistorikerin und früheren Sammlungsleiterin Regina Karner ausgewählt. Statt einer chronologischen Erzählung entschieden sich die Kuratorinnen für ein formales Prinzip: Farbblöcke. Stücke aus dem 18. und dem 21. Jahrhundert hängen nebeneinander, verbunden allein durch ihre Farbe. Kolo Mosers dunkelrotes Reformkleid wird etwa neben einem selbst genähten rosa Life-Ball-Kostüm mit Flamingofigur präsentiert.
Alte Farbe Rot
Rot zählt zu den ältesten Farben der Menschheit – schon im alten Ägypten wurde mit Hämatit gefärbt. Auch bei dieser Farbe gilt: Bedeutung ist beweglich. Das royale Rot stand zunächst für Stärke und Macht, später für Sexualität, Verführung – und schließlich auch für Emanzipation. Viel Bewegung gab es auch bei Grün. Im Mittelalter gleichermaßen verpönt wie Gelb, wurde es erst im 18. Jahrhundert kurz salonfähig – als die Naturverehrung a la Rousseau grüne Kleidung zum Statement machte. Auch als Farbe der Frauenbewegung tauchte Grün kurz auf.
Trauermode und Trendfarbe „gebrochenes Weiß“
Natürlich fehlt Schwarz in der Schau nicht – im Gegenteil. Die Ausstellung zeichnet nach, wie sich aus dem „Schwarzseidenen“ des 19. Jahrhunderts, dem besten Kleid einer bürgerlichen Frau, das legendäre kleine Schwarze entwickelte. Besonders aufwendig ist ein mit Glasstickerei, Pailletten und Glanzapplikationen besticktes Trauerkleid aus dem 19. Jahrhundert. In Wien habe es eigene Kaufhäuser ausschließlich für Trauerwaren gegeben, so Lindinger. Das exquisite Schaustück sei auf Abendgesellschaften getragen worden, vermutlich auf der Suche nach einem neuen Ehemann.
Die Trendfarbe in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war dagegen „gebrochenes Weiß" – illustriert etwa mit locker sitzender, seidenen Festkleidern im Stil der Empiremode, mit aufwendigen, plastischen Verzierungen. Solche Kleider gehen auf eine bemerkenswerte archäologische Fehlinterpretation zurück: Gebildete Bürgerinnen besuchten die antiken Stätten und schwärmten von den „weißen" Tempeln der Antike. Dass diese tatsächlich bunt bemalt gewesen waren, wusste man damals noch nicht.
Falcos kurze Hosenbeine
Das Popkultur-Highlight der Schau liefert Falco. Den silbergrauen Helmut-Lang-Anzug kaufte der Musiker Anfang der 1980er Jahre um 35.000 Schilling. Falco trug ihn beim Videodreh von „Brillantin’ Brutal", wo eine Regenmaschine das teure Stück ruinierte – die Anzugbeine waren fortan ein paar Zentimeter zu kurz.
Ausstellungshinweis
„Farbenspiel. Mode aus vier Jahrhunderten“, Wien Museum am Karlsplatz, bis 28. März 2027
Zu den seltensten ausgestellten Stücke zählt ein cremefarbenes elegantes Promenadenkleid der Schwestern Flöge, die um 1900 einen stadtbekannten Modesalon in Wien führten. Das Aushängeschild des Salons war die Klimt-Freundin Emilie Flöge. Das Salonarchiv verbrannte 1945, daher ist das Kleid „etwas wirklich Besonderes", so Lindinger.
Blau durch Militär zur Männerfarbe
Die weltweit beliebteste Kleiderfarbe ist heute Blau. Das hat eine lange Geschichte: Blau war ursprünglich die Farbe der Frauen – der Gottesmutter Maria, der antiken Göttinnen. Eine zart bestickte Mädchentaufgarnitur von 1745 erinnert daran. Der Bedeutungsumschwung kam durch das Militärwesen: Im 18. Jahrhundert war die Herstellung blauer Uniformen preiswert, „Preußischblau“ wurde zur Männerfarbe.
Mit dem dunkelblauen Kostüm von 1950, entworfen von der Grande Dame der Wiener Haute Couture Gertrud Höchsmann, zeigt man das klassische „Working Outfit" für Frauen in Wien: schlicht, unauffällig, überall tragbar. Laut Lindinger steht es im Gegensatz zu London oder Paris. Wiener Mode sei „immer eher einfach, unauffällig, sie hat keine grellen Farben".
Farbsortierung nicht immer hilfreich
Die Sortierung nach Farben im Wien Museum ist äußerst hübsch anzuschauen und lädt zum Entdecken ein. Für die kulturgeschichtliche Vertiefung ist die Sortierung bisweilen aber ähnlich praktisch wie ein nach Farben sortiertes Bücherregal. Die Überblickstexte zu den einzelnen Farben stehen selten in Bezug zu einzelnen Objekten, die Objekttexte sind selten an das Thema Farbe angeknüpft. So oder so: eine tolle Schau.