Warum ich jetzt anspruchsvoller schreibe

Stand: 30.09.2026, 13:55 Uhr

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Leipziger Buchmesse: Eine Hand grefi nach einem Buch.

Nehmen Sie ein Buch in die Hand, aber lesen Sie es bitte auch! © Christian Grube/Imago

Vielleicht bereiten wir uns auf die falsche Zukunft in den Betrieben vor. Vielleicht wartet da gar keine Super-Intelligenz, sondern eine Super-Dummheit. Die Kolumne „Anders arbeiten“ von Carsten C. Schermuly.

Auf drei Dinge konnte man sich im 20. Jahrhundert verlassen: Deutschland gewinnt im Elfmeterschießen, die Rente ist sicher und die Intelligenzwerte steigen kontinuierlich.

Letzteres nennt man den Flynn-Effekt. James R. Flynn konnte nachweisen, dass pro Jahrzehnt die globalen Intelligenzwerte um etwa zwei bis drei IQ-Punkte stiegen. Als Ursachen gelten Umweltfaktoren: Die Ernährungslage sowie die Gesundheitsversorgung wurden verbessert und davon profitierte das Gehirn. Dazu kamen kleinere Familien, längere und anspruchsvollere Schulkarrieren sowie eine Umwelt, die abstraktes Denken stärker fordert.

Nun klappt das nicht mehr mit dem Elfmeterschießen, die Rente muss reformiert werden und der Flynn-Effekt hat sich vielerorts umgekehrt. Nicht nur in Deutschland scheitern junge Menschen an den Pisa-Aufgaben.

Carsten C. Schermuly ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der SRH University of Applied Sciences. Er schreibt über New Work und andere Entwicklungen am Arbeitsmarkt.

Carsten C. Schermuly ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der SRH University of Applied Sciences. Er schreibt über New Work und andere Entwicklungen am Arbeitsmarkt. © Ivgenia Möbus

Doch warum werden wir dümmer? Für einen evolutionären Effekt geht das zu schnell. Für die Pandemie als Ursache startet der Effekt zu früh. Und auch wohlhabende Familien sind weltweit von Intelligenzeinbußen betroffen, wie die „Zeit“ schreibt.

Ein naheliegender Kandidat für das Phänomen ist das Smartphone. Mit dessen Einführung geht abrupt die Leseintensität von Büchern und anderen „schwierigen“ Texten zurück. Lesen ist Training für das Arbeitsgedächtnis und die Verarbeitungsgeschwindigkeit. Diese kognitiven Basiskompetenzen braucht man auch für weitere Intelligenzleistungen.

Doch nun kommt die nächste Chance für die kognitive Erosion. Wir hören auf zu schreiben und lassen es die KI machen. Wir lesen glitschigen KI-Output und lassen KI dasselbe schreiben. Das hat Konsequenzen: „If you not use it you lose it“

Das Problem könnte dabei nicht nur die Jüngeren betreffen. Die fluide Intelligenz nimmt im Erwachsenenalter durchschnittlich bereits relativ früh ab. Bisher konnte dieser Rückgang bei einigen Menschen durch Wissen, Erfahrung und gelerntes Denken kompensiert werden. Dafür muss aber das Hirn im Alltag genutzt werden.

Vielleicht bereiten wir uns auf die falsche Zukunft in den Betrieben vor. Vielleicht wartet da gar keine Super-Intelligenz. Anant Agarwala und Martin Spiewak schreiben von der Gefahr einer Super-Dummheit: „Uninformiert, unkritisch, unkreativ. Das menschliche Gegenstück zur allmächtigen Rechenmaschine.“ Vielleicht bringt uns die KI gar nicht um, sondern wir machen das wieder selbst.

Ich habe für mich einen Entschluss gefasst. Ich schreibe jetzt anspruchsvoller und schließe entsprechend: Zur Konservierung und potenziellen Stabilisierung der eigenen kognitiven Leistungsfähigkeit hilft die regelmäßige Auseinandersetzung mit anspruchsvollen, nicht algorithmisch vorstrukturierten Schriftstücken. Ein letzter, durchaus evidenzbasierter Hinweis sei dabei gestattet: Sie können zu diesem Zweck gerne ein Buch in die Hand nehmen. Allerdings sollte eine zentrale Voraussetzung für dessen potenzielle kognitive Wirksamkeit nicht übersehen werden: Sie müssen es anschließend auch aufschlagen.